Bremer Krankenhausspiegel Staatsrat warnt vor Klinikvergleich

Bremen. "Der Krankenhausspiegel ist ein riesiger Schritt zu mehr Transparenz im Gesundheitswesen", sagte der Bremer Gesundheitsstaatsrat Hermann Schulte-Sasse noch vor einem Jahr. Mittlerweile hat er Zweifel am Nutzen des Gesundheitsführer.
09.06.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Marcus Schuster

Bremen. "Der Krankenhausspiegel ist ein riesiger Schritt zu mehr Transparenz im Gesundheitswesen", sagte der Bremer Gesundheitsstaatsrat Hermann Schulte-Sasse noch vor rund einem Jahr bei der Präsentation des Gesundheitsführers. 14 Kliniken aus Bremen und Bremerhaven veröffentlichen darin gemeinsam und transparent, wie sie sagen, die Qualität ihrer medizinischen Behandlungsangebote. Mittlerweile hat Schulte-Sasse Zweifel am Nutzwert des "Krankenhausspiegels". Aus diesem Grund blieb er gestern auch der Präsentation einer weiteren Kategorie des Online-Angebots fern, den Herzerkrankungen.

Der Platz von Gesundheitssenatorin Ingelore Rosenkötter war leer, weil sie wegen der EHEC-Krise zu einem Sondertreffen von Bund und Ländern nach Berlin musste. Schulte-Sasse hätte sie vertreten können, wollte er aber nicht. Er distanziert sich von der derzeitigen Ausgestaltung des Krankenhausspiegels, der einst von der Senatorin und der Bremer Krankenhausgesellschaft zur Darstellung und Verbesserung der Behandlungsqualität in örtlichen Kliniken initiiert worden ist.

Das Online-Portal habe sich, so der Vorwurf Schulte-Sasses, zu einem reinen Marketing-Instrument der entsprechenden Häuser entwickelt. "Was einst ein Schritt in die richtige Richtung war, ist sogar zu einem Rückschritt geworden - statt Information Desinformation." Zahlen stünden unkommentiert und verursachten Widersprüche. Außerdem würden die Ergebnisse, begründet auf Befragungen zur Patientenzufriedenheit, bislang jeweils nur auf das gesamte Krankenhaus bezogen veröffentlicht - und nicht auf die jeweilige Fachabteilung, wie Schulte-Sasse sowie die Verbraucherzentrale und die "Unabhängige Patientenberatung Bremen" fordern, die das Projekt neben der Techniker Krankenkasse, der "hkk Erste Gesundheit" und der Bremer Ärztekammer unterstützen.

"Sie können einen Patienten nicht viermal befragen, wo er sich jeweils wohlgefühlt hat" , sagte der Geschäftsführer der Bremer Krankenhausgesellschaft, Uwe Zimmer, bei der gestrigen Pressekonferenz, "wenn er etwa von der Chirurgie in die Innere Abteilung kommt, von dort auf die Intensivstation und wieder zurück". Daher seien die Informationen des Spiegels nicht herunterzubrechen auf einzelne Klinikabteilungen. Das ärgert Hermann Schulte-Sasse. "Hier wird eine Chance, Patienten zu informieren, komplett vertan."

Entscheidungshilfe

Unter der Internetadresse www.bremer-krankenhausspiegel.de können Patienten und vor allem auch ihre behandelnden Ärzte seit über einem Jahr Entscheidungshilfe bekommen, bei welchen Eingriffen sie in welcher Klinik am besten betreut werden. Informationen stehen für derzeit 15 Krankheitsbilder und Behandlungsverfahren zur Verfügung, "die aufgrund ihrer Häufigkeit auf besonderes Interesse in der Bevölkerung stoßen", heißt es auf der Internetseite. Darunter fallen etwa Gallenblasenoperationen, Hüftgelenkersatz und, neuerdings, Daten von Herzkatheteranwendungen, Bypass- und Herzklappenoperationen.

Neben den Qualitätsergebnissen sind zwei weitere Kategorien abrufbar: Portraits der Krankenhäuser und weiterführende medizinische Informationen zu den abgedeckten Krankheitsbildern, wie Ursachen, Risikofaktoren, Symptome und Therapie. Kombiniert bedeutet das, dass zum Beispiel Patienten mit Gallenblasenbeschwerden über den Krankenhausspiegel "erfahren, wann eine Operation erforderlich ist, wie die Behandlung abläuft und welches Krankenhaus wie oft im Jahr einen solchen Eingriff vornimmt", so die Pressemitteilung. "Einzelne Qualitätsmerkmale geben Auskunft darüber, ob alle Patienten vorab umfassend untersucht worden sind oder wie oft es zu Komplikationen im Heilungsverlauf kommt."Ziel des Informationsangebots sei nicht, die beste Klinik zu ermitteln oder eine Rangliste aufzustellen, sondern "mit der Offenlegung der Ergebnisse eine weitere Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Krankenhäuser" zu erreichen.

Auf diese Weise - mit Transparenz - gewinne man Vertrauen, sagte Uwe Zimmer, und nicht anders. Er hob die neue Möglichkeit hervor, im Krankenhausspiegel auch Zeitverläufe von Behandlungsarten anzeigen zu lassen. Qualitätsergebnisse im Jahresvergleich, etwa zwischen 2008 und 2009, zeigen so bestimmte Veränder- und Verbesserungen - in Bremen gesamt wie in einzelnen Häusern -, außerdem den Bundesvergleich und einen jeweiligen Referenzbereich (welche Zahlen gemeinhin noch als "gut" einzustufen sind).

"Eine Herausforderung"

"Für unsere Kliniken ist diese Transparenz bei der Patientenzufriedenheit durchaus eine Herausforderung", sagte Zimmer. "Natürlich möchte man sich nicht schlecht darstellen." Er hob die Unabhängigkeit des Informationsangebots hervor - "ein stark ausgleichender Mechanismus" sei schon durch die Partner wie Ärztekammer und Gesundheitsbehörde gegeben. "Wir stellen die Zahlen ungeschminkt dar."

Positive Zahlen in Sachen Herzinfarkt-Behandlung hatte Rainer Hambrecht mitgebracht, Chefarzt für Kardiologie am Klinikum Links der Weser. Nirgendwo sonst in Deutschland überleben demnach so viele Patienten einen Herzinfarkt wie in Bremen und Bremerhaven. Die Sterblichkeit unmittelbar oder kurzfristig nach einem Herzinfarkt weicht im kleinsten Bundesland um 46 Prozent nach unten vom Bundesschnitt ab. Gleichzeitig habe Bremen rund 30 Prozent mehr Herzinfarktfälle als die anderen Bundesländer im Schnitt. "Wir sind also nicht gut in Prävention, aber in Notfallbehandlung", sagte Hambrecht.

Deutschlandweit einzigartig sei die zentrale Versorgung von Herzinfarkt-Patienten an einem Interventionszentrum. "Unser Einzugsgebiet hat etwa eine Million Menschen", so Hambrecht. Bei einem Herzinfarkt würden alle nach "Links der Weser" geschickt - anders als zum Beispiel in Hamburg, wo man bis zu zehn mögliche Verteilorte habe. Daraus resultierten aber auch manch höhere Zahlen aus dem Krankenhausspiegel, so Hambrecht. "Wir bekommen alle schweren Fälle aus Bremen und umzu. Wir müssen praktisch eine höhere Komplikationsrate haben als andere."

Der Bremer Krankenhausspiegel werde gut vonseiten der Patienten angenommen und als informativ und hilfreich geschätzt, teilt die Verbraucherzentrale mit. Zusammen mit Menschen wie Staatsrat Schulte-Sasse ist man gleichwohl damit nicht zufrieden. "Aus den aktuellen Koalitionsverhandlungen wird ein noch klareres Transparenzprinzip als Forderung an die Verantwortlichen gerichtet werden", sagt Schulte-Sasse. "Die Abwehrkämpfe der Kliniken werden in einer aufgeklärten Gesellschaft wie der unseren keine Chance haben."

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