Arcelor-Mittal-Chef im Interview Stahlwerke Bremen sind in schwieriger Lage

Der Vorstandsvorsitzende der Bremer Stahlwerke Dietmar Ringel spricht im Interview über Dumpingpreise, Wettbewerbsnachteile und Sparzwänge.
05.02.2016, 18:00
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Stahlwerke Bremen sind in schwieriger Lage
Von Petra Sigge

Der Vorstandsvorsitzende der Bremer Stahlwerke Dietmar Ringel spricht im Interview über Dumpingpreise, Wettbewerbsnachteile und Sparzwänge.

Dietmar Ringel hat Eisenhüttenkunde studiert und kam 1992 nach Bremen. Seit 2009 ist er Vorstandsvorsitzender von Arcelor-Mittal Bremen. Der 59-Jährige hat zwei erwachsene Töchter und lebt mit seiner Frau in Osterholz-Scharmbeck.

Herr Ringel, Sie sagen, der billige Stahl aus China setzt die Hütte an der Weser unter Preisdruck. Überproduktionskrisen in der Stahlindustrie sind aber ja nichts Ungewöhnliches. Die hat es in den letzten Jahrzehnten immer wieder gegeben. Was unterscheidet die heutige Krise von früheren?

Dietmar Ringel: Die Stahlmengen, die aus China nach Europa geliefert werden, sind rasant gestiegen. Das summiert sich inzwischen, hochgerechnet auf das Jahr 2015, auf eine Größenordnung von circa zwölf Millionen Tonnen pro Jahr. Gegenüber vergangenen Jahren ist das eine enorme Steigerung – fast jede dritte Tonne Stahl, die im Jahr 2015 in die EU importiert wurde, kam damit zuletzt aus China. Dieser Stahl wird hier zu Dumpingpreisen angeboten und setzt den ganzen Markt unter Druck. Hinzu kommen politische Rahmenbedingungen, die es uns noch schwerer machen, wettbewerbsfähig zu bleiben.

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Sie meinen die verschärften Klimaschutz-Auflagen der EU?

Ja, unter anderem. Wobei wir uns als Stahlindustrie da selbst ganz klar in der Verantwortung sehen, was die CO2-Emissionen und den Klimaschutz betrifft. Der stellen wir uns auch und es gibt bereits viele Aktivitäten, um den Ausstoß zu senken. Künftig sollen den europäischen Stahlherstellern hier jedoch noch weitere Belastungen aufgebürdet werden, die nur von uns, aber eben nicht von den Chinesen oder anderen Regionen in der Welt getragen werden müssen. Das bedeutet eine Wettbewerbsverzerrung, die für unsere Industrie, die international konkurrenzfähig sein muss, einfach nicht tragbar ist. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Belastungen durch das künftige Erneuerbare-Energien-Gesetz sowie ständig steigende Netznutzungsgebühren in Deutschland.

Welche Mehrkosten bedeutet das für die Bremer Hütte?

Wenn man alle Maßnahmen zusammen nimmt, reden wir über eine Summe zwischen 40 und 50 Millionen Euro in den nächsten Jahren. Die Auswirkungen der Dumpingpreise sind da noch gar nicht betrachtet.

Um sich vor den Billigimporten zu schützen, fordert die europäische Stahlbranche unter anderem Strafzölle. Aber die EU hat ja bereits Importzölle für bestimmte Stahlprodukte verhängt – haben die nichts genützt?

Diese Strafzölle beziehen sich nur auf einen kleineren Teil der chinesischen Stahlexporte, und sie betreffen auch nicht die Produkte aus dem Bremer Stahlwerk. Wir streben eine zeitnahe und konsequente Anwendung des Handelsschutzinstrumentariums der EU an, das die europäische Stahlindustrie wirksam vor weiterem Dumping-Stahl aus China schützt. Oftmals dauert es leider noch viel zu lange, bis die Handelsschutzinstrumente in der EU greifen.

Wie wirkt sich der Preisdruck konkret auf das Bremer Werk aus?

So wie die anderen Stahlhersteller müssen auch wir deutliche Abstriche bei unseren wirtschaftlichen Ergebnissen hinnehmen.

Macht das Werk denn tatsächlich Verluste?

Wir befinden uns derzeit in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Lage. Es ist unser Ziel, positive Ergebnisse zu erwirtschaften und gleichzeitig den Standort mit Investitionen weiter zu entwickeln. Doch das Geld dafür muss erst mal verdient werden. Das wird ohne faire wirtschaftliche Rahmenbedingungen immer schwerer, und dafür setzen wir uns ein.

Das Werk Bremen walzt und formt hochspezialisierte Bleche vor allem für die Autoindustrie. Kann China überhaupt den Stahl in gleicher Qualität liefern und damit auch die Produkte, die Sie hier in Bremen herstellen?

Wir produzieren in Bremen nicht nur Spezialstähle, sondern haben auch eine Reihe anderer Produkte. Daher stehen wir auf jeden Fall in Konkurrenz zu Produkten aus China. Wobei die Chinesen schon Stahl mit guter Qualität liefern. Es gibt da durchaus Teile – auch für die Automobilindustrie –, die durch chinesische Importe abgedeckt werden könnten. Gleichzeitig macht uns der Dumping-Stahl aus China auch auf dem Auslandsmarkt Konkurrenz. Weltweit hat China im vergangenen Jahr voraussichtlich mehr als 110 Millionen Tonnen Stahl exportiert. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf unsere Exportmöglichkeiten.

Aber der größte Teil der Produktion aus dem Bremer Stahlwerk geht doch an Kunden in der Region – wie VW oder Daimler. Kurze Lieferwege sind offenbar wichtig. Ist Stahl aus China da wirklich eine Konkurrenz?

Wir liefern unseren Stahl nicht nur in der Region aus, sondern auch in anderen Teilen Deutschlands und Europas. Chinesischer Stahl ist in Europa auf dem Markt und das zu Dumpingpreisen – das belastet unsere Wettbewerbsfähigkeit erheblich.

Was ist denn in Bremen konkret bedroht? Sind es die Hochöfen und die Rohstahlerzeugung – oder geht es vor allem um die Weiterverarbeitung des Stahls, die Walzwerke und die Veredelung?

Wir sind in Bremen ein integrierter Stahlstandort mit kompletter Wertschöpfungskette, und die gilt es zu erhalten. Da macht es keinen Sinn, einzelne Teile gegeneinander aufzuwiegen oder getrennt voneinander zu betrachten.

Sie haben vor einem Jahr ein neues umfangreiches Effizienzprogramm aufgelegt, mit dem Sie in den nächsten fünf Jahren rund 200 Millionen Euro im Bremer Werk einsparen wollen. Ist das plötzlich nicht mehr genug?

Das ist tatsächlich ein großes Programm, mit dem wir über die Jahre unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten und ausbauen wollen. Aber es wird nicht reichen, um die Zusatzbelastungen aufzufangen, die kurz- und mittelfristig auf uns zukommen. Unfaire Importe aus China zu Dumpingpreisen drücken dabei ebenso wie auch mögliche Zusatzbelastungen durch die Reform des Emissionshandels.

Um weiter zu sparen, fordern Sie neue Zugeständnisse von der Belegschaft. Welche sind das?

Wir haben bei den jüngsten Betriebsversammlungen klar gemacht, dass es bei der Diskussion über Kostensenkungen keine Tabus geben darf. Wir brauchen in der jetzigen Situation Sonderaktionen, zu denen aus unserer Sicht auch eine Reduzierung der Arbeitskosten gehört. Wobei die Belegschaft in den Versammlungen ihre Zustimmung signalisiert hat, so dass über die Art und Weise der Umsetzung jetzt mit den Arbeitnehmervertretern verhandelt wird.

Wie viel soll denn insgesamt noch zusätzlich eingespart werden?

Zunächst müssen wir mit dem Betriebsrat darüber sprechen, welche Möglichkeiten umsetzbar sind. Anschließend können und werden wir über Ergebnisse reden. Dafür ist es jetzt noch zu früh.

Nächste Woche soll es einen Bremer Stahlgipfel geben. Auch Bürgermeister Carsten Sieling wird dabei sein. Was erhoffen Sie sich davon?

Auf politischer Ebene im Bund hat auch Bremen eine Stimme – etwa wenn es um Entscheidungen geht, wie ein künftiges Erneuerbare-Energien-Gesetz aussieht oder wie der Emissionshandel gestaltet werden soll. Da erhoffen wir uns, dass Bremen die Position der Industrie stützt. Der Gipfel ist eine sehr gute Gelegenheit, sich mit dem Bürgermeister und der Gewerkschaft darüber auszutauschen, welche Risiken da auf uns zukommen und welche Erwartungen wir an die Politik haben. Auch auf lokaler Ebene wollen wir diskutieren, bei welchen Themen man sich in Zukunft besser vernetzen könnte.

Was meinen Sie damit?

Der Autobahnbau zum Beispiel wird ein wichtiger Punkt beim Ausbau der Infrastruktur sein. Wir wollen wissen, wie schnell solche Dinge vorangehen und wie sich Bremen zum Industriestandort und insbesondere zur Stahlproduktion hier positioniert.

Für 350 Millionen Euro modernisiert

Die Bremer Hütte mit ihren 3500 Beschäftigten ist eine von weltweit etwa 60 Produktionsstätten von Arcelor-Mittal. Im vergangenen Jahr wurden dort 3,5 Millionen Tonnen Rohstahl produziert. Größter Kunde ist die Automobilindustrie – allen voran VW. Seit 2015 beliefert das Stahlwerk auch Mercedes mit fertigen Autoblechen. Neben Konstruktionsstahl für Gebäude sowie Blechen für Waschmaschinen- oder Kühlschrankgehäuse stellen die Bremer zudem Röhrenstähle für Windkraftanlagen und Pipelines her. Mit der Lieferung von 300 000 Tonnen Stahl für den Bau einer 1800 Kilometer langen Gaspipeline durch die Türkei konnte das Stahlwerk Ende 2014 den größten Einzelauftrag in der Unternehmensgeschichte vermelden. In den vergangenen sechs Jahren hat der Arcelor-Mittal-Konzern mehr als 700 Millionen Euro in die Modernisierung seiner vier deutschen Produktionsstätten gesteckt. Die Hälfte davon floss nach Bremen.

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