Protestmarsch am Bremer Klinikum Links der Weser Streit um Arbeitsklima in Krankenhäusern

Bremen. Städtische Kliniken, belastetes Personal: Beides hat am Donnerstag für Aufruhr gesorgt - im Parlament und auf der Straße. Am Klinikum Links der Weser hat es eine Betriebsversammlung mit Protestmarsch gegeben. An anderen Krankenhäusern gärt es ebenfalls.
15.04.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Streit um Arbeitsklima in Krankenhäusern
Von Wigbert Gerling

Bremen. Städtische Kliniken, belastetes Personal: Beides stand gestern mehrfach im Zentrum - im Parlament, auf der Straße und im Ärzteverband. In der Bürgerschaft wurden kritische Bewertungen zur Stimmung im kommunalen Klinikverbund diskutiert, parallel gab es eine Betriebsversammlung am Klinikum Links der Weser mit anschließendem Protestmarsch. Losung: "Wehrt euch, leistet Widerstand - gegen Stellenabbau im LdW". Und der Ärzteverband Marburger Bund veröffentlichte die Ergebnisse einer Befragung, wonach der Mangel an Medizinern auch in Bremer Krankenhäusern spürbar ist.

Es wurde gestern mit Zahlen operiert. Laut Erhebung der Ärztegewerkschaft Marburger Bund sagten 21 Prozent der befragten Mediziner, sie müssten 60 bis 80 Stunden wöchentlich arbeiten. Lediglich 25 Prozent hätten angegeben, dass in ihren Kliniken alle Arztstellen besetzt seien. Und 53 Prozent spielten mit dem Gedanken, ihre Arbeit im Krankenhaus aufzugeben. Damit liege dieser Wert in Bremen um neun Prozent über dem Bundesdurchschnitt.

Der Marburger Bund hat zudem bilanziert, dass laut Umfrage die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei den Ärzten ganz oben auf der Wunschliste stehe. Zudem seien sie am Bürokratieabbau interessiert. 57 Prozent der Befragten müssten sich täglich zwei Stunden und mehr um Verwaltungstätigkeiten kümmern. Und die bessere Weiterbildung gehöre zu den wichtigen Anliegen des ärztlichen Nachwuchses.

"Wir finden den immer noch weit verbreiteten Bruch des geltenden Arbeitszeitgesetzes und der vereinbarten tariflichen Arbeitsbedingungen unverantwortlich und skandalös," erklärte Heidrun Gitter, Vorsitzende des Marburger Bundes im Landesverband Bremen. Die hohe Einsatzbereitschaft von jungen Ärztinnen und Ärzten werden "oftmals rücksichtslos ausgenutzt". Und die zahlreichen Bereitschaftsdienste seien, so Heidrun Gitter, "belastend und erschweren die Vereinbarkeit von Familie und Beruf".

Arbeitsbedingungen in der Pflege sorgten auf der Betriebsversammlung gestern im Klinikum Links der Weser für Gesprächsstoff mit kritischer Prägung. Grundlage der Diskussion war eine Protestnote, gerichtet an den Senat und die Parteien in der Bürgerschaft. Darin hatte der LdW-Betriebsratsvorsitzende Roman Fabian unter anderem formuliert, der "konzeptionslose Stellenabbau", für den die Geschäftsführung des städtischen Klinikverbunds "Gesundheit Nord" (GeNo) verantwortlich sei, könne nicht länger hingenommen werden. Es werde gegen das Arbeitszeitgesetz verstoßen, es gebe eine "auffällig hohe Personalfluktuation." Vielfach würden Leiharbeiter eingesetzt. Die Arbeitsbelastungen in der Pflege sind enorm," betonte Marianne Carl, Kollegin von Fabian in der LdW-Belegschaftsvertretung. Zugleich werde weiter "heruntergespart".

Nach der Versammlung nahmen Beschäftigte der Klinik an einem Protestmarsch auf der Straße teil. Dazu hielten sie beschriftete Tafeln hoch: "Gestern Normalbesetzung, heute Mindestbesetzung, morgen Notbesetzung". Oder mit Blick auf die Arbeitsbelastung und ihre Folgen: "Burn out ist das neue Schlagwort der GeNo".

Mehrfach wurde GeNo-Geschäftsführer Diethelm Hansen, ins Visier genommen, der unter anderem für die hohe Personalfluktuation verantwortlich sei. Beklagt wurde zudem, dass sich das Klima in den Kliniken verschlechtere. Kritiker müssten mit der Androhung arbeitsrechtlicher Konsequenzen rechnen oder kündigten selbst. Letzteres bezog sich auf den Entschluss des Chefarztes für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Hüseyin Taylan Öney, der nicht die Pensionsgrenze abwarten, sondern den Dienst am Klinikum Links der Weser vorzeitig quittieren will.

Schlechtes Klima, Ärzte wenden sich ab - beides spielte gestern parallel zu Versammlung und Protestmarsch eine Rolle im Parlament. Der CDU-Abgeordnete Claas Rohmeyer erkundigte sich bei Gesundheits-Staatsrat Hermann Schulte-Sasse nach den Hintergründen dafür, dass Ärzte gingen und auch Ehemalige nicht mit Kritik sparten. Und er referierte Klagen von Beschäftigten, die keine Perspektive mehr sähen und sich beruflich neu orientierten - außerhalb des städtischen Klinikverbunds.

Staatsrat Schulte-Sasse betonte, es sei sehr bedauerlich, wenn angesehene Ärzte gingen. Und wenn sie dies mit kritischen Bewertungen verknüpften, dann sei dies im jeweiligen Fall persönlich wohl verständlich, könne aber den Klinikverbund nicht vom eingeschlagenen Kurs abhalten. Er wies den Eindruck zurück, Kritiker müssten mit einem Maulkorb rechnen. Vielmehr gebe es eine "Kultur des klares Wortes" - und damit habe er "null Problem".

Geschäftsführer Diethelm Hansen erklärte, der Weg zur Sanierung der Kliniken bedeutet für alle fraglos auch eine hohe Belastung. "Da rede ich nichts schön." Das Resultat der Arbeit könne sich unverändert sehen lassen. Aus einer Befragung gehe hervor, dass die kommunalen Kliniken von meist deutlich über 90 Prozent der Patienten weiter empfohlen würden. Und auf einer Skala mit Schulnoten würden die Krankenhäuser mit 1,7 und besser bewertet.

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