Terror in Frankreich

Wieso es in Frankreich immer wieder islamistische Anschläge gibt

Drei Anschläge innerhalbe weniger Wochen hat es in Frankreich gegeben. Erst am Montag trauerten die Franzosen bei einer Schweigeminute um einen getöteten Lehrer. Wieso trifft es immer wieder Frankreich?
02.11.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Birgit Holzer
Wieso es in Frankreich immer wieder islamistische Anschläge gibt

Jean Castex (2.v.l), Premierminister von Frankreich, und Jean-Michel Blanquer (2.v.r), Bildungsminister von Frankreich, bei einer Schweigeminute für den getöteten Lehrer Paty.

THOMAS COEX

Eine Minute Schweigen für Samuel Paty. Der Schulbeginn nach den Herbstferien begann in Frankreich am Montag mit einem Gedenken an den Lehrer, der vor zweieinhalb Wochen von einem Islamisten enthauptet wurde, nachdem er im Unterricht Karikaturen des Propheten Mohammed aus dem Satiremagazin „Charlie Hebdo“ gezeigt hatte. „Wir werden nicht akzeptieren, dass die Schweigeminute nicht respektiert wird“, hatte Bildungsminister Jean-Michel Blanquer gewarnt. Denn nach den Anschlägen gegen „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt im Januar 2015 hatten muslimische Schüler das Gedenken verweigert.

Dieses Mal blieb es ruhig, doch die Nervosität zeigte, wie heikel das Thema ist. Zumal am vergangenen Donnerstag erneut drei Menschen bei einer islamistischen Terror-Attacke in einer katholischen Kirche in Nizza getötet wurden. Der Täter, ein 21-jähriger Tunesier, war erst im Herbst über die italienische Insel Lampedusa nach Europa eingereist und hatte sich höchstens seit ein paar Tagen in Frankreich aufgehalten. Ende September verletzte ein 25-Jähriger aus Pakistan vor dem ehemaligen Gebäude von „Charlie Hebdo“ zwei Menschen mit einem Fleischerbeil schwer; zum Auftakt des Prozesses um die Anschläge von 2015 hatte die Satirezeitschrift erneut Mohammed-Karikaturen abgedruckt.

Einsatzkräfte der Antiterror-Operation „Sentinelle“ mehr als verdoppelt

Drei Anschläge hat Frankreich innerhalb weniger Wochen erlebt. „Einmal mehr wurde unser Land von einer islamistischen Terror-Attacke getroffen“, betonte Präsident ­Emmanuel Macron. „Aber wir werden nicht weichen.“ Die Anzahl der Soldaten der Antiterror-Operation „Sentinelle“ werde zur Überwachung religiöser Stätten und Schulen von 3000 auf 7000 erhöht, der Kampf gegen Hassprediger und ­islamistische Propaganda im Internet verschärft. Seit 2015 sind 270 Menschen in Frankreich bei ­islamistischen Attentaten getötet worden. Während diese in den meisten Fällen von Männern mit französischer Staatsbürgerschaft verübt wurden, von denen mehr als 8000 wegen Radikalisierung unter Beobachtung stehen, handelte es sich bei den Tätern der jüngsten drei Anschläge aber um Ausländer.

Dem Experten für Terrorismus am Französischen Institut für internationale Beziehungen, Marc Hecker, zufolge nennen Terrororganisationen wie El-Kaida und der selbst ernannte Islamische Staat (IS) Frankreich als Zielscheibe, denn es befinde sich laut deren Propaganda in einem „Krieg gegen den Islam“: Im Inneren äußere sich dieser „Krieg“ durch die gesetzlich verankerte Laizität, die Trennung von Staat und Religion, die „in der dschihadistischen Propaganda wie eine institutionalisierte Islamophobie dargestellt wird“, und im Äußeren durch die diplomatischen und militärischen Aktivitäten Frankreichs in muslimischen Ländern von Mali über Libyen bis Syrien. Zuletzt empörte Macron viele Menschen in einigen muslimisch geprägten Ländern, indem er während der Trauerfeier für Paty bekräftigte, Frankreich werde nicht auf die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen verzichten.

Attentate werden laut oft nachgeahmt

Die „Strategie der tausend Nadelstiche“ des IS bestehe laut Hecker in einer Logik, dass viele kleine Attacken die Gesellschaften der „feindlichen Länder“ auszehren sollen. Man wolle eine Reaktion der Behörden wie auch Gegenangriffe gegen Muslime provozieren, um eine Eskalationsspirale zu erreichen. Terrorakte, so der Experte, werden oft in Wellen verübt, auch aus Nachahmung und gefördert durch die sozialen Netzwerke.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+