Umkämpftes Schottland

„Mein Name ist Willie Bain, ich bin Ihr lokaler Kandidat, wie geht es Ihnen?“, stellt sich der ungebetene Gast vor. Der 42-Jährige will die sozialdemokratische Labour-Partei vor dem Untergang in Schottland retten.
03.05.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Er öffnet die Haustür in schwarzer Jogginghose, mit Bier in der Hand und Silberkette um den Hals. Der süßliche Geruch von frisch gekochtem Meat Pie dringt aus dem Inneren. Der Schotte wurde sichtlich beim Abendessen von dem klingelnden Mann gestört. „Mein Name ist Willie Bain, ich bin Ihr lokaler Kandidat, wie geht es Ihnen?“, stellt sich der ungebetene Gast vor und spult sein Sprüchlein herunter. Er erntet ein spöttisches Grinsen. „Ja, ja, ich weiß, wer Sie sind“, unterbricht ihn der Mann aus Nummer 95 und pult sich mit seinem Zeigefinger Essensreste zwischen den Zähnen hervor. „Labour!“, sagt er und es klingt wie ein Schimpfwort. Willie Bain lässt sich nicht beirren: Der 42-Jährige will die sozialdemokratische Labour-Partei vor dem Untergang in Schottland retten.

Hier, in der Mittelklasse-Wohngegend im Nordosten Glasgows, wo sich verwechselbare Häuser aus rotem Backstein aneinanderreihen und die meisten Autos, die auf dem kleinen Parkplatz herumstehen, auch anspringen, ist der richtige Ort. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Bei der Wahl droht Labour ein Debakel im hohen Norden. Deshalb zieht Bain jeden Tag in den Kampf auf das „Schlachtfeld“, wie Medien Schottland bereits nennen – mit einem Stapel Flugblätter und demonstrativer Zuversicht.

Unter normalen Labour-Umständen müsste er sich nicht so ins Zeug legen. Vor fünf Jahren wurde er mit knapp 70 Prozent zum Abgeordneten für den Wahlkreis Glasgow Nordost gewählt, der Kandidat der Schottischen Nationalpartei (SNP) kam gerade einmal auf 14 Prozent der Stimmen. Die drittgrößte Stadt des Königreichs galt immer als Bastion von Labour. Doch nichts ist mehr wie es wahr, seit die Schotten im vergangenen Herbst in einem Referendum über ihre Unabhängigkeit entscheiden durften, und die SNP trotz Niederlage – sie machte sich für die Abspaltung stark – seitdem auf einem Siegeszug ist. Die Mitgliederzahlen haben sich in den vergangenen sieben Monaten auf mehr als 100 000 vervierfacht. „Es wird knapp“, so befürchtet Willie Bain.

SNP vor Erdrutschsieg

Von einem Erdrutschsieg für die SNP gehen dagegen Experten aus. Einer aktuellen Umfrage zufolge könnte die SNP in Schottland auf 54 Prozent der Stimmen kommen, Labour lediglich auf 22 Prozent. Aufgrund des britischen Mehrheitswahlrechts, bei dem der Kandidat mit den meisten Stimmen den Wahlkreis für sich entscheidet, wird den Nationalisten damit zugetraut, bis zu 57 der 59 schottischen Sitze zu gewinnen. Da aller Wahrscheinlichkeit nach weder die konservativen Tories noch die Labour-Partei eine absolute Mehrheit im neuen britischen Parlament erreichen, würden die eigensinnigen, vom Nordsee-Öl verwöhnten Schotten viel Einfluss auf die Zusammensetzung der künftigen Regierung bekommen. Sie wollen vor allem die Sparpolitik der bisherigen Regierung beenden und mehr Geld für das Erziehungs- und Gesundheitswesen, Umweltschutz sowie die Sozialfürsorge ausgeben.

Oppositionsführer Ed Miliband hat zwar eine formelle Koalition mit der SNP ausgeschlossen. Labour könnte sich jedoch von den Schotten in einer Minderheitsregierung dulden lassen und zusätzlich die Waliser von Plaid Cymru sowie die derzeit mit den Tories koalierenden Liberaldemokraten ins Boot holen. Die SNP mit ihrer Chefin Nicola Sturgeon würde so in die Rolle des Königsmachers schlüpfen. Ein Szenario, vor dem die Konservativen unaufhörlich warnen. Erst kürzlich bezeichnete Premier David Cameron ein solches Bündnis als einen „Pakt, der in der Hölle gemacht“ wurde. Innenministerin Theresa May erklärte, eine Verbindung würde die „größte Verfassungskrise seit der Abdankung von König Edward VIII.“ im Jahr 1936 auslösen.

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