Interview mit der Bremerhavener Umweltdezernentin Anke Krein "Uns fehlt der Mut für die großen Schritte"

Bremerhaven. Klimastadt - dieses ehrgeizige Ziel hat sich Bremerhaven auf die Fahne geschrieben. Für die ersten Schritte hat die Stadt jetzt die Auszeichnung "European Energy Award" erhalten. Doch die Vision scheint schwer umsetzbar zu sein.
13.02.2012, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Frank Miener

Bremerhaven. Klimastadt - dieses ehrgeizige Ziel hat sich Bremerhaven auf die Fahne geschrieben. Für die ersten Schritte hat die Stadt jetzt die Auszeichnung "European Energy Award" erhalten. Frank Miener sprach mit der Umweltdezernentin Anke Krein über die Vision und die Schwierigkeiten bei der Umsetzung.

Klimastadt Bremerhaven - Wie ist der Stand der Dinge, Frau Krein?

Anke Krein: Wir haben ja von Anfang an gesagt, dass wir das werden wollen. In einigen Punkten sind wir das bestimmt auch schon, wenn wir an Leuchtturmprojekte denken wie die Windenergieindustrie, das Alfred-Wegener-Institut oder das Klimahaus. Aber wir sind ja schon lange auch in anderen Bereich aktiv und erfolgreich.

Welche sind das?

Zum Beispiel gibt es das 3/4-Plus-Programm an den Schulen.

Dabei werden die Schüler zum Energiedetektiv ausgebildet und achten auf einen niedrigen Verbrauch.

Unter anderem. Seit vielen Jahren läuft es, und es kann auch ein Vorbild für andere Einrichtungen der Stadt sein - sei es die Verwaltung oder Sportvereine. Man schafft für die Schüler Anreize, Energiesparmaßnahmen in den Schulgebäuden umzusetzen. Das hat dann den deutlichen Effekt, an der Stromrechnung zu sparen. Ein Viertel des eingesparten Geldes fließt an die Schule zurück. Die Schulen haben damit Millionen verdient und Bildungsprojekte finanziert.

Das ist aber nur ein Projekt. Klimastadt geht ja viel weiter. Ist es eine greifbare Vision oder doch nur eine Idee?

Ich glaube schon, dass es greifbar ist. Baustadtrat Volker Holm hatte bereits mit Erstellung des Masterplans 2011 angeschoben, dass der Fuhrpark der Stadtverwaltung endlich zentral verwaltet und beschafft werden soll. Das war bislang nicht der Fall. Hieraus erwarten wir einige CO2-Einsparungen. Wir sind auch dabei, durch Anträge und Anfragen in der Koalition endlich einem klimafreundlichen Gesamtverkehrskonzept für Bremerhaven den Weg frei zu machen.

Und sonst?

Ein weiteres Beispiel ist der erste Passivhauskindergarten, der jetzt fertiggestellt ist. Das kann ein Vorbild sein. Auch die neue Sporthalle an der Gaußschule soll so ökologisch wie möglich sein. Generationengerecht wäre es, unseren Nachfolgern nur noch Passivhäuser in die Stadt zu stellen. Wir haben ja noch mehr Bauvorhaben für Kindergärten in Vorbereitung. Es stellt sich die Frage, weshalb die nicht alle im Passivhausstandard errichtet, werden sollen Die Expertise dafür haben wir bei Seestadtimmobilien.

Kritik gibt es aber an der Öffentlichkeitsarbeit. Das Thema ist in der Bevölkerung nicht sehr präsent. Nach einer großen Auftaktveranstaltung 2010 ist nicht viel Wahrnehmbares gekommen.

Das ist ein wichtiger Punkt, über den alle bisherigen Akteure der Klimastadt nachdenken sollten. Bei allen Aktivitäten ist immer die Frage gestellt worden, inwiefern die Bevölkerung beteiligt wird. Übrigens gerade von den Autoren der Konzeptstudie Klimastadt war dies gewollt. Ich besuche daher unter anderem die Stadtteilkonferenzen. Wir haben aus diesem Grund aber auch eine Onlinebefragung gestartet. Außerdem will ich mit den Jugendverbänden und -einrichtungen einen Jugendklimarat gründen. Dort beginnen die jetzt ersten Gespräche. Dazu wollen wir Akteure und Vertreter anderer Städte einladen und überlegen, wie wir das hinkriegen können.

Das kostet Geld. Bremerhaven muss durch die Sanierungsvereinbarung allerdings 12,6 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Ihr Etat ist auch nicht groß. Wie soll das gehen?

Das bringt ja erstmal einen Mehrwert. Allein das 3/4plus-Projekt hat ja schon Millionen eingespart. Beim Passivhausbau dürfte es nicht anders aussehen, das muss nur mal vernünftig durchgerechnet werden - auf die Lebenszeit eines Hauses zum Beispiel. Aber ich weiß, worauf Sie hinaus wollen. Im Umweltbereich habe ich 2000 Euro im Jahr, die in unsere Klimaschutzarbeit, wie die Arbeit am "European Energy Award" fließen können. Gemessen an den kommenden Herausforderungen ist das eigentlich nur ein kleiner Teilbereich im großen Klimathema. Mit 2000 Euro und einem Vielfachen an Fördermitteln ging es bis hierher. Wir sind aktuell dabei, auch die Arbeit an der Frage der Anpassungen an die Folgen der Klimaveränderungen aufzunehmen. Wir werden mehr Anschubmittel brauchen, um den entsprechenden Mehrwert zu generieren.

Und wie wollen Sie dort etwas unternehmen? Der Kämmerer fordert ja Einsparungen in allen Bereichen.

Das ist richtig - und Energieeffizienz ist Einsparung erster Güte. Und Klimaschutz sowie regenerative Energien sind Wirtschaftsförderung erster Güte. Das sehen wir doch hier in Bremerhaven jeden Tag. Nur rechnet das kein Kämmerer so ein. Wir müssen das Bewusstsein bei der Bevölkerung und vor allem in der Politik weiter schärfen, um damit die Bereitschaft zu erhöhen die Investitionen für den Umwelt- und Klimaschutz bereitzustellen. Wir haben hierzu keine ökologische Alternative.

Zumal auch die Politik weiß, dass der Temperaturanstieg bis 2050 nicht bei zwei Grad begrenzt werden kann?

Richtig. Das bestätigen auch die Fachleute des Alfred Wegener Instituts. Wir leben hier an der Küste und sind von dem prognostizierten Meeresanstieg direkt betroffen. Wir können nicht abwarten, sondern müssen vorausschauende Politik machen. Und dazu müssen wir schon heute Geld ausgeben.

Es scheint aber nicht so, als ob das wirklich so ankommt in den Gremien.

Die Bereitschaft in der Politik ist nicht besonders groß, das stimmt. Auf der anderen Seite glaube ich, dass der einstimmige politische Beschluss, den Masterplan Aktiver Klimaschutz weiter fortzuschreiben, in der Stadtverordnetenversammlung eine Bank ist.

Warum?

Für mich ist es logisch, dass die beschlossenen Maßnahmen auch finanziert werden.

Dass es aber nur bei dem Plan bleibt, ist nicht undenkbar.

Dann würde ich überlegen, ob ich das weiter mittragen kann. Wir haben für den Doppel-Haushalt 2012/13 100.000 Euro zusätzlichen Bedarf angemeldet. Wenn man das mit den anderen Dezernatsbereichen vergleicht, ist das natürlich ein Witz. Wenn nicht einmal die Bereitschaft besteht, diese Mittel zur Verfügung zu stellen, dann geht vieles nicht. Schon allein die Einrichtung des Jugendklimarates wird Geld kosten. Von anderen konkreten Maßnahmen ganz abgesehen. Umwelt und Klimaschutz ist eine Querschnittsaufgabe. Wenn es zum Beispiel um die Schaffung von neuen Grün- und Freizeitflächen geht, sind das Bau-, Sport-, Garten- und Umweltschutzamt beteiligt.

Jetzt wird gerade der Haushalt verhandelt. Wie sehen Sie die Chancen?

Es wird eine schwierige Diskussion werden. Für mich ist aber der angemeldete Mehrbedarf das Minimum, um überhaupt einen Prozess auf den Weg zu bringen. Der "European Energy Award" ist ab heute ein Aushängeschild, mit dem sich die ganze Stadt schmücken kann und in dem konkrete Maßnahmen benannt sind. Er konnte aber nur auf den Weg gebracht werden weil er von der Agentur Energiekonsens finanziert wurde. Wir brauchen in Sachen Klimaschutz noch ein wenig mehr Entschlusskraft. Die Einsicht ist da, nur etwas mehr Mut fehlt uns hier und da für die großen Schritte.

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