Wahlkrimi in den USA

Trump entgleitet die Macht

Joe Biden greift nach den Sternen. Er zieht in Pennsylvania und Georgia an Donald Trump vorbei, um den es derweil etwas einsam wird.
07.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Thomas J. Spang

Der Secret Service schickte Verstärkung nach Wilmington im Bundesstaat Delaware, wo der designierte Wahlsieger in seinem Privathaus geduldig auf die Auszählung der verbleibenden Stimmen wartet. Auch die Luftfahrtaufsicht FAA behandelt Joe Biden seit Freitagmorgen wie den gewählten Präsidenten der Vereinigten Staaten. In einem Radius von einer Meile dürfen keine Flugzeuge mehr über das Anwesen fliegen.

Kurz nach 9 Uhr morgens war der Demokrat in seinem Heimatstaat Pennsylvania bei der Auszählung der Briefwahl-Stimmen an Donald Trump vorbeigezogen. Bereits in der Nacht überholte Biden den Amtsinhaber in dem Südstaat Georgia. In beiden Fällen waren es die Wahlzettel aus schwarzen Metropolen – Atlanta und Philadelphia – die den Mann, den viele als Rassisten im Weißen Haus betrachten, um die letzte Hoffnung auf eine zweite Amtszeit brachten.

Fieberhaftes Warten

Fieberhaft warten die Amerikaner nun auf den „Call“ der „Associated Press“, die seit 1848 den Sieger der Präsidentschaftswahlen in den USA ausruft. Arizona hatte AP bereits Biden zugesprochen, obwohl der Präsident bei der Auszählung dort aufholen konnte.

In Nevada lag der Demokrat weiterhin vorn. Angesichts des sich abzeichnenden deutlichen Vorsprungs in Pennsylvania, wäre Biden selbst ohne Siege in Arizona, Nevada und Georgia der „gewählte Präsident“.

Während Biden in einer kurzen Ansprache, zur Geduld mahnte, wütete Trump im Presseraum des Weißen Hauses ohne jeden Beweis oder Anhaltspunkt gegen angeblichen Wahlbetrug. „Wenn sie die gültigen Stimmen zählen, gewinne ich mit Leichtigkeit“.

Geschlagene siebzehn Minuten lang trat der Präsident verbal um sich, ohne nur eine einzige Behauptung mit Fakten zu unterfüttern. Die großen Fernsehsender brachen ihre Liveübertragung während der Abendnachrichten bereits nach wenigen Minuten ab. „Wir müssen jetzt unterbrechen, weil der Präsident eine Reihe falscher Behauptungen gemacht hat,“ erklärte Lester Holt auf NBC die beispiellose Intervention seinen Zuschauern.

Bizarrer Auftritt

FOX und CNN übertrugen den bizarren Auftritt, fühlten sich anschließend aber genötigt, klarzustellen, dass Trumps Ausführungen haltlos waren. CNN-Moderator Anderson Cooper sagte, der Präsident verhalte sich wie eine „fette Schildkröte, die in der heißen Sonne auf dem Rücken liegt und mit den Beinen rudert, weil sie realisiert, dass ihre Zeit vorbei ist“.

Und zwar mit Ankündigung. Der Präsident hatte vor den Wahlen wiederholt gesagt, er könne die Wahlen nur verlieren, wenn es nicht mit rechten Dingen zugehe. Die Medien und sozialen Netzwerke waren auf eine Kampagne Trumps, die Wahlen zu delegitimieren eingestellt. Twitter und Facebook versahen Postings Trumps mit Warnhinweisen.

Facebook sperrte ein Konto des ehemaligen Chefstrategen Trumps, Steve Bannon, der in seinem Podcast die Enthauptung illoyaler Regierungsmitarbeiter wie dem Top-Virologen Anthony Fauci und des FBI-Direktors Chris Wray vorgeschlagen hatte. Sein Rat an Trump: „Schluss mit den Spielchen, jagt alles hoch“.

Aufruf zum „totalen Krieg“

Auch Donald Trump Junior ruft martialisch dazu auf, „aufzuräumen“ und einen „totalen Krieg“ zu führen. Er beklagte sich über die mangelnde Unterstützung durch die Republikaner für seinen Vater. „Man sollte schauen, wer jetzt an der Seitenlinie steht.“

Tatsächlich wird es zunehmend einsam um den Präsidenten, der nur noch wenige Getreue findet, die sein Verhalten verteidigen. Dazu gehören der Ex-Botschafter in Deutschland Richard Grenell, sein Hausanwalt Rudy Giulinai und sein Berater Corey Lewandowski.

Die Senatoren Lindsey Graham und Ted Cruz sprangen ihm halbherzig auf FOX zur Seite, während andere Republikaner schwiegen oder sich wie Trumps Debatten-Trainer, der ehemalige Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, von ihm distanzieren. Dieser erklärte auf ABC, es gebe keinen Hinweis auf Wahlbetrug. Er sage das als ehemaliger Bundesanwalt. „Es gibt da nichts.“

So sehen es bisher auch die Gerichte, die Trumps Klagen in schneller Folge abwiesen. Experten wie der republikanische Wahlrechtsexperte Ben Ginsberg sagen ein schnelles Scheitern des Rechtswegs voraus. „Bombastische Erklärungen helfen ihm vor Gericht nicht“, meint Ginsberg. „Jenseits harter Beweise hat er nicht viele Optionen“, fügte er hinzu.

Diese blieb Trump bisher schuldig. Sein bizarres Verhalten hat allerdings das Potenzial, Teile seiner enttäuschten Anhängerschaft zu radikalisieren. So etwa in Philadelphia, wo die Polizei die Erstürmung des Wahlzentrums im „Convention Center“ verhinderte und eine Reihe bewaffneter Personen festnahm.

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