Über Stadt und Subkultur

Viertel vor zwölf

Bremen lebt – den Slogan könnte sich die Wirtschaftsförderung ausgedacht haben, so harmlos und kuschelweich klingt er. Ja, klar lebt Bremen – was denn sonst?
02.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Viertel vor zwölf
Von Moritz Döbler
Viertel vor zwölf

„Mein geliebter drogenverseuchter asozialer Klappmesserstadtteil“ – so beschreibt Komiker Jan Böhmermann das Viertel. CHRISTINA KUHAUPT

Christina Kuhaupt

Moritz Döbler über Stadt und Subkultur

Bremen lebt – den Slogan könnte sich die Wirtschaftsförderung ausgedacht haben, so harmlos und kuschelweich klingt er. Ja, klar lebt Bremen – was denn sonst? Hinter dem Slogan steckt eine Bewegung, die in den vergangenen Wochen viel Fahrt aufgenommen hat und sich gegen Wandel im Viertel wendet. Es wird getwittert (#bremenlebt), gepostet und in Youtube-Videos gerappt, die Bewegung kommt progressiv daher – und ist doch im Kern konservativ. Kein Wunder, dass die CDU-Politiker Jens Eckhoff und Michael Jonitz jetzt aufspringen, eine eigene Facebook-Seite starten und Bierdeckel mit der Losung „Das Viertel muss leben“ abwerfen.

Die Band Faakmarwin hat sich früh angeschlossen, in ihrem Video sieht man junge Menschen, die fröhlich durch den sogenannten Szenestadtteil ziehen und einen Mann im schwarzen Anzug – er ist wohl einer der Spießbürger, die im Songtext vorkommen – aus dem Weg rempeln. „Alles bleibt, wie es ist, und wenn ihr Ruhe wollt, zieht nach Schwachhausen“, die Zeile bleibt hängen. „Es kann nicht sein, dass da jetzt irgendwelche merkwürdigen Menschen hinziehen und denken, sie müssten das Viertel auf links drehen. Das werden wir verhindern“, sagt Revolverheld-Sänger Johannes Strate in seinem Video.

„Alles bleibt, wie es ist“: Wie reaktionär ist das denn? Und muss wirklich alles so bleiben wie es ist? Die Drogendealer in den Hauseingängen, die Saufkumpane vor dem Rewe, die vollgepinkelte Matratze, die tagelang auf dem Bürgersteig liegt – das alles soll offenbar zur Viertelfolklore gehören. Was für eine selbstgerechte Anmaßung! Wie weit soll das gehen? Die Dönerbude und die Tapasbar dürfen vermutlich bleiben, aber was ist, wenn sich noch ein edles Steak- oder Sushi-Restaurant ansiedeln will? „Mein geliebter drogenverseuchter asozialer Klappmesserstadtteil“ – so beschreibt Komiker Jan Böhmermann das Viertel in einer ironischen Replik auf Johannes Strate.

Den Anfang hatte die Kneipe „Eisen“ Ende März mit einem nächtlichen Facebook-Eintrag gemacht, die Resonanz war enorm. Aber in diesem ersten Anstoß von Wirt Fernando Guerrero steckten viel mehr Zwischentöne als in den meisten der folgenden Kommentare. „Doch das Viertel, wie wir es kennen, ist kein in Stein gemeißeltes, subkulturelles Grundrecht“, hieß es etwa an einer Stelle des ersten Posts. Genau das ist der Punkt: Die Dinge verändern sich, und es muss darum gehen, Interessen auszugleichen. Für das einzutreten, was einem wichtig erscheint, ist richtig und gut. Aber „merkwürdige Menschen“ ausschließen zu wollen, ist das Gegenteil von Vielfalt.

Moritz Döbler

Moritz Döbler

Foto: Frank Thomas Koch

Bremen lebt – und dazu gehört eine Vielfalt der Lebensentwürfe. Man darf auch im Viertel wohnen, wenn man finanziell ausgesorgt hat und keinen „Krabbel die Wand hoch” kippen will. Klar ist trotzdem, dass man niemandem dazu raten kann, der es am liebsten ruhig und mondän hat. Und das gilt erst recht für die unmittelbare Nachbarschaft zum „Eisen“. Hier liegt der Raum für Kompromisse, in der Theorie jedenfalls. „Wir verlangen bloß ein bisschen Respekt vor der Seele, dem Herz, das in jedem dieser Läden steckt“, singt Faakmarwin. Doch in der Praxis scheint das nicht einfach zu sein. „Eine neue Generation von Nachbarn ist nicht mehr am Dialog interessiert – sie führen (man muss es wirklich so nennen) einen Vernichtungskrieg“, schreibt der „Eisen“-Wirt. Muss man es wirklich so nennen?

An der Debatte der vergangenen Wochen zeigt sich, dass es beiden Seiten an Respekt und Toleranz fehlt. Das liegt an den knallharten materiellen Interessen, die im Viertel aufeinanderprallen und auch mit juristischen Mitteln ausgetragen werden. Der romantische Blick zurück hilft da wenig. Denn der macht den Stadtteil letztlich zum spießigen Klischee seiner selbst.

Es sind die Subkulturen, die vorangehen, mit Traditionen brechen und Trends auslösen, nicht nur in Bremen. Das Schanzenviertel in Hamburg war vor 30 Jahren ein anderer Ort als heute, Prenzlauer Berg in Berlin erst recht, aber die Kreativen, die Nachteulen und Vordenker sind längst weitergezogen. Auch in Bremen warten viele Ecken darauf, entdeckt, erobert und vorangebracht zu werden. Alles bleibt, wie es ist? Bitte nicht.

moritz.doebler@weser-kurier.de

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