SPD-Shootingstar Elombo Bolayela

Vom Baumarkt in die Bremer Bürgerschaft

Bremen. Elombo Bolayela ist der Shootingstar der Bremer SPD. Vom aussichtslosen Listenplatz 41 ist er ins Parlament eingerückt, kletterte mit mehr als 3000 Personenstimmen auf Rang 6. In Berlin hat er sich nun mit der Politprominenz bekannt gemacht.
29.05.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Arno Schupp

Bremen. Elombo Bolayela ist im Moment der Shootingstar der Bremer Sozialdemokratie. Von einem aussichtslosen Listenplatz 41 ist er ins Parlament eingerückt, kletterte mit mehr als 3000 Personenstimmen auf Rang 6. Am Sonnabend fuhr der im Kongo geborene Politiker zu seinem ersten Auftritt auf einer größeren politischen Bühne und traf bei einer Fachkonferenz für SPD-Mandatsträger mit Migrationshintergrund auf SPD-Politprominenz wie Generalsekretärin Andrea Nahles, Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und den Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel.

So ganz kann Elombo Bolayela noch nicht fassen, wie sich sein Leben geändert hat. Aus dem weitgehend unbekannten Chorleiter und Baumarkt-Fachverkäufer ist ein kleiner Politpromi geworden. Er ist der erste Schwarze im Bremer Landtag, vermutlich sogar der erste in irgendeinem deutschen Landtag, und das rückt ihn in den Fokus der Medien. Das Interesse an dem politischen Neuling ist so groß, dass die Pressestelle der SPD-Bürgerschaftsfraktion seine Termine koordiniert und Interviews vereinbart. "Das könnte ich alleine gar nicht bewältigen", sagt Bolayela, schon rein technisch nicht. Sein Handy kann gerade einmal 30 Nachrichten speichern, die sind schnell voll, "ich muss immer wieder löschen".

Der Handy-Speicher reicht nicht aus

Das Handy, bisher hat es gereicht, doch das war in dem alten Leben von Elombo Bolayela. Sein neues Leben braucht dringend mehr Speicherplatz. Und es braucht noch etwas: Ein wirklich gutes Zeitmanagement, denn die Politik hält sich nicht an normale Terminpläne. So wie am kommenden Montag zum Beispiel. "Da haben wir um 14.30 Uhr eine Fraktionssitzung", sagt er. "14.30 Uhr. Wie soll das gehen? Ich muss da arbeiten. Ich habe einen Job."

Bolayelas Weg in die Politik beginnt bereits in Kinshasa, der Hauptstadt des Kongo. Als junger Student engagiert er sich auf dem Campus und in der Kirche. Das war Anfang der 90er-Jahre, im Kongo brach damals eine Zeit der Demokratisierung an, zumindest glaubten das die Menschen in diesem Land. Ein Mehrparteiensystem wurde eingeführt, Diktator Mobutu lockerte die Zügel ein wenig, doch im Mai zeigt sich, wie lang der Weg zur Demokratie in Wirklichkeit noch ist, als bei einem Massaker auf dem Campus von Lubumbashi mehr als 500 Menschen sterben. Der Kongo wird politisch isoliert, und auch im Land verstärkt sich der Widerstand. 1991 setzt eine oppositionelle Einheitsfront eine Nationalkonferenz ein, die Mobutu 1992 per Dekret auflöst - was zu wütenden Protesten führt.

Das ganze Land steht auf und demonstriert und mittendrin Bolayela, mittendrin auch an dem Tag, als ihm klar wird, dass er im Kongo keine sichere Zukunft hat. Plötzlich fallen Schüsse, Menschen schreien, rennen durcheinander, Regierungstruppen feuern wahllos in die Menge. Bolayela wird am Bein verletzt, doch davon merkt er nichts. Er rennt, nur weg, nur raus aus der Menge. Zehn Menschen sterben nach Regierungsangaben, "in Wahrheit werden es Hunderte gewesen sein", sagt Bolayela. Er muss raus aus Kinshasa, raus aus dem Kongo, er flieht zunächst in die benachbarte "Republik Kongo", später nach Deutschland. Zufall, "es hätte Kanada werden können".

Ohne den Chor geht es nicht

Diesen Teil seines Lebens hat er nicht vergessen, allerdings hat er in den vergangenen sechs Monaten nicht so eine große Rolle gespielt. Diese Zeit gehörte dem Wahlkampf, da kam einiges zu kurz, sagt der 46-Jährige. Außer seinem Chor, "ohne den geht es einfach nicht", und außer seiner Familie, die er seine Mannschaft nennt. Bolayela hat fünf Kinder, von denen vier noch zu Hause leben. "Die Große wohnt schon alleine", sagt er und es klingt, als würde er das bedauern.

Wo immer er ist, seine Mannschaft ist dabei, ganz oder in Teilen. Heute ist es seine 13-jährige Tochter Larissa. "Sie ist fast 14, sagen sie lieber 14, sie legt da großen Wert drauf." Bolayela hat sie mitgenommen zu seinem ersten Auftritt auf der großen politischen Bühne, um ihr ein Vorbild zu sein, ein Ansporn. Sie soll sehen, dass man es schaffen kann, wenn man sich nur anstrengt, egal, welche Hautfarbe man hat, welche Nationalität, gerade auch in Deutschland. Das erzählt er immer wieder, besonders auch den jungen Leuten, zu denen er Kontakt hat. "Du musst etwas leisten in diesem Land. Das zahlt sich dann am Ende auch aus."

Dieser Grundsatz hat den ehemaligen Asylanten weit gebracht, bis in die Hauptstadt, in der sie schon gehört haben von dem Schwarzen, der in Bremen Politik macht. Der sich von einem aussichtslosen Listenplatz in die Bürgerschaft hochgekämpft hat. "Hallo, Elombo Bolayela, SPD Bremen", stellt er sich vor, als er die SPD-Zentrale im Willy-Brandt-Haus betritt. "Herr Elombo, genau, gratuliere zur Wahl", erwidert jemand.

"Herr Elombo" - Bolayela hört drüber hinweg. Das Protokoll hat es namenstechnisch heute ohnehin schon schwer genug, denn in der SPD-Zentrale findet die Fachkonferenz "Für eine vielfältigere SPD - mehr Migrantinnen und Migranten in Mandate" statt, und da sind einfache Namen kaum zu finden.

In den höheren Weihen der Politik angekommen

Elombo Bolayela ist in den höheren Weihen der Politik angekommen, ein Abgeordneter, ein gewählter Volksvertreter. Der ehemalige Flüchtling hat es ihnen gezeigt, den Behörden, die seinen Asylantrag abgelehnt haben, wogegen der 46-Jährige erfolgreich geklagt hat. Er hat es seinen Widersachern gezeigt, die nicht glauben wollten, dass er Erfolg haben kann.

Und er hat es dem Mob gezeigt, der damals einen Brandanschlag auf das Asylbewerberheim in Syke geplant hat. Bolayela drinnen, die Gewalttäter draußen, dazwischen nichts als eine Reihe Mutiger, die sich den Rechten in den Weg stellen. Sie haben Courage gezeigt. Das hat auch Bolayela getan, damals, in seiner Heimat, und auch dann noch, als er ging.

Bolayela kam in einem Zug nach Deutschland mit Papieren, die nicht seine waren. Eine russische Schlepperbande hat sie ihm besorgt, nachdem die Schüsse gefallen sind, als dem jungen Studenten klar wurde, dass er das Land verlassen muss, besser heute als morgen.

Seine erste Station war Brazzaville, die Hauptstadt der benachbarten "Republik Kongo". Eigentlich wollte er dort bleiben, er hoffte darauf, dass sich sein Leben und vor allem auch die Lage irgendwann wieder normalisieren. Das Gegenteil war der Fall. Mobutus Soldaten fingen an, die Landesgrenze des Nachbarn nicht mehr zu beachten und flüchtige Widerständler nach Gutdünken zu verhaften. "Das war damals eine regelrechte Hexenjagd. Kein Oppositioneller war mehr sicher." Bolayela sagte damals seiner Tante in Kinshasa, sie solle sein restliches Hab und Gut verkaufen, und mit dem Geld bezahlte er die Schlepper, die ihn über Russland nach Deutschland brachten, wo der Afrikaner einen Asylantrag stellte.

Hochzeit im Bremer Dom

Der Rest ist schnell erzählt: Als der Asylantrag endlich durch war, machte Bolayela eine Tischlerlehre. Er heiratete eine gebürtige Bremerin, die er bei einem seiner musikalischen Auftritte im Bremer Dom kennengelernt hat. "Deswegen haben wir auch im Dom geheiratet", sagt er. Heute arbeitet der 46-Jährige als Fachverkäufer in einem Baumarkt, seit acht Jahren ist er dort außerdem Vize-Betriebsratsvorsitzender. In seiner Freizeit ist er Chorleiter, leidenschaftlicher Kirchenmusiker, und wenn noch Zeit bleibt, verbringt er die am liebsten mit der Familie, gerne auch auf seiner Parzelle. Ein Leben, wie es deutscher kaum sein könnte.

Bolayela hat jedoch nie aufgehört, sich für die Lage im Kongo zu interessieren. Er schloss sich der Christlich-Demokratisch-Sozialen Partei (PDSC) an und beschäftigte sich auch mit der deutschen Politik. Das gehört dazu, sagt er. Wer die Möglichkeit hat, etwas zu gestalten, sich einzubringen, der sollte sie auch nutzen, der sollte aktiv werden. "Ich habe ja auch nicht gewartet, bis jemand kommt und sagt: Wir brauchen noch einen Schwarzen in der Politik. Wie wär's?" Hätte die Bremer Sozialdemokratie jedoch gewusst, welchen Stimmengewinn dieser Bolayela ihnen beschert - sie hätten ihn ganz sicher gefragt.

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