Umfrage: Finanznot ist das größte Problem Wähler in Bremerhaven urteilen deutlich anders

Bremen. Finanznot, Arbeitslosigkeit, Verkehrsprobleme - das sind die größten Probleme, die die Wahlberechtigten in der Stadt Bremen umtreiben. Das geht aus der exklusiven Wahlumfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des WESER-KURIER hervor.
21.02.2011, 05:00
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Von Günther Hörbst

Bremen. Finanznot, Arbeitslosigkeit, Verkehrsprobleme - das sind die größten Probleme, die die Wahlberechtigten in der Stadt Bremen umtreiben. Das geht aus der exklusiven Wahlumfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des WESER-KURIER hervor.

Bemerkenswert dabei: Die gravierenden Unterschiede in der Einschätzung der Probleme der Bürger in Bremerhaven. Während die Finanznot der Stadt in Bremen für mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten (34 Prozent) das größte Problem ist, sehen das nur 11 Prozent der Bremerhavener kritisch. Sie stufen dagegen das Problem der Arbeitslosigkeit als viel wichtiger ein: 68 Prozent der Bewohner der Seestadt nennen es als größtes Problem. Nur 30 Prozent der Bremer sagen das.

Forsa-Chef Manfred Güllner vermutet, dass dahinter die völlig unterschiedliche Sicht der beiden Stadtbevölkerungen auf die Probleme des Bundeslandes stehen. "Es ist offenbar so, dass sich die Bremerhavener vom Geschehen in Bremen und damit dem Bundesland weitgehend abgekoppelt haben. Sie sehen überwiegend nur die Probleme, die in ihrer eigenen Stadt existieren, während die Bremer noch mehr die Problemlagen des Bundeslandes im Blick haben", sagt er.

Tatsächlich ist es so, dass im Zusammenhang mit der Finanznot Bremens in der Stadt immer die Zahl der Gesamtverschuldung sowie das Defizit des Bundeslandes genannt wird. Die Arbeitslosenquote ist in der Stadt Bremen mit 10,6 Prozent allerdings deutlich geringer als jene in Bremerhaven mit 15,8 Prozent. Im Land Bremen beträgt sie aktuell 12,3 Prozent.

Unterschiedliche Einschätzungen auch bei der Schulpolitik

Deutliche Unterschiede in der Einschätzung der größten Probleme gibt es auch in den Bereichen Verkehrs-, Bildungs- und Schulpolitik. Diese Problemfelder werden von Bremern häufiger als wichtig eingestuft als von Bremerhavenern (siehe Grafik). Forsa-Chef Güllner kommt deshalb zu dem Schluss: "Die Einschätzung der wichtigsten Probleme in der Stadt unterscheidet sich zwischen Bremen und Bremerhaven in deutlichem Maße."

Die Bewohner der Seestadt empfinden Armut und soziales Gefälle (18 Prozent), die wirtschaftliche Situation (9 Prozent), fehlende kulturelle Angebote (7 Prozent), zu hohe Mieten, eine Verödung der Innenstadt(4 Prozent) sowie die Folgen der demografischen Entwicklung (4 Prozent) deutlich häufiger als große Probleme als die Wahlberechtigten in Bremen. Einer Meinung sind sich die Bewohner beider Städte beim Unmut über Politiker und Parteien: 14 Prozent der Bremer und 13 Prozent der Bremerhavener finden, dass dort große Missstände herrschen.

Recht wenig Sorgen machen sich die Bremer über die Gefahr für Leib und Leben. Die Kriminalität wird nur von 7 (Bremen) beziehungsweise 9 Prozent (Bremerhaven) der Wahlberechtigten als problematisch empfunden. Immerhin 13 (Bremen) und 11 Prozent (Bremerhaven) der Bürger sehen überhaupt keine Probleme.

Die Bürger haben in der Umfrage eine Reihe von gravierenden Problemen genannt, die sie gelöst haben möchten. Das Problem dabei: Ihnen fällt aktuell niemand ein, der dazu fähig ist. Zumindest niemand aus der Politik. Auf die Frage, welche Partei mit den Problemen im Land Bremen am besten fertig werden kann, hat die große Mehrheit geantwortet: "Keine". 44 Prozent der Bremer sind dieser Ansicht. In Bremerhaven glauben das sogar 48 Prozent.

SPD hat gewisses Maß an Problemlösungskompetenz

Die einzige Partei, der die Wähler ein gewisses Maß an Problemlösungskompetenz zutrauen, ist die SPD. 33 Prozent aller Bremer halten die Sozialdemokraten für fähig, die wichtigsten Probleme aus der Welt zu schaffen. Die CDU folgt mit 14 Prozent, die Grünen mit 5 Prozent, die Linke mit 2 Prozent und die FDP mit 1 Prozent. Bemerkenswert: Von den Parteianhängern sind die Sozialdemokraten auch am überzeugtesten. 76 Prozent der SPD-Sympathisanten billigen der Partei Problemlösungskompetenz zu, von den CDU-Anhängern tun das nur 55 Prozent, von den Grünen sogar nur 29 Prozent.

Einen weiteren grundlegenden Unterschied der beiden Städte im Land Bremen ist noch im Bereich Identifikation zu vermelden. Die ist in Bremen mit 87 Prozent höher als in Bremerhaven mit 81 Prozent. Besonders auffällig ist jedoch, dass sich in Bremen alle Alters-, Bevölkerungs- und Bildungsgruppen gleichermaßen wohlfühlen. In Bremerhaven fühlen sich die Jüngeren deutlich weniger wohl als die Älteren. "Die Jungen wollen, wenn sie können, möglichst weg aus Bremerhaven", sagt Forsa-Chef Güllner. "Vor allem wenn sie Abitur haben oder studieren, sehen sie in der Stadt keine Perspektive mehr."

Insgesamt stellt der Meinungsforscher ein "deutliches Auseinanderdriften" der beiden Städte Bremen und Bremerhaven fest. "In Bremerhaven ist kaum noch Landesbewusstsein zu spüren." Das, meint der erfahrene Demoskop, sollte bei den Bremer Politikern die Alarmsirenen schrillen lassen. Denn diese Entfremdung sei in den letzten Jahren deutlich schlimmer geworden. In den zahlreichen früheren Umfragen, die sein Institut in Bremen gemacht habe, sei ihm eine derartig unterschiedliche Betrachtung der Situation Bremens nicht untergekommen.

Das deutlichste Indiz dafür sei zum einen das Wissen um die Wahl als solche - nur knapp ein Drittel der Bremerhavener wusste, dass oder wann die Wahl stattfindet - und zum anderen die Tatsache, dass nur 68 Prozent der Wahlberechtigten in Bremerhaven den Senatspräsidenten und Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) kennen.

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