Rechtsextremismus-Forscher im Interview

Was an Pegida und AfD völkisch ist

Rechtsextremismus-Forscher Helmut Kellershohn spricht im Interview über die zunehmende Politisierung von Angst und Heimatgefühlen.
16.02.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Was an Pegida und AfD völkisch ist
Von Carolin Henkenberens
Was an Pegida und AfD völkisch ist

Ob jemand eine völkische Ideologie vertritt, erkennt man ganz schnell, meint der Historiker und Theologe Helmut Kellershohn.

dpa

Rechtsextremismus-Forscher Helmut Kellershohn spricht im Interview über die zunehmende Politisierung von Angst und Heimatgefühlen. Der 1949 geborene Historiker und Theologe ist pensionierter Oberstudienrat und Mitbegründer des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialwissenschaften (DISS). Dort forscht er auch zu den Themen völkischer Nationalismus und Rechtsextremismus.

Herr Kellershohn, Sie halten an diesem Dienstag im Bremer DGB-Haus einen Vortrag zu völkischem Nationalismus. Was versteht man darunter?

Helmut Kellershohn: Der völkische Nationalismus wendet sich gegen das klassisch-bürgerliche Nationsverständnis, wie wir es aus der Französischen Revolution kennen. Danach ist die Nation die Gesamtheit der Bürger, die gleichberechtigt unter einem Gesetz und Parlament leben. Im völkischen Nationalismus dagegen wird das Volk über eine gemeinsame Abstammung definiert, also über die Fiktion einer ethnischen Homogenität. Volk und Nation müssen für völkische Nationalisten identisch sein, ethnisch Fremde gehören nicht dazu. Der Grundsatz, der Ende des 19. Jahrhunderts verkündet wurde, lautete: „Deutschland den Deutschen“. Die NPD hat das dann abgewandelt zu „Ausländer raus“.

Was ist der Unterschied zu Rechtsextremismus?

Rechtsextremismus bekämpft das politische System der Bundesrepublik Deutschland. Völkisch nationalistische Ideen sind aber sehr viel verbreiteter als nur im rechtsextremistischen Spektrum. Man könnte sagen, völkisches Denken ist im Alltagsbewusstsein vorhanden.

Helmut Kellershohn

Helmut Kellershohn

Foto: FR

Ist völkischer Nationalismus in Deutschland also weit verbreitet?

Völkisches Denken ist durchaus verbreitet. Es schlägt sich beispielsweise in der Angst vor dem Fremden nieder oder in der Ablehnung fremder Sitten und Gebräuche. Das ist in gewisser Weise verständlich. Wer fühlt sich nicht wohler in seiner eigenen Sprache oder seiner eigenen Umgebung? Oder romantisiert die Heimat? Ein solches Denken und Fühlen muss nicht zwangsläufig in einer rechtsextremistischen Haltung münden. Was aber in letzter Zeit passiert, das ist die Politisierung und Radikalisierung dieser romantischen Bestände. Das kann man an Pegida sehen.

Inwiefern ist Pegida völkisch?

Der Satz „Wir sind das Volk“ war ursprünglich ein Satz, mit dem die DDR-Bevölkerung ihren Anspruch erhob, die Geschicke der Republik selbst zu bestimmen, richtete sich also gegen die SED. Dieses „oben“ gegen „unten“ ist zwar bei Pegida oder anderen Protestgruppen auch vorhanden. Aber es wird ethnisiert. Das bedeutet, die Opposition gegen die Eliten, denen man vorwirft, sie würden sich nicht für das Volk einsetzen, wird überlagert von Gegensätzen wie „innen“ gegen „außen“, von „Volk“ und „Nicht-Volk“, von „Wir“ gegen „Nicht-Wir“. Deswegen nähert sich die Parole „Wir sind das Volk“ der von „Deutschland den Deutschen“ an.

Pegida wehrt sich ja gegen den Rechtsextremismus-Vorwurf.

Die rechten Vordenker von Pegida sagen: Wir sind Ethnopluralisten. Sie sagen, dass sie jedes Volk als gleichwertig betrachten. Auch wenn nicht der Rassebegriff verwendet wird, ist völkisch-nationalistisches Denken letztlich herabwürdigend. Denn im Satz „Deutschland den Deutschen“ ist latent das Vertreibungsmotiv enthalten. Früher wurde er zum Beispiel mit dem Ziel propagiert, Juden nach Palästina zu vertreiben. Die NPD macht das am radikalsten mit ihrem „Ausländerrückführungsprogramm“. Wenn Frau Petry sich zum Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge äußert, ist das im Grunde ähnlich zu sehen. Ihre Äußerungen waren dehumanisierend.

Hat die Flüchtlingssituation zu mehr völkischem Denken in Deutschland geführt?

Ja, schon. Die Flüchtlingsbewegung ist verbunden mit gewissen Ängsten. Das ist zunächst einmal nicht verwunderlich, und das ist auch erst mal nichts Schlimmes, solange es nicht nach rechts politisiert und radikalisiert wird.

Wie erkenne ich, zum Beispiel im Gespräch mit Nachbarn oder Bekannten, ob jemand normale Ängste äußert oder eine völkische Ideologie vertritt?

Das kann man ganz schnell erkennen, indem man auf die Sprache achtet und dehumanisierende Begriffe hört. Mir sagte einmal jemand, sein Ort sei jetzt von Türken „durchseucht“. Solche Vokabeln, die herabsetzend und diskriminierend sind, sind eindeutig. Oder auch der Begriff „Volksverräter“.

Können Sie kurz erklären, wieso „Volksverräter“ so eindeutig ist?

Im Bürgerlichen Gesetzbuch gibt es den Begriff des Landesverräters. Aber der Begriff „Volksverräter“ gehört zum völkischen und nationalsozialistischen Sprachgebrauch. Er legt letztendlich nahe, dass der Volksverräter ein „Volksfeind“ ist, den man eliminieren muss.

Wie ist der völkische Nationalismus denn entstanden?

Bei der Entwicklung des völkischen Nationalismus spielten Krisen immer eine große Rolle. Ende des 19. Jahrhunderts entstand durch die Folgen der Industrialisierung und der großen Depression die völkische Bewegung, die sich gegen Liberalismus und Sozialismus wandte. Ab 1878 entstanden Antisemitenparteien, die den Juden stets die Schuld zugeschoben haben. In den 1920er-Jahren wurde die völkische Bewegung weitgehend aufgesogen von den Nationalsozialisten.

Die Krisen in Europa sind also der Grund für aktuelle völkische Tendenzen?

Ja, seit Ausbruch der Finanz- und Eurokrise haben viele Menschen den Eindruck, dass über ihre Köpfe hinweg regiert wird, dass von oben durchregiert wird. Diese Kritik kommt teilweise von links und zielt auf eine Fundamentaldemokratisierung der Gesellschaft. Dagegen versuchen die Rechten, das in ihre völkisch-nationalistische Richtung zu drehen. In den Augen der Rechten sind Flüchtlinge der Feind. Doch für völkische Nationalisten ist nicht nur der Fremde der Feind.

Wer noch?

Es gibt auch die Feindschaft gegen politisch Missliebige wie Schwule oder Feministinnen. Denn zum völkischen Nationalismus gehört auch ein biopolitisches Konstrukt, wonach der sogenannte „Volkskörper“ unbedingt erhalten werden muss. Björn Höcke von der AfD empfiehlt in diesem Sinne die klassische Familie mit drei Kindern. Wer in das Bild nicht hineinpasst, wird dann als „undeutsch“ angesehen.

Die Fragen stellte Carolin Henkenberens.

Der Vortrag „Grundlagen völkischen Nationalismus“ beginnt am Dienstag (16.Februar 2016) um 17.30 Uhr im DGB-Haus, Bahnhofsplatz 22-28. Er ist Teil eines Begleitprogramms zur Ausstellung „Neofaschismus in Deutschland“, die bis Freitag, 19. Februar, im Gewerkschaftshaus zu sehen ist. Geöffnet täglich bis 18 Uhr, am Freitag bis 14 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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