Mehrheit für Gebühr auf Kunststofftüten Weg vom Plastik

Eine Umfrage hat ergeben, dass die Mehrheit der Deutschen für eine Gebühr auf Kunststofftüten plädiert. Ab diesem Freitag werden weitere Einzelhändler ihre Konsequenzen daraus ziehen.
30.03.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Weg vom Plastik
Von Lisa Schröder

Eine Umfrage hat ergeben, dass die Mehrheit der Deutschen für eine Gebühr auf Kunststofftüten plädiert. Ab diesem Freitag werden Einzelhändler ihre Konsequnzen ziehen und ihre Tüten nicht mehr gratis anbieten.

„Geht es so, oder brauchen Sie eine Tüte?“ In der Vergangenheit stellten Verkäufer diese Frage meistens erst nach der Bezahlung. Heute liegen Plastikbeutel jedoch in vielen Geschäften als Teil des Einkaufs auf dem Fließband oder dem Tresen. Denn immer mehr Händler verlangen Geld für die Kunststofftüten. Die Mehrheit der Deutschen findet diesen Weg richtig. Das hat eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov ergeben. 80 Prozent der Befragten sagten, dass sie die Gebühr für Plastiktüten „sehr gut“ oder „eher gut“ finden.

Ab diesem Freitag werden weitere Einzelhändler nachziehen und ihre Tüten ebenfalls nicht mehr gratis ausgeben. Sie beteiligen sich an der freiwilligen Vereinbarung des Handelsverbands Deutschland mit dem Bundesumweltministerium. Durch die Initiative sollen 60 Prozent der Kunststoffbeutel in Zukunft kostenpflichtig sein, um deren Ausgabe zu reduzieren. Auch im Norden sind alle großen Unternehmen vor Ort beteiligt, etwa Karstadt oder C&A, sagt Nathalie Rübsteck, Leiterin der Geschäftsstelle des Handelsverbands Nordwest.

Hintergrund der Vereinbarung ist eine Vorgabe der Europäischen Union. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Kunststofftüten soll bis 2025 auf höchstens 40 Tüten im Jahr sinken. Derzeit sind es in Deutschland im Schnitt 71 Tüten pro Einwohner.

Rübsteck sieht die Initiative als große Errungenschaft und ist zuversichtlich: „Im Lebensmittelhandel hat der Verbraucher die Gebühr sehr anerkannt.“ Bis auf die Tüten für Gemüse und Obst gebe es dort schon länger keine kostenfreien Beutel mehr. Rewe setzt nach eigener Aussage seit Jahrzehnten auf kostenpflichtige Tüten und beobachtet seit Langem einen Trend weg vom Plastik.

"Wir wollen den Neustart, weil wir wissen, wo Plastik landet"

Dagegen habe sich die Bekleidungsbranche nach Angaben von Rübsteck bisher „sehr schwer getan“, auf eine Bezahl-Variante umzusteigen. Doch nun ziehen die Firmen nach: Bei Hennes & Mauritz wird eine Plastiktüte ab diesem Freitag 15 Cent kosten. Die Tüten seien aus recyceltem Material, heißt es seitens des Unternehmens. Man habe sich gegen Papiertüten entschieden, die durch ihre Herstellung einen schlechteren ökologischen Fußabdruck hätten.

Die Teilnahme an der Initiative falle großen Unternehmen leichter, weil sie mehr Bürokratie bedeute, erklärt Rübsteck die Beteiligung. Die Selbstverpflichtung des Handelsverbands wird wegen des Aufwands kritisiert. Daniel Schneider, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks, bekräftigt, dass der Bäckerverband ihr deshalb nicht beitreten werde. Hauptgrund seien die Dokumentationspflichten, die den meisten kleinen Betrieben nicht zumutbar seien.

Dem stimmt auch Doris Wiechert zu. Eine Gebühr für Plastiktüten sei ein viel zu großer bürokratischer Aufwand, sagt die Geschäftsführerin der Buchhandlung Storm. „Das rechnet sich betriebswirtschaftlich nicht für uns.“ Deshalb habe man sich für einen anderen Weg entschieden: Seit drei Wochen gibt das Geschäft nun keine Plastiktüten mehr raus. „Wir wollen den Neustart, weil wir wissen, wo Plastik überall in der Natur landet“, sagt Geschäftsführerin Wiechert. Nur ausnahmsweise, etwa um bei „Bremer Wetter“ den teuren Bildband im Regen trocken nach Hause zu bringen, würden noch übriggebliebene Kunststofftüten ausgegeben. Außerdem seien die Bücher ja aber ohnehin schon in schützendes Plastik eingeschweißt; davon wegzukommen sei nicht so leicht: „Das erwarten die Kunden.“

Ansonsten gebe es bei ihnen aber nun Papiertüten. Die seien zwar teurer und bräuchten dreimal so viel Platz, doch würden sie im Gegensatz zu Plastik in jedem Fall recycelt werden und nicht im Meer landen. „Es ist jedoch eine Illusion zu glauben, dass die Umwelt damit mehr geschützt wird. Die Ökobilanz der Papiertüten ist auch nicht überzeugend. Nur die Folgen sind andere.“ Ob Plastik oder Papier, ein hochwertiger Beutel sei am Ende ein wichtiger Werbeträger für ihr Geschäft. „Kleinere Läden springen eher selbstständig auf das Thema auf, wollen auch eine Gebühr erheben oder zu anderen Materialien wechseln“, bilanziert auch Rübsteck.

"Viele Kunden haben Körbe und eigene Taschen dabei"

Im Bremer Haushaltswarengeschäft Caesar sind Plastiktüten umsonst – und sie sollen es auch in Zukunft sein. „Wir haben eine Gebühr getestet, aber dann nur in fragende Gesichter gesehen.“ Kostenpflichtige Tüten seien für den kleinen Laden einfach nicht durchsetzbar. Dass Kunden ihre Einkäufe auf Wunsch kostenlos in ihren Tüten transportieren können, betrachtet Geschäftsführer Norbert Caesar als Service. Große Ketten könnten dagegen an der Gebühr sogar verdienen. Deshalb sei der Aufschlag in gewisser Hinsicht ein bisschen auch „Abzocke“. Caesar hält es für wichtiger, genau zu fragen, wer überhaupt eine Tüte brauche. „Viele Kunden haben eigene Taschen oder Körbe dabei. Im Vergleich zu früher geben wir etwa 30 Prozent weniger Tüten aus.“

Diese Erfahrung bestätigt auch die Yougov-Studie. Demnach benutzen bereits mehr als zwei Drittel der Befragten Rucksäcke oder Stofftaschen für ihre Einkäufe. Mehr als die Hälfte von ihnen plädierte sogar dafür, Plastiktüten komplett zu verbieten.

Handelsverband-Geschäftsführerin Rübsteck hält ein generelles Verbot jedoch für unwahrscheinlich. Langfristig müsste eine umweltfreundliche Alternative aus nachwachsenden Rohstoffen entwickelt werden, die sich selbst auflöst. Sie sieht an anderer Stelle Handlungsbedarf. Ein großes Problem seien die dünneren Tüten die Apotheken, Bäckereien, Schlachtereien oder Restaurants, die Essen lieferten, verwendeten. „Gerade sie können meist nicht wiederverwendet werden und verschmutzen häufig die Natur.“

Saturn und Media Markt haben im vergangenen Jahr nach und nach eine Gebühr eingeführt, sagt eine Sprecherin des Unternehmens. Inzwischen seien die Tüten in fast allen Filialen gebührenpflichtig: Normale Plastiktüten kosten fünf bis 50 Cent, langlebigere Tüten gibt es ab einem Euro. In einer Testphase sei der Verbrauch von Plastiktüten um 80 Prozent zurückgegangen. Die Kunden wüssten die Gebühr zu schätzen. „Das Feedback ist überwiegend positiv“, so die Sprecherin.

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