Verkehrszeichen Warum der Schilderwald auch in Bremen nicht gelichtet wird

Verkehrsschilder sind nicht immer im besten Zustand. Ein Verein macht auf die resultierenden Gefahren aufmerksam, der ADAC will den Schilderwald grundsätzlich lichten.
19.08.2022, 05:00
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Warum der Schilderwald auch in Bremen nicht gelichtet wird
Von Felix Wendler

Auf den Namen werde er oft angesprochen, sagt Dino Borsellino. Er meint nicht seinen Namen, sondern diesen: Schilderüberwachungsverein (Süv). Borsellino ist Vorstandsmitglied des Vereins, der macht, was die Bezeichnung verspricht: Schilder überwachen. Seit 2014 setzen die Mitglieder sich für sichere Verkehrsschilder ein. Etwa 25 Millionen gibt es davon laut Vereinsangaben in Deutschland – jedes dritte Schild sei schlecht erkennbar. Der Süv ist keine Behörde. „Wir betreiben Aufklärung“, sagt Borsellino. Der Verein geht auf die Suche nach verdreckten, überklebten, gealterten Verkehrsschildern – und weist öffentlich auf Mängel hin.

Im vergangenen Jahr hat der Süv zum zweiten Mal eine Städtetour unternommen. In zwölf Großstädten haben die Teilnehmer laut eigenen Angaben jeweils mehr als 100 Schilder an verschiedenen Standorten und mit unterschiedlichen Ausrichtungen gesichtet und fotografiert. Auch in Bremen wurde kontrolliert: In einem Ranking, das Borsellino ganz eindeutig als "nicht wissenschaftlich" verstanden wissen will, belegt Bremen den siebten Platz. "Die meisten Schilder sind gut in Schuss, aber auch hier gibt es Ausnahmen. Durch erste Alterserscheinungen und Vandalismus werden einige Wegweiser nicht mehr erkannt", schreiben die inoffiziellen Prüfer in ihrer Bewertung. Besonders negativ sei das Viertel aufgefallen.

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Laut Süv-Angaben ist jedes vierte Schild in Deutschland älter als 15 Jahre. Ganz uneigennützig ist der Einsatz für eine Erneuerung nicht: Der Süv wird finanziell vom Industrieverband Straßenausstattung unterstützt, dem viele Verkehrsschilder-Hersteller angehören. Borsellino betont aber auch: „Unser Ziel ist es nicht, mehr Schilder auf die Straßen zu bringen. Davon gibt es genug.“

Mehr als 400 verschiedene Verkehrszeichen gibt es in Deutschland laut dem Allgemeinen Deutschen Automobilclub (ADAC). Mit steigender Tendenz – beispielsweise für E-Autos und entsprechende Ladestellen, für Inlineskater und E-Roller. Seit Mitte der 1990er-Jahre setzt der ADAC sich dafür ein, den Schilderwald zu lichten. Im vergangenen Jahr veröffentlichte der Club die Ergebnisse einer Umfrage. Autofahrerinnen und -fahrer waren gefragt worden, was sie im Straßenverkehr besonders stört. 29 Prozent nannten „zu viele Verkehrsschilder“ – Platz 10 nach Ärgernissen wie dichtes Auffahren bei hoher Geschwindigkeit (80 Prozent), Radfahrer, die sich nicht an Regeln halten (71 Prozent), Blinkfaulheit (61) und unkoordinierte Ampelschaltungen (47).

Auch Verkehrsexperten bemängeln seit vielen Jahren, dass zu viele Verkehrszeichen Autofahrer verwirren. Wo zu viele Schilder aufgestellt seien, würden „die wirklich wichtigen nicht wahrgenommen, sagen Verhaltenspsychologen“, berichtete die „Zeit“. Und weiter: „Immer mal wieder werden deshalb in Deutschland überflüssige Tafeln entfernt“, 2013 auf Initiative des damaligen Bundesverkehrsministers Peter Ramsauer. Der Abbau von „Überbeschilderung“, so der Minister, könne die Sicherheit erhöhen. „Der Grundsatz lautet: so viele Verkehrszeichen wie nötig, so wenige wie möglich.“

Ramsauer plante unter anderem, Halte- und Parkverbotsschilder nach dem Vorbild Belgiens, Italiens oder den Niederlanden durch gelbe Fahrbahnrandmarkierungen und Bordsteinkanten zu ersetzen. Ein fünfjähriger Modellversuch in Hamburg wurde beschlossen. Die Gemeinde Bohmte im Landkreis Osnabrück (rund 13.000 Einwohner) ging 2008 weiter: Die Ortsdurchfahrt Bremer Straße wurde zum bundesweit ersten „Shared Space“-Projekt. Der (Verkehrs-)Raum wird seither geteilt, gleichberechtigt, ohne Schilder oder Ampeln. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete 2018: „Der überregulierte öffentliche Raum soll den mündigen Verkehrsteilnehmern wieder selbst überlassen werden. So wie früher, als Flaneure und Kutschen das Straßenbild bestimmten.“ Nicht alle Bürger sind zufrieden, hieß es vor vier Jahren. Mehr Unfälle seien nicht zu beklagen.

2005 war auch in Bremen über den Abbau von Schildern diskutiert worden. Der damalige Verkehrssenator Jens Eckhoff (CDU) hatte sich zwar für weniger Schilder ausgesprochen, der ADAC-Initiative aber eine Absage erteilt. Es gebe zu wenig Personal für einen großflächigen Abbau, hieß es. Stattdessen sollte das ASV die Reduzierung in kleinen Schritten vorantreiben. Was ist daraus geworden? Das Amt für Straßen und Verkehr (ASV) kann diese Frage nicht beantworten. Die Zahl der Verkehrsschilder werde nicht erfasst, sagt Heike Reiche, Leiterin der Abteilung für Straßenerhaltung. Sie stellt eine Vermutung auf: Weil der Verkehr durch politische Entwicklungen neu geordnet werde, gebe es auch mehr Erklärungsbedarf. Reiche nennt das Fahrradmodellquartier in der Neustadt als Beispiel. Es sei deshalb nicht davon auszugehen, dass es weniger Schilder geworden seien

Das ASV ist auch für den Zustand der Schilder zuständig. Bei regelmäßigen Überprüfungen der Straßen kontrolliere man auch die Verkehrsschilder, erklärt Reiche. „Es wird kein Schild ersetzt, nur weil da ein Aufkleber dran ist. Aber wenn die Verkehrssicherheit gefährdet ist oder ein Schild geklaut wurde, bemühen wir uns natürlich um schnellen Ersatz.

Wenn die Verkehrssicherheit gefährdet ist oder ein Schild geklaut wurde, bemühen wir uns natürlich um schnellen Ersatz.
Heike Reiche, Amt für Straßen und Verkehr

Wann ein Schild ersetzt werden muss, hängt Borsellino zufolge auch von der Umgebung ab. Nach zehn Jahren sei der Zustand oft schon bedenklich – laut Süv-Angaben ist jedes vierte Schild in Deutschland älter als 15 Jahre. Ganz uneigennützig ist der Einsatz für eine Erneuerung möglichst vieler Schilder allerdings nicht: Der Süv wird finanziell vom Industrieverband Straßenausstattung unterstützt, dem viele Verkehrsschilder-Hersteller angehören. Borsellino betont aber auch: "Unser Ziel ist es nicht, mehr Schilder auf die Straßen zu bringen. Davon gibt es genug."

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