Die neue "Wappen von Bremen"

Wie aus einem Traum eine Jacht wird

Aus einer Idee ensteht ein Schiff. Auf der Siemer-Werft in Barßel-Reekenfeld im Landkreis Cloppenburg ist nicht an irgendeinem Segelschiff gebaut worden, sondern am neuen Stolz, dem Flaggschiff der Segelkameradschaft „Das Wappen von Bremen“.
09.04.2016, 13:21
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Von Heinz Fricke
Wie aus einem Traum eine Jacht wird

Als die Arbeit auf der Siemer-Werft begann: Die Aluminium-Außenhaut der "Wappen" in der Innenansicht, wie sie inzwischen keiner mehr zu sehen bekommt.

Soenke Schierer, Judel & Vrolijk, Siemer Jachtservice

Aus einer Idee ensteht ein Schiff. Auf der Siemer-Werft in Barßel-Reekenfeld im Landkreis Cloppenburg ist nicht an irgendeinem Segelschiff gebaut worden, sondern am neuen Stolz, dem Flaggschiff der Segelkameradschaft „Das Wappen von Bremen“.

Ehe es losgeht, findet noch eine Handvoll neuer Kochtöpfe im Kofferraum Platz. „Wir müssen doch ausprobieren, was genau auf den Herd passt“, sagt Rudolf Olma, der Segelmeister der Segelkameradschaft „Das Wappen von Bremen“ (SKWB). Und dann geht es los Richtung Ostfriesland, wie rund ein Dutzend Mal im vergangenen Winter.

Ziel war in den kalten Wochen stets die Jachtwerft Siemer in Barßel-Reekenfeld, denn dort entsteht, woraus seit einigen Jahren die Träume der Hochseesegler in der SKWB sind: die neue „Wappen von Bremen“. Sie soll in diesem Jahr die alte „Wappen“ ablösen, die rund 37 Jahre lang als Flaggschiff der SKWB über die Weltmeere schipperte und nun zum Verkauf steht. Wenn die neue Wappen – so ist es derzeit geplant – am 15. Juli um 16 Uhr im Europahafen offiziell getauft wird, beginnt gleichzeitig eine neue Epoche in der Geschichte dieses ziemlich einmaligen Vereins, dessen erstes Anliegen es immer war und auch in Zukunft sein wird, junge Menschen an das Hochseesegeln heranzuführen.

Ein Blick in die Messe, die zehn Personen Platz bieten wird.

Ein Blick in die Messe, die zehn Personen Platz bieten wird.

Foto: Soenke Schierer, Judel & Vrolijk, Siemer Jachtservice

Das wird auch die primäre Aufgabe der neuen „Wappen“ sein. Für künftige Regatta-Erfolge des Vereins auf hoher See soll weiterhin in erster Linie die „Bank von Bremen“ sorgen, eine ganz auf Schnelligkeit und Gewichtsersparnis ausgelegte Jacht, auf der es entsprechend spartanisch zugeht. Auch die neue „Wappen“ wird gelegentlich bei einer Regatta starten, ohne vom Sieg träumen zu können. Doch die jungen Menschen, die meist unter Leitung eines erfahrenen Skippers die Besatzung bilden, sollen ja vor allem lernen, sich im Wettbewerb zu behaupten.

Der WESER-KURIER hat verfolgt, wie der Kasko, die reine Schale der neuen „Wappen“ aus Aluminium, in der Halle der Yachtwerft Benjamins in Emden geformt und zusammengeschweißt wurde. Wir haben gestaunt, wie perfekt die immerhin 16,80 Meter lange und 4,90 Meter breite Metall-Schale über Land nach Barßel zur Siemer-Werft kutschiert wurde. Und dort haben wir verfolgt, wie allmählich aus dem nackten Kasko von Woche zu Woche mehr Jacht wurde – ein schnittiges hochseegeeignetes Boot, in das viele Ideen von vielen Fachleuten einflossen. Vor allem von Torsten Conradi, dem Miteigentümer des weltweit renommierten Konstruktionsbüros Judel/Vrolijk & Co. in Bremerhaven. Aber auch von vielen erfahrenen Skippern der SKWB, die immer mal wieder vorbeischauten in Barßel, um die Fortschritte zu begutachten. „Das Boot ist vom Bug bis zum Heck zu Ende gedacht“, sagt Rudi Olma. Und Jochen Orgelmann, der Vorsitzende der SKWB, ergänzt: „Wir haben uns bewusst für Unternehmen in der Region entschieden, so können wir den Bauprozess viel direkter begleiten.“

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Eine Jacht wie die neue „Wappen von Bremen“ baut sich nicht in ein paar Wochen. „Es gibt eine Faustregel für Aluminium-Schiffe dieser Größenordnung. Und die lautet: Ein Schiff – ein Jahr – vier Mann“, sagt Alexander Siemer, der 35-jährige Chef der Firma, der gemeinsam mit seinem Vater die Werft aufbaute und sie zu einem weit über die Region hinaus bekannten Unternehmen formte. Überhaupt, diese Region rings um Papenburg nahe der holländischen Grenze: Dort ist Schiffbauer-Land – mit der weltweit führenden Meyer-Werft und ihren Kreuzfahrt-Riesen an der Spitze. „Und hinter der holländischen Grenze gibt es noch jede Menge Konkurrenz“, sagt Alexander Siemer, in dessen Hallen derzeit rund 150 Boote auf Bearbeitung oder Verkauf warten.

Man ist im Zeitplan. Die weitgehend in hellem Holz gehaltene Innenausstattung mit zehn Kojen, Messe, Kombüse, Nasszelle und den beiden Bädern passt zentimetergenau, auch Elektronik und 105-PS-Motor sind installiert und angeschlossen. Siemer verbaute allein für 400 000 Euro Fremdmaterial, über einen Kilometer Kabelstränge sind eingezogen und befestigt. Alles ist zweckmäßig und technisch auf dem neuesten Stand, doch Luxus findet man nirgends. „Wenn ein Privatmann solch eine Jacht in Auftrag gibt, kommt sie in der Regel rund eine halbe Million teurer“, sagt Segelmeister Rudi Olma und begründet: „Solche Leute haben immer Sonderwünsche, die richtig ins Geld gehen.“

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Auch die Bremer Ausrüsterszene ist bei der „Wappen“ vertreten. Die Segel kommen von Beilken Sails – dazu gehören ein durchgelattetes Großsegel, Trysegel, eine Genua, ein Kuttersegel, eine Sturmfock, ein Code Zero, ein Gennaker und ein Gennaker A4. Das Tauwerk liefert die Firma Gleistein in Bremen-Nord, die internationalen Ruf genießt.

Und wie bewältigt die neue „Wappen von Bremen“ den weiten Weg von Ostfriesland zur Weser? „Kein Problem“, glaubt Alexander Siemer und erläutert: „Wenn der sieben Tonnen schwere Kiel montiert ist, wird die Wappen einen Tiefgang von 2,70 Metern haben. Und der Küstenkanal bei uns vor der Haustür weist eine Tauchtiefe von 2,90 Metern auf.“ 20 Zentimeter Sicherheit also, ist das nicht etwas knapp? Siemer grinst: „Meyer schickt seine Schiffe auch schon mal mit fünf Zentimetern Toleranz raus. Die sind ja eher etwas größer, aber es hat noch immer funktioniert.“ Wie hoffentlich demnächst auch bei der neuen „Wappen“ auf dem Weg in ihre künftige Heimat.

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