Lebensmittelgipfel in Berlin

Wie Bremer Akteure Merkels Treffen mit dem Lebensmittelhandel bewerten

Kanzlerin Merkel hat nach dem Treffen mit Vertretern des Lebensmittelhandels nur auf die Gemengelage zwischen Supermärkten und Erzeugern hingewiesen. Wie differenziert Bremer Akteure das Treffen bewertet haben.
03.02.2020, 22:20
Lesedauer: 3 Min
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Von Florian Schwiegershausen und Andreas Hoenig
Wie Bremer Akteure Merkels Treffen mit dem Lebensmittelhandel bewerten

In Zukunft soll mehr auf regionale Produkte gesetzt werden.

Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Angesichts von Kampfpreisen für Lebensmittel in vielen Supermärkten hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) den Handel zu fairen Bedingungen für die Bauern aufgerufen. „Wir haben ein gemeinsames Interesse an einer starken regionalen Versorgung unserer Bevölkerung mit einheimischen Produkten“, sagte Merkel bei einem Treffen mit Vertretern von Handel und Ernährungsindustrie am Montag in Berlin. Merkel sagte, es gehe darum, gute Lebensmittel zu verkaufen und dafür zu sorgen, dass Landwirte „auskömmlich“ ihr Geld verdienten.

Sie verwies auf eine „gewachsene Sensibilität“ für Qualität und Umweltauflagen, die sinnvoll und richtig seien – aber ihren Preis hätten. Die Frage sei, ob die Lebensmittelerzeuger mit den Auflagen „überleben“ könnten. Das Treffen mit Vertretern der Supermarktketten folgte auf einen Agrargipfel im Dezember mit der Landwirtschaft. Hintergrund sind anhaltende Proteste von Bauern, die sich gegen neue Umweltauflagen, aber auch gegen umstrittene Billigangebote für Fleisch und andere Produkte richten.

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Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) kündigte nach dem Treffen eine gemeinsame Runde mit Handel und Landwirtschaft an. Zudem soll es eine „Kommunikationsallianz“ von Landwirten und Handel zur Wertschätzung von Lebensmitteln geben. Die Ministerin wolle auch eine EU-Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken schnell in nationales Recht umsetzen. Dabei geht es etwa um kurzfristige Stornierungen verderblicher Ware oder verspätete Bezahlung von Lieferanten. Seit April 2019 verlangt die Richtlinie nach einer Umsetzung – spätestens bis Mai 2021.

Diesen lange Frist kritisiert Gerhard Dehlwes von der gleichnamigen Bio-Hofmolkerei in Borgfeld: „Während in den letzten Jahren beim Ministerium der Verbraucherschutz im Vordergrund stand, sollte das nun wieder mehr die Landwirtschaft sein.“ Deutschland müsse dazu in Brüssel bei der EU viel aktiver sein, die in erster Linie bei der Umsetzung gefragt sei. „Ein Bio-Anteil von 20 Prozent bei Lebensmitteln wäre jetzt schon möglich“, sagt der Bio-Landwirt. Für 100 Prozent braucht es laut Dehlwes ein ähnliches milliardenschweres Förderpaket wie beim Kohleausstieg. Grundsätzlich sollten Fördermittel seiner Ansicht nicht mehr wie bisher verteilt werden.

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Dehlwes macht aber die Erfahrung, dass immer mehr Händler auf regionale Produkte setzen: „Ich habe auch schon Anfragen von Aldi erhalten.“ Die habe er dankend abgelehnt. Dehlwes beobachtet: „Immer mehr Verbraucher haben eine Allergie gegen Großkonzerne und große Marken.“ Auf der anderen Seite gehöre billige Butter für den Handel immer noch zu den Lockangeboten: „Da werden die Preise zwischen Handel und Herstellern viermal pro Jahr verhandelt.“

Aldi, Lidl, Rewe und Edeka bekannten sich nach dem Treffen zu fairen Handelspraktiken. Rewe-Chef Lionel Souque verteidigte die Preisgestaltung des Handels: „In Deutschland leben rund 13 Millionen Menschen in Armut oder an der Armutsgrenze. Günstige Lebensmittelpreise ermöglichen ihnen eine gesunde Ernährung.“ Das Deutsche Milchkontor (DMK) mit Verwaltungssitz in Bremen ist die größte deutsche Molkereigenossenschaft mit 6000 Landwirten.

Sprecher Oliver Bartelt sagte: „Solange für Verbraucher der Preis den höchsten Stellenwert beim Einkauf hat, wird das das Differenzierungsmerkmal des Handels bleiben und dieses Dilemma weiter befeuern.“ Eine nicht repräsentative Umfrage fürs interne DMK-Magazin habe ergeben, dass für viele Menschen Essen „Mittel zum Zweck“ sei und gut und günstig sein müsse. Regionalität sei offenbar zweitrangig. Bartelt sieht gewisse Diskrepanzen zwischen dem, was Verbraucher sagen und was sie am Ende im Supermarkt tun.

Das sieht Annabel Oelmann, Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen, anders: „Viele Verbraucher wären bereit, für mehr Qualität höhere Preise zu zahlen. Diese können sie aufgrund der verwirrenden Label- und Werbeflut im Handel aber bisher nicht einfach und verlässlich erkennen.“ So hat die Verbraucherzentrale die Einführung eines europaweit verbindlichen und staatlichen Tierwohllabels unterstützt, das in Deutschland im ersten Schritt freiwillig ist. Bessere Kennzeichnungen seien sinnvoller als eine höhere Mehrwertsteuer auf Fleisch oder eine Tierschutzabgabe.

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