Gesundheitsminister

Der Einfluss des Fall Spahn

Der Gesundheitsminister Jens Spahn ist positiv auf Covid-19 getestet worden: Wie wird das das VErhalten der Gesellschaft verändert? Werden die Regeln jetzt ernster oder eher nicht mehr ernst genommen?
23.10.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Maria Fiedler

Berlin. Ausgerechnet Jens Spahn. „Ich weiß, wie vorsichtig er selbst immer war. Das zeigt nur, wie hoch das Infektionsrisiko heute für jeden ist“, twitterte der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Damit drückte er das aus, was wohl viele Deutsche dachten, als sie von der Corona-Infektion des Gesundheitsministers hörten: Wenn einer wie Spahn sich ansteckt, kann es dann nicht jeden treffen?

Panik, Fatalismus oder noch höhere Vorsicht: Fragt man den Frankfurter Sozialpsychologen Rolf van Dick, wie sich Spahns Erkrankung auf die Stimmung in der Bevölkerung auswirkt, sagt er: „Das ist eine Frage der Kommunikation.“ Jeder wisse, dass Minister in ihrem Job viele Kontakte hätten. Für sie sei natürlich die Gefahr der Ansteckung höher als für den Durchschnittsmenschen. Gleichzeitig gebe es die Bilder von Jens Spahn im Kabinett, wo Abstand gehalten und Maske getragen werde. „Da signalisiert die Bundesregierung ganz bewusst: Wir sind vorsichtig, ihr müsst nicht befürchten, dass sich das halbe Kabinett angesteckt hat.“

Auch van Dick beobachtet aber, dass es Menschen gibt, die aus Spahns Infektion ableiteten, Masken und AHA-Regeln brächten nichts. „Viele davon haben die Maske aber sicher schon vorher abgelehnt. Psychologen nennen das eine Dissonanzreaktion“, sagt van Dick. „Wenn ich die Maske nicht mag, blende ich Studien, die ihre Wirksamkeit belegen, lieber aus und konzentriere mich auf Infos, die zu meiner Einstellung passen.“ Masken-Gegnern passe die Erkrankung Spahns deshalb gut in den Kram. „Einige Wortführer in diesem Kreis benutzen das sogar für ihre Propaganda.“ Dass nun in der Bevölkerung viele Menschen in Fatalismus verfallen könnten, weil sie meinen, der Krankheit nicht entkommen zu können, glaubt van Dick nicht. „In Deutschland sind die Zahlen noch niedrig genug, dass gar nicht jeder jemanden persönlich kennt, der betroffen ist.“ Das verhindere einerseits, dass die Menschen panisch würden und glaubten, gleich der Nächste zu sein, reduziere aber auf der anderen Seite bei vielen das Problembewusstsein. „Wir haben in unseren Studien gesehen, dass neben den Leuten, die in einem Risikogebiet wohnen oder zu einer Risikogruppe gehören, vor allem die besonders vorsichtig sind, die einen Corona-Erkrankten kennen“, sagt van Dick. Die Betroffenheit im persönlichen Umfeld sei ein entscheidender Faktor.

Welchen Einfluss Spahns Erkrankung langfristig hat, hängt auch vom Verlauf der Infektion hat. Bislang ist nur die Rede von Erkältungssymptomen, die Spahn entwickelt hat. Wenn es bei dem milden Verlauf bleibt, kann das aus Sicht von van Dick zwei Auswirkungen haben. „Wie bei US-Präsident Donald Trump und Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro werden Anhänger sagen: Der hat die Krankheit gut weggesteckt, der ist fit, dem trauen wir etwas zu.“ Auf der anderen Seite könnten Leute, die Corona verharmlosen, versuchen, den leichten Verlauf als Argumentationshilfe zu nehmen – nach dem Motto: Ist alles gar nicht so schlimm. „Egal, wie die Krankheit verläuft, sollte darüber aber transparent kommuniziert werden. Da darf man die Öffentlichkeit nicht im Unklaren lassen, wie das bei Trumps Erkrankung zum Teil geschehen ist“, sagt van Dick.

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