E-Autos in der Hansestadt

Wie elektrisch ist Bremen?

Gleich zwei Autokonzerne werden in den nächsten Jahren E-Autos in Bremen bauen. Damit könnten sie die Stadt zu einem bundesweiten Vorreiter in Sachen Elektromobilität machen. Ist Bremen darauf vorbereitet?
07.11.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie elektrisch ist Bremen?
Von Stefan Lakeband
Wie elektrisch ist Bremen?

Der erste Elektro-Mercedes wurde auf der AutoDigital-Konferenz des WESER-KURIER vorgestellt. Er soll bald in Sebaldsbrück gebaut werden.

Frank Thomas Koch

Gleich zwei Autokonzerne werden in den nächsten Jahren ihre E-Autos in der Hansestadt bauen. Damit könnten sie Bremen zu einem bundesweiten Vorreiter in Sachen Elektromobilität machen. Ist Bremen darauf vorbereitet?

Die Elektrischen kommen. Mit Borgward und Mercedes werden in den nächsten Jahren zwei Autokonzerne E-Autos in Bremen bauen. Sie könnten eine Zeitenwende in der deutschen Autoindustrie markieren und Bremen zu einem bundesweiten Vorreiter in Sachen Elektromobilität machen. In der Stadt ist davon aber noch wenig zu spüren. „Es gibt eine gewisse Euphorie in der Stadt“, sagt Michael Peters, Betriebsratsvorsitzender des Mercedes-Werks in Bremen. „Die Elektromobilität ist aber noch nicht sichtbar in der Stadt.“ Wie elektrisch ist Bremen also?

Elektroautos

Zwischen 2010 und 2015 wurde im Land Bremen insgesamt 305 reine Elektro-Autos neu angemeldet, wie der Senator für Bau und Verkehr mitteilt. Zum 1. Januar 2016 waren es laut Kraftfahrtbundesamt noch 264 Fahrzeuge. Das sind gerade einmal 0,09 Prozent aller in Bremen zugelassener Autos. Diese Zahl lag zum selben Zeitpunkt bei mehr als 284 000 Autos. Auch die Prämie für Elektroautos hat kaum zu einem nennenswerten Plus geführt.

Käufer bekommen seit Juli dieses Jahres einen Zuschuss von 4000 Euro, wenn sie sich für einen rein batteriebetriebenen Neuwagen entscheiden. Davon übernimmt der Bund die eine Hälfte, die andere Hälfte muss der Automobilhersteller dem Käufer als Nachlass gewähren. Allein im September wurde diese Prämie jedoch nur vier Mal von Bremer Autokäufern abgerufen. „Wir sind enttäuscht“, sagt Karl-Heinz Bley, Präsident des Kfz-Landesverband Niedersachsen-Bremen.

„Die Prämie kommt nicht in Fahrt und belebt folglich den Elektro-Markt kaum.“ Seit Prämienstart bis Ende September sind insgesamt gerade einmal 15 Anträge zum Kauf von reinen E-Autos beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle aus Bremen eingegangen. Nur Fahrer aus Mecklenburg-Vorpommern haben noch seltener die Prämie beantragt, insgesamt 14 Mal.

Ladesäulen

An der geringen Zahl von Ladestationen könne es nicht liegen, sagt Jens Tittmann, Sprecher von Verkehrssenator Joachim Lohse (Grüne). Die Behörde verzeichnet für das Stadtgebiet aktuell 106 Ladepunkte für Elektroautos, weitere 27 gibt es in Bremerhaven. „Es ist wichtig, dass wir uns vom Verbrennungsmotor verabschieden. Der Strom für die E-Autos sollte dann aber auch aus erneuerbaren Energien kommen“, sagt Tittmann. Es sei aber nicht die Aufgabe der Behörde, Ladensäulen zu bauen und zu betreiben. Das gehöre in die Hände der Privatwirtschaft.

Hersteller

Vor Kurzem haben sowohl Mercedes als auch Borgward angekündigt, künftig Elektroautos in der Hansestadt bauen zu lassen. Während Letzterer erst in einem Monat bekannt geben will, ob er seine Fertigung in Bremen oder Bremerhaven errichtet, baut Daimler in seinem Werk in Sebaldsbrück schon um. „Für die EQ-Produktion müssen wir keine neue Halle bauen“, sagt Betriebsrat Peters.

„Wir integrieren die Fertigung in die Linie der C-Klasse.“ Dafür seien schon diversen Flächen freigeräumt worden, schon vorhandene Anlagen müssten noch umgebaut werden. Gleichzeitig müssen sich auch die Mitarbeiter auf den Bau von Elektroautos vorbereiten. „Da wir schon jetzt Hybrid-Fahrzeuge bauen, ist Know-how da. Das muss aber noch ausgebaut werden“, sagt Peters. Derzeit sei man dabei, zusammen mit Mercedes ein Konzept für die Weiterbildungen zu erarbeiten.

Zulieferer

Mit der Hansalinie gibt es einen Gewerbepark in Bremen, der sich in unmittelbarer Nähe zum Mercedes-Werk befindet. Schon jetzt sind dort viele Automobilzulieferer zu finden. Mit Produktionsstart für das E-Auto von Mercedes dürften noch welche hinzukommen, die spezielle Teile für Elektroautos liefern. Dafür spricht auch, dass die Pläne zur Erweiterung der Hansalinie vorgezogen werden sollen. „Wir arbeiten seit geraumer Zeit und unter massivem Druck daran, die Flächen zu erschließen“, sagt Holger Bruns, Sprecher von Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD).

In den beiden ersten bereits erschlossenen Baustufen 0 und 1, die sich über eine Fläche von gut 94 Hektar erstrecken, gibt es so gut wie keine freien Flächen mehr. Im zweiten Abschnitt entstehen aktuell weitere 55 Hektar – allerdings ist auch hier ein Großteil bereits belegt: Das Bremer Mercedes-Werk hat für seine Zulieferer bereits knapp 26 Hektar reserviert. Mercedes-Betriebsrat Peters bestätigt, dass man bereits mit Zulieferern für das E-Auto im Gespräch sei.

Wissenschaft

Die Modellregion Elektromobilität, die Bremen und Oldenburg gemeinsam bilden, sieht Gerald Rausch vom Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung Bremen auf einem guten Weg. Im Rahmen der Modellregion ist es etwa zur „Unternehmensinitiative Elektromobilität“ gekommen. Etwa 100 Firmen aus der Region haben sich daran beteiligt und insgesamt etwa 150 E-Autos in ihren Fuhrpark integriert und 160 Ladestationen installiert.

Das Ifam hat zusammen mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz die Daten der Fahrzeuge ausgewertet und so festgestellt, wie viel sie bewegt wurden, in welchem Radius oder bei welchem Akku-Zustand sie geladen wurden. Zudem seien so viele Menschen erstmals mit E-Autos in Kontakt gekommen. „Wenn wir die Leute von der Elektromobilität überzeugen wollen, dann müssen sie es einfach ausprobieren“, sagt Rausch.

Nachwuchs

Was Elektroautos alles leisten können, haben Studenten unter anderem im Projekt Bremergy festgestellt. Sie haben einen elektrischen Sportwagen für die Formula Student entwickelt, bei der sich Studententeams aus der ganzen Welt messen.

Unterstützt wird Bremergy unter anderem von der Bremer Zahnrad- und Getriebefabrik Tandler. „Wir wollen für die Studenten so Theorie und Praxis verdingen“, sagt Geschäftsführer Lothar Krelle. Insgesamt betreut das Unternehmen fünf Studententeams beim Bau der Rennwagen, die teilweise von null auf 100 in 1,5 Sekunden beschleunigen können.

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