Bremer Bürgerschaftswahl Wie sich kleine Bündnisse einen Bärendienst erweisen

Bremen. Es dürfte Wähler verwirren, dass sich fast alle zur Wahl angetretenen kleinen Gruppierungen Namen gegeben haben, die einander zum Verwechseln ähnlich sind. Zu diesem Zeichennotstand führt vor allem die notorische Verwendung des Buchstaben B.
17.05.2011, 05:00
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Wie sich kleine Bündnisse einen Bärendienst erweisen
Von Hendrik Werner

Bremen. Es dürfte Wähler verwirren, dass sich zur Bürgerschaftswahl fast alle angetretenen kleineren Gruppierungen Namen gegeben haben, die einander zum Verwechseln ähnlich sind. Zu diesem Zeichennotstand führt vor allem die notorische Verwendung des Buchstaben B, der abwechselnd für Bremen, Bremerhaven und Bürger steht. Überdies fügt sich dieser angestrengt originelle Abkürzungsfimmel in den gesellschaftlichen Trend, Dinge nicht mehr beim Namen zu nennen.

Wir müssen jetzt mal ganz kurz kompliziert werden, um die semiotischen Dilemmata der politischen Listen angemessen abzubilden: Um Gunst und Kreuz der Wähler wirbt beispielsweise die Partei BIW (Bürger in Wut). Merke: B wie Bürger. Es bewirbt sich auch die zumindest hinsichtlich ihrer saumseligen Zeichensetzung beachtliche BBL (Bremer & Bremerhavener Bürger Liste). Merke: B wie Bremer, aber auch wie Bremerhavener.

Nicht vergessen werden darf die Bremer und Bremerhavener Wählergemeinschaft, kurz: B+B. Mit diesem Kürzel assoziieren Backpacker zwar zuallererst Bed & Breakfast. Aber das mag ebenso Kalkül sein wie die kompakte Version der übrigens recht bedenklich gekoppelten Bremischen Integrations-Partei Deutschlands. Die kürzt sich mit BIP ab, was dezent an Bruttoinlandsprodukt gemahnt.

Auf das kapitale B setzt zu allem Überfluss auch das Bündnis PdB (Protest der Bürger). Immerhin die Rentnerinnen und Rentner Partei (RRP) ist B-freie Zone, befreit den Wähler aber nur bedingt vom Risiko buchstäblicher Schwindelanfälle.

"Vollkommend verwirrend"

Professor Lothar Probst, auf Parteienforschung spezialisierter Politikwissenschaftler an der Universität Bremen, ist der Meinung, dass sich die genannten Gruppierungen mit ihren uniform anmutenden Bezeichnungen einen Bärendienst erwiesen haben: "Das ist vollkommen verwirrend für den Wähler", sagt er. "Damit haben die sich keinen Gefallen getan."

Der Fairness halber muss freilich hinzugefügt werden, dass die etablierten Parteien in der Regel kein Siglenverzeichnis aufbieten müssen, um zweifelsfrei identifiziert werden zu können: Entweder ist ihre Kurzbezeichnung landläufig so bekannt, dass die ausführliche Schreibweise albern bis überflüssig anmutet (wer will schon in jedem Zeitungsartikel zeilenfressende Versatzstücke wie "Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)" oder "Christlich Demokratische Union (CDU)" lesen?). Oder aber die sich zur Wahl stellenden Vereinigungen verzichten wie Grüne oder auch Linke - wenigstens in dieser Hinsicht löblich! - gleich gänzlich auf das, was frühere Generationen gern als Aküfi (Abkürzungsfimmel) geschmäht haben. Das kann gerade bei weniger renommierten Parteien den Vorteil haben, dass der Wähler Benennungen honoriert, die Klartext reden statt Arabeske, die eingängige, unmittelbar in Programmatik übertragbare Claims formulieren statt bloß der Konfusion zuträgliche Scrabble-Spielchen. Und es birgt den in einigen Fällen kaum geringer zu schätzenden Vorteil, dass kein Witzbold Parteiversalien in hämischer Manier umdeuten kann - etwa à la FDP = Fast drei Prozent.

Übrigens: Besonders beeindruckend aufgelistet sind besagte Bremer Wählervereinigungen, die den alteingesessenen politischen Gruppierungen Paroli bieten wollen, ironischerweise auf einer Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung, die - ausgerechnet! - das Kürzel bpb führt.

Man ahnt: Das Kennzeichen B muss in diesen Tagen jenen wie ein allgegenwärtiges literales Mantra vorkommen, die sich im Dickicht der politischen Zeichen auf die Wahl vorbereiten wollen. Über die Möglichkeit, dies substanziell tun zu können, ist damit freilich noch nichts gesagt. Denn Wahlkampf-Phasen sind kurze Perioden einer ins Unermessliche gesteigerten Ökonomie der Aufmerksamkeit, in denen den Kandidaten fast jedes prägnante und damit notgedrungen verkürzende Mittel recht ist. Es handelt sich um Zeiten äußerster Verknappung, was die Verpackung gewerblicher Texte, Bilder und Logos angeht. "Form folgt Funktion" und "Das Medium ist die Botschaft" lauten nicht von ungefähr die eingängigsten Theorie-Slogans aller kommerziellen Aufmerksamkeitsbranchen.

Neue Medien wie SMS und Twitter haben von HDGDL (Hab dich ganz doll lieb) bis FUDHUK (Fall um den Hals und knuddel) einen befremdlichen Jargon hervorgebracht, der an Bündigkeit und Infantilität kaum zu übertreffen ist. Mit ihrer Entscheidung, ihnen um des schieren Auffallens willen nachzueifern, kapitulieren politische Parteien offenbar vor einem Zeitgeist, der in der Regel jeglichen Inhalt zugunsten einer effekthascherischen Form zurückstellt.

"MfG" (Mit freundlichen Grüßen) heißt ein 1999 veröffentlichtes Lied der schwäbischen HipHop-Gruppe Die Fantastischen Vier. Es bündelt - zwischen FSK und VHS, FDH und LMAA - in ironisch wertvoller Weise Auswüchse eines grassierenden Abkürzungswahns. Zudem benennt der Song indirekt Gründe für ein literarisch amputiertes Sendungsbewusstsein auch und gerade kleiner Parteien: "Wir gehen drauf für ein Leben voller Schall und Rauch / Bevor wir fallen, fallen wir lieber auf".

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