Bundesland Bremen eine Fehlkonstruktion? Wissenschaftler widersprechen

Bremen. Auf heftige Kritik stößt die Aussage von Forsa-Chef Manfred Güllner, das Land Bremen sei eine historische Fehlkonstruktion der Amerikaner. Bremer Wissenschaftler halten die Aussage für Polemik.
24.02.2011, 05:00
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Von Elke Hoesmann

Bremen. Auf heftigen Widerspruch stößt die Aussage von Forsa-Chef Manfred Güllner, das Land Bremen sei eine historische Fehlkonstruktion der Amerikaner. Konrad Elmshäuser, Historiker und Leiter des Staatsarchivs Bremen, ärgert sich über die "verletzend polemische Äußerung" zur Entstehung des Bundeslandes. Auch der Bremer Politikwissenschaftler Lothar Probst spricht von einer unhistorischen Betrachtungsweise.

Manfred Güllner, Leiter des Meinungsforschungsinstituts Forsa, hatte seine Kritik in einem Interview mit unserer Zeitung geäußert. Thema war die von Forsa festgestellte Auseinanderentwicklung von Bremen und Bremerhaven.

"Das Gegenteil von Güllners Aussage ist richtig", sagt der Historiker Elmshäuser. Es sei der damaligen US-Besatzungsmacht zu verdanken, dass Bremen nach 1945 an seine erfolgreiche Vorkriegsentwicklung anknüpfen konnte. Die Amerikaner hätten früh erkannt, dass Bremen und Bremerhaven eine historisch zusammengehörige und wirtschaftlich erfolgreiche Einheit gewesen seien.

Elmshäuser wirft Güllner vor, sich nicht an die Fakten zu halten. Bremen verbinde eine Jahrhunderte alte enge Beziehung mit dem Unterweserraum, in dem Bremerhaven 1827 gegründet wurde. Es handele sich also keineswegs um ein Kunstgebilde, sondern um eine "historisch gewachsene und lebensfähige Einheit". Nachdem die Nazis Bremen die Eigenständigkeit entzogen hatten, habe es die US-Besatzungsmacht 1947 ermöglicht, dass ein selbstständiges Bundesland entsteht. Auch niedersächsische Wünsche nach Einverleibung Bremens, teilweise unterstützt von britischer Seite, seien abgewehrt worden.

Aufeinander angewiesen

"Güllner tut so, als ob das Konstrukt Bremen-Bremerhaven erst nach dem Krieg entstanden wäre", kritisiert der Politologe Probst. Dabei seien beide Städte schon viel länger verbunden - und aufeinander angewiesen. Bremen brauche die Häfen der Seestadt, und Bremerhaven baue inzwischen darauf, dass seine Schulden in den Landeshaushalt eingestellt würden.

Es war Bremens Bürgermeister Johann Smidt, der 1825 den Plan fasste, wegen der Versandung der Weser einen neuen Hafen zu bauen. Von Hannover kaufte Bremen ein Stück Land an der Geestemündung, 1830 fuhr das erste Schiff in den neuen Hafen ein. 1848 wurden zehn Bremerhavener in die bremische Bürgerschaft entsandt. Zwei Jahre später war aus dem Flecken die Stadt Bremerhaven geworden.

1939 wurde Bremerhaven der Kommunalverwaltung von Wesermünde - ein Zusammenschluss von Lehe und Geeste-münde - unterstellt; der Hafen jedoch blieb im Besitz der Stadtgemeinde Bremen. Mit der Eingliederung von Wesermünde ins Land Bremen im Jahre 1947 kam der gewachsene Name "Bremerhaven" zurück.

Vorher war lange um die Ausgestaltung des neuen Bundeslandes gerungen worden. Nach Kriegsende gehörten Bremen und Bremerhaven zunächst zur US-Enklave innerhalb der britischen Besatzungszone. Die amerikanischen Militärplaner, deren Besatzungszone in Süddeutschland lag, hatten laut Elmshäuser bereits 1944 auf einem eigenen seeschiffsfähigen Hafen in Deutschland bestanden. Dort sollten ihre Versorgungsschiffe anlegen. Elmshäuser: "Am 15. September 1944 wurden in Quebec die Häfen Bremen und Bremerhaven hierfür von den alliierten Stabschefs ausgewählt. Roosevelt und Churchill billigten dies." Dass Bremerhaven US-Nachschubhafen wurde, kam wiederum der Stadt Bremen zugute, die auf Bremerhaven nicht verzichten wollte. Bremen habe unter den Amerikanern natürliche Verbündete in dieser Frage gefunden, sagt der Historiker.

Bei den Verhandlungen sei Bremens Bürgermeister Wilhelm Kaisen sehr geschickt vorgegangen, ergänzt Lothar Probst. Kaisen habe die Gunst der Stunde genutzt und für einen Zweistädtestaat geworben. Sein Argument, in der föderalen Einheit Deutschlands müsse auch Platz sein für kleinere Länder, habe bei den Amerikanern offene Ohren gefunden.

Eine andere Fehlkonstruktion

Kaisen habe stets auf einen funktionierenden Stadtstaat mit Überseehafen gesetzt, betont Elmshäuser. An einem Flächenstaat sei Bremen nicht interessiert gewesen. Und Kaisens Konzept habe sich bewährt: Bremen sei zusammen mit Bremerhaven ein funktionsfähiges Bundesland geworden und "bis in die 70er Jahre auch wirtschaftlich sehr erfolgreich" gewesen.

Natürlich hätten die Planungen der Alliierten für ihre Besatzungszonen nicht deutsche Interessen oder gar Verwaltungsgrenzen berücksichtigt, so der Historiker. So habe man zunächst das Bremer Gebiet um die ehemals preußischen Landkreise Wesermünde, Osterholz-Scharmbeck und Wesermarsch erweitert. "Innerhalb kurzer Zeit stellte sich dies aber als tatsächliche Fehlkonstruktion der Amerikaner heraus." Die Enklave mit ihren künstlichen Grenzen sei nicht regierbar gewesen; bereits im Dezember 1945 seien die Gebiete an die englische Zone zurückgegangen - aus Elmshäusers Sicht ein Beleg dafür, dass die spätere "Gründung des Landes Bremen in historischer Gestalt" richtig war. "Die vergrößerte Enklave war eine historische Fehlgeburt, nicht aber die Eingliederung Bremerhavens in das Bundesland Bremen."

Und noch eine Anmerkung des Bremer Historikers: "Als am 4. Oktober 1946 der amerikanische Direktor der Militärregierung, Col. Browning, am Rande der Bremer Interzonenkonferenz, zu der die deutschen Länderchefs der Westzonen auf Einladung Wilhelm Kaisens ins Rathaus gekommen waren, erklärte, dass Bremen als Land bestehen bleibe, titelte der WESER-KURIER am 5.Oktober: 'Bremen reichsunmittelbar'." Dies zeige deutlich, so Elmshäuser, "in welchem Maße hier an föderale deutsche Verfassungstraditionen und nicht an Besatzungsrecht angeknüpft wurde".

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