Probleme an Bremer Schulen Wo Eltern und Schüler Handlungsbedarf sehen

Bremen. Die Rücknahme der Stundenkürzungen ist eine zentrale Forderung des aus Eltern, Lehrern und Schülern formierten Bremer Bündnisses für Bildung. Doch sind diese Kürzungen nur Anlass und nicht Grund für die Proteste. Der Grund liegt tiefer.
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Wo Eltern und Schüler Handlungsbedarf sehen
Von Matthias Lüdecke

Bremen. Die Rücknahme der Stundenkürzungen ist eine zentrale Forderung des aus Eltern, Lehrern und Schülern formierten Bremer Bündnisses für Bildung. Doch sind diese Kürzungen nur der Anlass und nicht der Grund für die Proteste. Denn der Grund liegt tiefer, er liegt in den Problemen, die die Bremer Schulen ohnehin schon haben. Und die sind auch ohne Kürzungen mitunter gravierend, wie Schüler und Eltern aus ihrer subjektiven Erfahrung heraus berichten.

Das Vertretungsproblem

Es ist eine der Beschwerden, die man immer wieder hört: Unterricht in einem Fach fällt über Wochen aus. So geschehen etwa am Alten Gymnasium in der Qualifikationsphase in Mathematik. Aus der Oberschule Schaumburger Straße berichten Eltern, dass in einer 5. Klasse allein im zweiten Halbjahr des letzten Schuljahres 27 Unterrichtsstunden ausgefallen seien. Die Vertretungsstunden, in denen die Schüler beaufsichtigt aber nicht unterrichtet wurden, haben die Eltern nach eigenen Angaben nicht mitgezählt. Auch an der Oberschule in Findorff erzählen Eltern, dass der Englischunterricht ihrer Tochter in letzter Zeit regelmäßig ausfalle. Die Folge: "Die Kinder hinken in Englisch deutlich hinterher."

Die Schulen verfügten über ein Budget, um bei der "Stadtteilschule" auch kurzfristige Ausfälle kompensieren zu können, wie ein Behördensprecher erklärt. Für Ausfälle die länger als drei Monate dauern gibt es einen Extrapool mit 30 Vollzeitstellen in der Behörde.

Für Eltern und Schüler vermitteln solche Beispiele jedoch den Eindruck, dass dort irgendetwas nicht reicht. Entweder die Kapazitäten oder das Budget. Und ihre Sorge wächst. Denn durch Verschärfungen im Mutterschutz dürfen schwangere Lehrerinnen unter gewissen Umständen nicht mehr arbeiten, etwa, wenn ihr Immunsystem sie nicht vor gewissen Krankheiten schützt. Sie sollen bei längerem Ausfall aus dem Langzeitpool vertreten werden. Unter den Eltern geht allerdings das Gerücht, dass sich jetzt schon mehr Schulen mit solchen Fällen gemeldet haben, als Kapazitäten zur Verfügung stehen.

Das Raumproblem

Im Alten Gymnasium, so berichtet ein Schüler, gibt es in der Einführung einen Sportkurs weniger als in früheren Jahren. Die Folge: Die Kurse sind so groß, dass nicht alle Schüler gleichzeitig in den Schwimmunterricht gehen könnten. Also müssen die Kurse geteilt werden. Für den einzelnen Schüler heißt das: Die Schwimmzeit halbiert sich.

Aber auch sonst ist die Raumsituation ein oft genanntes Problem. Ein Vater etwa berichtet von undichten Dächern und Fenstern. Ein Brief der Eltern des Elternbeirats der Oberschule am Waller Ring bemängelt, dass die Baumaßnahmen in der Schule noch nicht abgeschlossen seien. "Mittagessen kann es zur Zeit nicht geben, auch der Kiosk hat geschlossen", heißt es in dem Brief. Und weiter: "Der Pausenhof ist so klein, dass man am besten die Kinder stapelt. Seit einiger Zeit ist gerade die Toilettensituation eine Katastrophe."

Dass nicht genug Tische und Stühle für alle Schüler zur Verfügung stehen, berichtet auch ein Schüler aus dem Gymnasium an der Hamburger Straße aus einigen Kursen. Eine andere Mutter erzählt, der Klassenraum ihrer Tochter sei so mit Tischen, Stühlen und Schülern vollgestopft, dass es sogar schwierig sei, wenn die Lehrkraft einen Film zeigen und zu diesem Zweck einen Fernseher in den Raum rollen wolle.

Das Betreuungsproblem

Die Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung oder speziellem Förderbedarf ist eines der zentralen Elemente der Schulreform. Und sie ist ein Erfolg. 87 Prozent der Eltern entsprechender Kinder meldeten ihr Kind zu diesem Schuljahr an einer Regelschule an.

In der konkreten Umsetzung macht aber auch dieser Prozess den Eltern Sorgen - auch wenn sie die Inklusion prinzipiell begrüßen. "In einer Klasse gibt es zwei Kinder die eigentlich beide eine individuelle Betreuung bräuchten", berichtet etwa eine Mutter aus der Oberschule an der Julius-Brecht-Allee, "doch sie reicht eigentlich nur für eines der beiden Kinder". Auch eine andere Elternvertreterin berichtet von einer Klasse mit Kindern, die Förderbedarf wegen Verhaltensauffälligkeiten haben. Auch hier reiche die Zahl der Betreuer nicht aus. "Im Ergebnis wird die Klasse keinem Kind mehr gerecht", sagt sie.

Die Eltern wundern sich zudem über die Verzögerungen in der Etablierung der Zentren für unterstützende Pädagogik (ZUP). Diese sollen eine Gruppe von Fachkräften an den Schulen sein, die sich um die Kinder mit Förderbedarf kümmern. De facto fehlt es vielen Schulen noch an einem ZUP: 30 von 74 Grundschulen besitzen ein solches Zentrum, erklärt die Bildungsbehörde. Bei den weiterführenden Schulen seien vier derartige Zentren mit Leitungsstelle etabliert, elf weitere wählten gerade die Bewerber aus, bei zweien sei die Stelle ausgeschrieben. Auch hier kommt man auf ungefähr die Hälfte der Schulen, die ein solches Zentrum zumindest in Aussicht haben. Den Eltern kann es damit nicht schnell genug gehen. Eine Mutter sagt: "Die Schulen warten händeringend darauf. Die brauchen diese Zentren dringend."

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