Maßnahmen für das Werder-Spiel

Polizei erwartet 400 Problemfans

Seit Montag laufen die Sicherheitsmaßnahmen vor dem Werder-Spiel gegen Frankfurt auf Hochtouren. Im Interview mit dem WESER-KURIER erläutert der zuständige Polizist Heinz-Jürgen Pusch die Vorbereitungen.
11.05.2016, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Polizei erwartet 400 Problemfans
Von Ralf Michel

Seit Montag laufen die Sicherheitsmaßnahmen vor dem Werder-Spiel gegen Frankfurt auf Hochtouren. Im Interview mit dem WESER-KURIER erläutert der zuständige Polizist Heinz-Jürgen Pusch die Vorbereitungen.

Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt – war da nicht mal was?

Heinz-Jürgen Pusch: Sie meinen das Spiel im November 2008?

Richtig, als über 200 Frankfurt-Fans eingesperrt wurden. Wie kam es dazu?

Wir hatten die Information, dass die Frankfurter in großer Zahl und sehr früh anreisen wollten. Tatsächlich kamen schon um 9 Uhr früh sechs oder sieben Reisebusse am Osterdeich an. Von dort ging es in gesammelter Stärke zur Sielwallkreuzung weiter. Da gingen dann die ersten Böller hoch, und es gab skandierende Rufe nach der Anführerin der Werder-Ultras. Es war klar, dass sie auf Krawall gebürstet waren. Damals war das grundsätzliche Fan-Verhältnis der beiden Vereine ja feindschaftlich.

Aber Sie waren vorbereitet?

Ja, wegen der Warnung waren wir mit den Bremer Kräften auch schon so früh komplett im Einsatz. Wir haben sie dann gestoppt und versucht, ins Gespräch zu kommen. Das hat aber nicht funktioniert. Daraufhin habe ich dann die Ingewahrsamnahme angeordnet. Insgesamt wurden 234 Personen bis nach Spielende in Zellen untergebracht.

Und damit war Ruhe?

Nein, es hat dann noch zwischen denen, die erst zum Spiel angereist kamen, im Stadion Probleme gegeben. Da kam es zu körperlichen Auseinandersetzungen zwischen Frankfurtern und Polizeikräften.

Wie endete das Ganze?

Nach dem Spiel haben wir alle aus den Zellen geholt und zu den Busparkplätzen gebracht. Dort wurde ihnen die Verfügung des Niedersächsischen Innenministers vorgelesen, dass sie auf dem Heimweg keine Raststätte anfahren dürfen. Tatsächlich standen dann an jeder Autobahnraststelle Streifenwagen, die diese Kolonne nicht auf den Rastplatz ließen und an den Landesgrenzen ist das dann immer so weiter gegangen bis Frankfurt durch.

Blieben die Frankfurter Fans so problematisch?

Nein, es ist ruhiger geworden. In den Jahren danach konnten wir beim Frankfurtspiel die Kräfte immer weiter runterfahren, es ist weniger passiert und das Spiel war für uns zuletzt nicht einmal mehr ein rotes Hochrisikospiel, sondern nur noch ein Gelbspiel, also eines der normaleren Kategorie.

Aber in diesem Jahr, angesichts der besonderen Situation...

... ist es wieder als Rotspiel eingestuft worden. Da ist die Tabellensituation und natürlich der letzte Spieltag. Es ist inzwischen Tradition geworden, dass der Gastverein da sein gesamtes Klientel an Problemfans mitbringt. Man will sich noch mal zeigen, im weitesten Sinne noch mal eine Duftmarke setzen. Und jetzt ist es so, dass beide Vereine absteigen könnten, da liegt dann ein besonders hoher Grad der Emotionalität vor. Auf beiden Seiten. Vielleicht ist es ja die letzte Gelegenheit, sich erstklassig zu zeigen. Und das wollen auch beide.

Haben sie ähnliche Warnungen wie 2008 aus Frankfurt vorliegen?

Wir wissen, dass alles, was die in Frankfurt an Problemklientel haben, kommen wird. Uns sind 300 B-Fans und 100 C-Fans angekündigt. Also 300 Fans, die zu Gewalt neigen, und 100, die Gewalt suchen. Das ist der Erfahrungswert der Kollegen aus Frankfurt. Das sind die Anhänger der Eintracht, die immer wieder aufgefallen sind. Insgesamt also 400 Problemfans. Das ist schon mal eine Hausnummer für uns.

Aber es kommen doch weit mehr Frankfurter nach Bremen?

Wir werden den Gästebereich ausverkauft haben. Der hat eine Kapazität von ungefähr 3700. Aber wir gehen davon aus, dass sich Frankfurter auch in anderen Bereichen Karten besorgt haben. Wir rechnen deshalb auf jeden Fall mit 4000 plus… Und es gibt auch Informationen, dass etwa 100, 200 Frankfurter ohne Karten anreisen, weil sie hoffen, auf dem Schwarzmarkt noch Karten zu bekommen.

Besonders die Tabellensituation macht das Spiel so brisant. Ist deshalb zwangsläufig mit Randale zu rechnen?

Das Hauptklientel im Stadion sind Bremer. Und wenn Werder ein Spiel abliefert wie gegen Stuttgart, dann wird natürlich auf Bremer Seite gefeiert. Dann wird es ein Fußballfest geben, was die Stimmung im Stadion angeht, was La-Ola-Wellen angeht und diese ganzen Sachen. Zugleich gibt es aber auf der anderen Seite des Stadions Leute, für die das Ergebnis bedeutet, dass ihr Verein vielleicht absteigt.

Mit entsprechenden Reaktionen auch nach dem Spiel?

Unsere Informationen aus Frankfurt und auch von Bremer Seite lauten: Man ist erstmal spielorientiert. Man will zunächst sehen, wie das Spiel läuft. Wenn es natürlich sehr deutlich ausgeht oder es vielleicht falsche Schiedsrichterentscheidungen gibt, die möglicher Weise sogar spielentscheidend sind... Da macht dann eine Seite den Stinkefinger, und die andere Seite lässt sich provozieren, weil sie ohnehin aufgewühlt ist. Und dann muss man natürlich im Stadionumfeld damit rechnen, dass etwas passiert. Das ist der Grund, weshalb wir dieses Spiel als Rotspiel deklariert haben.

Das heißt, dass sie mit einem entsprechend großen Aufgebot vor Ort sein werden?

Das hoffen wir.

Wieso? Haben Sie nicht genügend Kräfte zusammen?

Wir haben natürlich Unterstützung im Bundesgebiet angefordert, weil das ein Spiel ist, dass wir mit Bremer Mitteln allein nicht bewältigen können. Bisher haben wir unseren Kräftebedarf aber noch nicht komplett decken können. Es ist das Pfingstwochenende. Und es ist der letzte Spieltag in allen Stadien. Da ist zum Beispiel auch das Spiel der Stuttgarter in Wolfsburg.

Wie viele Kräfte hätten Sie gerne?

So im Bereich vom HSV- und vom Hannover-Spiel, also etwa 750.

Noch mehr abstiegsgefährdet als Bremen und Frankfurt sind die Stuttgarter. Wahrscheinlich muss der Verlierer vom Bremenspiel „nur“ in die Relegation. Könnte das die Lage etwas entspannen?

Richtig. Relegation ist natürlich auch nichts Schönes, bedeutet für den Verein aber immerhin noch Hoffnung.

Sie machen diesen Job schon seit elf Saisons. Täuscht der Eindruck oder wird es immer schlimmer?

Es gibt immer so Wellenbewegungen. In der Saison 2004/2005 habe ich angefangen. Da war der Einsatz von Polizeikräften noch verhältnismäßig moderat. Aber da waren auch die Auseinandersetzungen der Fans noch mehr auf der sportlichen Seite – dem Gegner den Schal rauben und ähnliche Sachen. Aber diese Gruppenauseinandersetzungen, die hatte man nicht so. Sicher, es gab auch damals schon Hooligans. Aber die waren nicht am Stadion. Wenn die sich prügelten, war das auf der grünen Wiese, wo die sich getroffen haben. Es war also nicht im direkten Stadionumfeld, und es waren nicht diese Gruppierungen, die mit Hassgesängen und körperlichen Auseinandersetzungen aufeinander getroffen sind.

Aber das ist dann immer mehr geworden?

Ja, auf jeden Fall. Bremen hat ja auch ein paar Jahre international gespielt. Und ich hatte teilweise das Gefühl, da trifft man dann auf anderes Klientel, von denen man als Bremer Fan lernt. Auf italienische Ultras, auf englische Fans, auf Spanier… Auf jeden Fall ist es in Bremen immer mehr geworden, und entsprechend höher wurde auch der Kräfteeinsatz der Polizei. Gerade bestimmte Spiele – die Derbys gegen den HSV oder Hannover oder auch das Spiel gegen Frankfurt –, da ist es unwahrscheinlich in die Höhe gegangen. Aber wir haben auch Spiele, da setzen wir heute noch genauso viele beziehungsweise genauso wenig Kräfte ein wie vor zehn Jahren.

Mehr Sicherheit bedeutet mehr Personal?

Bei unserer örtlichen Lage leider ja. Wir haben nun mal kein Stadion auf der grünen Wiese, an das man von allen Seiten gut rankommen kann. Wo man die Besucher- und Fahrzeugströme gut lenken kann, so dass keiner auf den anderen trifft. Wir haben schon am Stadionumfeld nur so ein Tortenstück von 120 Grad, auf dem sich die Leute bewegen und dahinter die Weser. Alle müssen im Grunde vom Deich zum Stadion runter.

Aber sie werden die Fanlager doch trennen? Die Frankfurter am Bahnhof abfangen und mit Bussen zum Stadion bringen?

Bahnanreisende werden wir nach derzeitigem Stand wohl eher weniger haben, die meisten Frankfurter werden per Bus anreisen. Deshalb haben wir ein Buskonzept wie beim HSV- und beim Hannover-Spiel. Das heißt, wir werden die Busse nicht zum Stadion lassen, sondern auf einem externen Platz sammeln, von dort zum Stadion bringen und nach dem Spiel auch wieder dahin zurückshutteln.

Gibt es weitere Maßnahmen?

Wir werden eine Fanmarsch-Verbotsverfügung erlassen, die ist schon beim Stadtamt beantragt. Und wir werden im Stadionumfeld ein umfangreiches Absperrkonzept durchführen. Wir haben bei den Hochrisikospielen zuletzt einen Sichtschutzzaun aufgestellt zwischen dem Café Ambiente und der Rampe West, damit da keine Provokationen von oben nach unten laufen. Und wir haben im Bereich der Brücke Verdener Straße und zwischen dem Tunnel Peterswerder und dem Ambiente weitere Abgitterungsmaßnahmen, mit denen wir versuchen, gerade im Bereich Gästeeingang das Aufeinandertreffen zu verhindern.

Klingt alles nicht sehr positiv, was da auf Bremen zukommt. Deshalb zum Abschluss noch diese Frage: Wie ist eigentlich 2008 das Spiel gegen Frankfurt ausgegangen?

Werder hat damals 5:0 gewonnen.

Das Interview führte Ralf Michel.

Heinz-Jürgen Pusch

ist einer von drei ständigen Polizeiführern der Polizei. Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit liegt bei Veranstaltungen, das Hauptaugenmerk dabei auf Fußballspielen. Bei denen koordiniert der 61-Jährige seit der Saison 2004/2005 alle Aktivitäten der Polizei.

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