Jutta Fuchs seit 25 Jahren vermisst

Polizei pumpt Tietjensee für Leichen-Suche ab

Seit 25 Jahren wird Jutta Fuchs aus Farge vermisst. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass ihr Mann sie umgebracht hat. Um dies zu beweisen, hat die Anklagebehörde jetzt eine ungewöhnliche Maßnahme initiiert.
24.09.2018, 19:26
Lesedauer: 4 Min
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Polizei pumpt Tietjensee für Leichen-Suche ab
Von Ralf Michel
Polizei pumpt Tietjensee für Leichen-Suche ab

Still ruht der See. Und spielt doch eine wichtige Rolle im Mordprozess um Jutta Fuchs aus Farge, die vor 25 Jahren spurlos verschwunden ist.

Christian Kosak

Ein wirklich idyllisches Fleckchen, dieser Tietjensee. Im letzten Licht des Tages liegt er da, perfekt umrandet von alten Bäumen, das Wasser spiegelglatt, ein Reiher gleitet mit trägem Flügelschlag in Richtung der kleinen Insel mitten im See. Der ganze Ort strahlt Ruhe und Frieden aus. Abgesehen natürlich von den beiden Dixi-Klos, gleich links an der Stirnseite des Sees. Gedacht für die Polizisten, die hier seit kurzem rund um die Uhr Wache schieben, sind sie Zeichen dafür, dass es mit der Idylle des Teiches am Weserdeich bei Schwanewede dieser Tage nicht weit her ist. Das Gewässer spielt eine Rolle in einem Mordprozess am Landgericht. Vielleicht die entscheidende.

Der See soll durchsucht werden. Nicht das erste Mal, aber diesmal besonders gründlich. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wird er komplett abgepumpt. In der Hoffnung, Beweismittel im Fall von Jutta Fuchs zu finden, eine Frau aus Farge, von der seit dem 26. Juni 1993 jede Spur fehlt. Die Anklagebehörde ist davon überzeugt, dass ihr Ehemann die damals 29-Jährige umgebracht hat, seit Mitte August steht der 58-Jährige wegen Mordes vor Gericht.

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Dass ausgerechnet der Tietjensee abgepumpt werden soll, hat seinen Grund. Ein Jahr nach dem Verschwinden von Jutta Fuchs zog im Juli 1994 ein Angler eine mit Steinen beschwerte Tüte mit persönlichen Gegenständen der Frau aus dem See – Schminkutensilien, eine Zahnbürste und ihr Verlobungsring. Wer so eine Tüte im See verschwinden lässt, hat hier vielleicht auch noch ganz anderes versenkt, vermutete die Polizei. Vielleicht ja sogar die Leiche der Vermissten. Oder zumindest die Tatwaffe. Gesucht wird in diesem Zusammenhang nach einer Pistole, die dem Vater des verdächtigten Ehemannes gehörte, allerdings schon zwei Jahre vor dem Verschwinden von Jutta Fuchs bei einem Einbruch gestohlen worden sein soll.

Der See wurde deshalb schon im August 1994 von Tauchern abgesucht und im September 2006 noch einmal mit einem Tauchroboter, der ein Profil vom Boden des Sees erstellte. Beide Male blieb die Suche ohne Erfolg. Doch die Hoffnung der Ermittlungsbehörden, auf dem Grund des Gewässers fündig zu werden, besteht bis heute. Zumal die Taucher schon damals über Schlickablagerungen, Verkrautungen und eine Sichtweite von gerade einmal zehn Zentimetern klagten. Diese durch den See hervorgerufenen Mängel hätten dazu geführt, dass das Nichtvorhandensein von tatrelevanten Gegenständen und der Leiche nicht mit an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit festgestellt werden könne, heißt es hierzu jetzt in lupenreinem Juristendeutsch vom Gericht. Oder einfacher formuliert: „Es ist nicht auszuschließen, dass die gesuchten Objekte und die Leiche sich noch im See befinden.“

Die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich etwas in dem trockengelegten See gefunden wird, schätzt zwar selbst das Gericht als nicht sehr hoch ein. Und weiß auch um die zu erwartenden personal-, zeit- und kostenaufwendigen Maßnahmen, einen See von etwa 150 Metern Länge, 80 Metern Breite und 2,20 Metern Tiefe leerzupumpen. Da es aber um die möglicherweise ausschlaggebenden Beweisgegenstände für ein schwerwiegendes Kapitaldelikt gehe, könne dies in Kauf genommen werden, wenn Eigentümer und Pächter des Sees keine Einwände dagegen hätten.

Das ist nach Recherchen des WESER-KURIERS nicht der Fall. Der Namensgeber für den See, Ingo Tietjen, der den See vor Jahrzehnten angelegt hat, weil Erde für den benachbarten Weserdeich benötigt wurde, hat ihn lange vor dem Verschwinden von Jutta Fuchs verkauft. Der heutige Besitzer, Viktor Walezki, lebt in Wien. Er hat keine Einwände gegen das Leerpumpen des Sees – „Was soll ich dagegen haben, solange es der Gerechtigkeit dient?“ –, fragt sich aber „wie sie das nach so langer Zeit wohl schaffen wollen“.

Genutzt wird der See heute von Mathias Schulz aus Schwanewede. Er hat das Gewässer gepachtet, um darin zu angeln. Auch er hat nichts gegen die angekündigte Durchsuchung. „Ich arbeite mit der Polizei zusammen“, sagt er. Und hat auch schon eine Lösung für die Frage, was mit den Fischen des Sees geschieht. „Die pumpen wir um. In den Teich eines Freundes.“

Wie die gesamte Aktion vonstattengehen soll, ist noch unklar. „Wir stehen im intensiven fachlichen Austausch mit Kollegen aus dem In- und Ausland und bewerten derzeit, welche spezialisierten Suchverfahren nach so langer Zeit erfolgversprechend angewandt werden können„, sagt hierzu Polizeisprecherin Franka Haedke und kündigt an, dass dies “noch ein wenig Zeit in Anspruch nehmen wird“.

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Solange wird der See weiterhin streng bewacht. Rund um die Uhr patrouillieren zwei Objektschützer von der Bereitschaftspolizei am Seeufer. Die Polizei schweigt sich hierzu aus kriminaltaktischen Gründen aus, doch es liegt auf der Hand, dass ausgeschlossen werden soll, dass hier jemand etwas aus dem See herausholt, bevor er durchsucht wurde. „Diese Maßnahme stellt eine erhebliche Kraftanstrengung für die Polizei dar", betont Haedke. "Aber bei derartigen Taten müssen wir jede Ermittlungsmöglichkeit ausschöpfen.“

Das sagt auch Frank Passade, Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft. Denn eventuell seien Taucher und Roboter damals eben doch nicht genau genug gewesen. Die Anklagebehörde gehe weiterhin davon aus, dass Jutta Fuchs nicht verschwunden ist, sondern umgebracht wurde. „Und dann lässt man nichts unversucht, um so eine Straftat aufzuklären. Das ist man auch den Personen, um die es geht, schuldig.“

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