Serie von verdächtigen Briefen in Bremen

Polizeiführer: „Nur ein bisschen gucken geht nicht“

In Bremen sind zuletzt gleich mehrfach verdächtige Briefe in Parteibüros aufgetaucht. Die Polizei reagiert darauf stets mit großem Aufwand. Anders geht es nicht, sagt Polizeiführer Kai Ditzel.
16.02.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Polizeiführer: „Nur ein bisschen gucken geht nicht“
Von Ralf Michel
Polizeiführer: „Nur ein bisschen gucken geht nicht“

So lange ein Restrisko besteht, dass gefährliche Substanzen im Spiel sind, führt für die Sicherheitsbehörden kein Weg daran vorbei, verdächtige Briefe mit großem Aufwand zu untersuchen, sagt Polizeiführer Kai Ditzel.

Frank Thomas Koch
In den vergangenen zwei Wochen haben alle Bürgerschaftsfraktionen verdächtige Briefe bekommen, zuletzt am Freitag auch die SPD. Wie ernst nimmt die Polizei das?

Kai Ditzel: Sehr ernst. Am Ende läuft es ja immer auf die grundsätzliche Frage hinaus, ob wir jegliche Gefahr ausschließen können. Genau das geht bei diesen Sachverhalten eben nicht. Weil es zu Beginn eines solchen Einsatzes keine Klarheit über die Inhalte dieser Briefumschläge gibt.

Deshalb jedes Mal der große Aufwand mit Sprengstoffexperten und Delaborierern des Bundeskriminalamtes, die eigens aus Hannover angefordert werden?

Wenn wir das ernst nehmen, müssen wir auch die Folgeschritte tun. Nur so ein bisschen gucken und nicht viel machen geht nicht. In dem Moment, wo niemand sicher sagen kann, dass da nichts ist, sind wir verpflichtet, alles dafür zu tun, dass Menschen nicht zu Schaden kommen. Es geht dabei ja auch um subjektive Ängste. Stellen Sie sich mal vor, abends hat jemand, der so einen Brief in der Hand hatte, ein Kratzen im Hals und bekommt Panik. Und wir können ihn nicht beruhigen. Solche Unsicherheiten wollen wir vermeiden. Wenn wir vor Ort abrücken und den Brief mitnehmen, müssen die Leute, die Kontakt hatten, wissen, dass sie beruhigt sein können. Deshalb der Aufwand.

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Müssen die langen Straßensperren sein?

Nicht zwangsläufig. Aber die Entschärfer und die Feuerwehr brauchen ihre Fahrzeuge vor Ort. Die müssen irgendwo stehen und das bedingt automatisch, dass auch was gesperrt werden muss. Nehmen Sie das Beispiel eines Feuer-Fehlalarms in einem Kaufhaus in der Innenstadt. Da stehen dann auch jede Menge Löschzüge und alles ist lahmgelegt.

Spielt nicht gerade dieser große Aufwand den Tätern in die Karten? So viel Stress – und ich brauche dafür nur einen Briefumschlag?

Wir versuchen, die Auswirkungen möglichst gering zu halten, und wir machen uns auch Gedanken, ob und wie wir das minimieren können. Ich denke aber, dass hierbei beispielsweise auch die Medien eine wichtige Rolle spielen. Die müssen sich auch die Frage stellen, ob sie das Ganze mit ihrer manchmal groß angelegten Berichterstattung nicht befeuern.

Zurück zum eigentlichen Problem. Was macht solche Briefsendungen so gefährlich?

Es gibt Pulver, die enorme Sprengwirkung haben. Und es gibt biologisch-chemische Stoffe, die großen Schaden anrichten können, wenn man damit in Berührung kommt. Aber ob es sich darum handelt, kann durch ein schlankes Draufschauen vor Ort niemand einschätzen. Später weiß man dann, dass es ungefährliche Stoffe waren. Aber eben nicht zum Zeitpunkt der Einsatzentscheidung. Und wir müssen relativ schnell entscheiden, ob wir den großen Bahnhof fahren. Bei der Gefahrenabwehr kommen wir aus dieser Situation einfach nicht raus.

Die jüngsten Briefsendungen stellten sich alle als ungefährlich heraus. Um was für Substanzen handelte es sich?

Da muss man jetzt aufpassen. Nicht, dass wir am Ende Täterwissen preisgeben. Es waren alles ungefährliche Substanzen, aber das konnte man auf den ersten Blick nicht sehen. Es gibt hochgefährliche Substanzen, die kann man zum Beispiel sehr leicht mit Salz oder Zucker verwechseln.

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Gab es denn in Bremen überhaupt schon mal einen ernsten Fall?

Tatsächlich nur einmal. Aber da ging es um eine Beziehungstat, das war also etwas ganz anderes. Ansonsten waren die Stoffe immer ungefährlich. Trotzdem noch einmal: Wenn wir vor Ort nicht ausschließen können, dass es doch gefährlich ist und es bleibt ein Restrisiko, dann müssen wir entsprechend handeln.

Der Gedanke „Ach, ist doch eh wieder nichts“ verbietet sich also.

Dieser Gedanke darf gar nicht erst entstehen. Nehmen wir doch mal die Alarmanlage, die morgens um halb acht in einer Bank auslöst. 50 Mal war das die Putzfrau. Aber beim 51. Mal war es der Täter mit einer Waffe. In vielen Bereichen haben wir genau dieses Problem: Die Routinen im Kopf, dass es wohl wieder falscher Alarm ist. Aber genau diese Routinen sind dann an der Stelle unser größter Feind.

Haben Sie den Parteien denn etwas an die Hand gegeben, wie sie mit den Umschlägen umgehen sollen?

Der Staatsschutz hat allen Betroffenen ein Schreiben mit Handlungsempfehlungen geschickt. Mit Hinweisen, auf welche Auffälligkeiten man bei Briefen und Paketen achten sollte und wie man am besten mit verdächtigen Sendungen umgeht.

Was hat der Täter zu erwarten, wenn Sie ihn fassen?

Der Grundtatbestand lautet Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten. Aber da kommen auch noch eine ganze Menge andere Sachen in Betracht. Wenn Leute so einen Brief verschicken, ist das also kein Spaß, sondern strafrechtlich eine sehr ernste Nummer. Ganz zu schweigen von den erheblichen Kosten des Einsatzes, für die er eventuell zahlen muss, und allem, was da noch zivilrechtlich an Schadensersatzansprüchen auf den Täter zukommt.

Das Interview führte Ralf Michel.

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Zur Person

Kai Ditzel (56) ist seit 2015 Ständiger Polizeiführer. Der Leitende Polizeidirektor ist zuständig für die besonderen Einsatzlagen der Bremer Polizei.

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