Grundschule am Buntentorsteinweg Preisgekrönt und mit besonderem Profil

Die Ganztagsgrundschule am Buntentorsteinweg in der Bremer Neustadt hat für ihr Gesamtpaket mehrere Preise bekommen. Sie ist in Bremen einzigartig, weil sie zweimal jährlich einschult.
29.09.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Preisgekrönt und mit besonderem Profil
Von Milan Jaeger

„Immer diese Kinder“, sagt Kijell, als unter den Kängurus Unruhe ausbricht, und zuckt mit den Schultern. Kijell ist elf, selbst ein Känguru und leitet den Morgenkreis an diesem Tag. Die Kängurus – das ist die Lerngruppe von Moritz Uibel an der Ganztagsgrundschule am Buntentorsteinweg, die Kinder sind zwischen acht und elf Jahre alt. Und damit das gleich klar ist: Die Kängurus bilden keine Klasse. Denn Klassen sind an dieser Schule schon lange abgeschafft. Klassen sind total altmodisch. Das finden jedenfalls die Kängurus, Uibel und die Schulleiterin Meike Baasen. An einer „normalen“ Schule würde Kijell in die vierte Klasse gehen.

Weil Meike Baasen glaubt, dass Kinder in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen besser lernen, hat sie gemeinsam mit ihren Kollegen ein Konzept entwickelt. Mittlerweile hat die Ganztagsgrundschule für ihr Gesamtpaket mehrere Preise bekommen. Sie ist in Bremen einzigartig, weil sie zweimal jährlich einschult. Die Kinder lernen jahrgangsübergreifend, ganztägig in inklusiven Lerngruppen. Das erfordert einen hohen Einsatz, für den nach Gewerkschaftsansicht mehr Geld bereit stehen müsste.

Der Unterrichtsraum ist in hellem Gelb gestrichen, von unten schimmert das Linoleum orange, und auf Tischchen vor den hohen Fenstern stehen Pflanzen. Von Frontalunterricht-Atmosphäre keine Spur: Die Kinder haben sich zum Morgenkreis versammelt und sitzen deshalb auf kleinen Bänken. Auf dem Fußboden vor ihnen ein Teppichboden mit bunten Vierecken und an einer Wand die Tafel. Den Morgenkreis organisieren die Kinder reihum selbstständig. Alban, Tessa und Clara berichten für die Schülerzeitung „Känguru-Seite“ über den Journalistenbesuch, weshalb nun gleich zwei Fotografen Bilder vom Morgenkreis schießen.

Kijell begrüßt seine Mitschüler, seinen Lehrer und die Gäste: „Guten Morgen liebe Kinder, guten Morgen Herr Uibel.“ Danach erklärt er, was heute auf dem Stundenplan steht. „Nach dem Morgenkreis ist große Pause, und danach machen wir Tandem-Lesen. Dann gibt es Mittagessen.“ Die Schüler jubeln. Uibel spricht die Gruppe mit „Du“ an: „Sei bitte ruhig!“

An der Ganztagsgrundschule am Buntentorsteinweg unterrichten etwa 40 Lehrer, Sozialpädagogen und Sozialarbeiter 250 Schüler in zwölf Lerngruppen. In diesen Gruppen sind die 1. und 2. Klassen sowie die 3. und 4. zusammengefasst. Konkret bedeutet das Konzept der Schulleiterin, dass Moritz Uibel gemeinsam mit einer Sonderschullehrerin und einer Sozialpädagogin eine Gruppe von 25 Kindern unterrichtet. Hierbei wollen sie sich vor allem um die individuellen Bedürfnisse der Kinder kümmern. Meike Baasen und ihre Kollegen sind der Ansicht, dass sie auf diese Weise dem Potenzial der Kinder besser gerecht werden. „Wir schauen immer auf die Möglichkeiten des einzelnen Kindes und fördern diese“, sagt Baasen. Wobei sie das Wort „fördern“ eigentlich nicht so gerne mag. „Das ist immer mit ,Defizit‘ behaftet.“

Aus Baasens Sicht gehört alles zusammen: Inklusion, ganztägiges Lernen und die jahrgangsübergreifenden Lerngruppen. „Inklusives Lernen erfordert eine hohe Individualisierung.“ Und das jahrgangsübergreifende Lernen sei ein Mittel, um sich vom starren Klassenarbeitssystem zu lösen und den Kindern gerechter zu werden. Und hierzu wiederum gehöre die Abkehr von Schulnoten: „Jahrgangsübergreifendes Lernen ist mit Zensuren nicht zu machen“, meint Baasen.

Wenn ein Kind beispielsweise in die Grundschule kommt und nicht lesen kann, nach vier Jahren das aber sehr gut beherrscht, „dann hat es auf diesem Gebiet viel mehr gelernt, als ein Kind, das schon vor der Schule lesen konnte“. Noten könnten das nicht abbilden. „Eigentlich ist das logisch, unser klassisches Schulbild ist aber ein anderes“, sagt die Schulleiterin. Ihr, Uibel und den übrigen Kollegen geht es darum, den Lernfortschritt ihrer Schüler zu beschreiben. „Wir machen keine Horizontalvergleiche“, weshalb sie an ihrer Schule keine Klassenarbeiten schreiben lassen, dafür aber individuelle Lernziele kontrollieren. „Wenn die Kinder meinen, ein Lernziel erreicht zu haben, machen sie die Lernzielkontrolle.“ Baasen setzt auf die Selbstständigkeit der Kinder.

Baasens Konzept erfordert viel Engagement von den Lehrern. „Alle sind mit einem hohen Einsatz dabei.“ Dafür ist sie dankbar. Für Uibel, der seit fünf Jahren an der Schule in der Neustadt arbeitet, steht fest, dass er nicht an einer „Nullachtfünfzehn-Schule unterrichten will. „Wir haben hier gemeinsam ein neues Konzept entwickelt“, sagt Uibel. Klar, das sei viel Arbeit und innerhalb einer 40-Stunden-Woche kaum zu bewerkstelligen. Aber: „Ohne viel Arbeit wären wir nicht zum Kongress nach Berlin gefahren.“

Tatsächlich ist Baasen kürzlich mit zwei Kollegen nach Berlin gereist. Auf dem Kongress „Ganztägig bilden. Ideen für mehr!“ vom Bundesbildungsministerium und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung haben sie ihr Konzept vorgestellt. „Die dreizügige Grundschule hat auf verschiedenen Ebenen hervorragende Konzepte erarbeitet und ist nicht zuletzt deshalb in diesem Jahr mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet worden“, heißt es in der Begründung für die Einladung.

52 Prozent aller Bremer Schulen arbeiten mittlerweile ganztägig, bei den Grundschulen sind es 50 Prozent. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) begrüßt das. Doch die Bremer Landesvorstandssprecherin Petra Lichtenberg ist der Ansicht, dass für die Bremer Ganztagsschulen einige Hundert zusätzliche Lehrer eingestellt werden müssten. Und da sind die 400 Lehrer, die die GEW für die Inklusion fordert, noch nicht eingerechnet. „Nur mit einer guten Grundausstattung kommen alle Schüler und Lehrer bei der Ganztagsbetreuung zu ihrem Recht.“ Das sehe sie in Bremen aber „immer weniger gegeben“. Die von der Bildungsbehörde angekündigten 200 zusätzlichen Lehrer reichen in Lichtenbergs Augen da bei Weitem nicht aus.

Moritz Uibel sagt, dass ihm und seinen Kollegen vor allem die Arbeitsstunden zum Vor- und Nachbereiten des Unterrichts fehlten. „Die Schule ist ja mittlerweile eine Art Allheilanstalt geworden.“ So wende er viel Zeit für Organisatorisches auf. Das sei in diesem Maß allerdings nicht in seiner Arbeitszeit vorgesehen.

David, Kijell und die anderen Kängurus sind hingegen froh, dass sich ihr Lehrer so sehr für sie einsetzt. „Könntet ihr euch vorstellen, in eine andere Schule zu gehen?“ „Neiiiiiiin“, kommt es aus vielen Mündern. Und so ist dies doch vor allem eine Erfolgsgeschichte.

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