Silberstreif für Weiterbildungsangebot? Für die Freiheit der Kunst

Laut dem Initiativ-Bündnis „Pro Kunst 2022“ ist der Weiterbildungsstudiengang „Gestaltende Kunst 2022“ bundesweit einmalig. 2022 soll endgültig Schluss damit sein. Die Teilnehmenden wehren sich dagegen.
26.10.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Für die Freiheit der Kunst
Von Sigrid Schuer

Rosi Fein und Birgit Heimburg können sich empören. Der Weiterbildungsstudiengang „Gestaltende Kunst“, der bislang an der Hochschule Bremen angesiedelt war, soll bis zum Sommersemester 2022 endgültig eingestellt werden. „Dabei handelt es sich um einen bundesweit einmaligen Studiengang, zu dem auch Kommillitionen aus anderen Städten anreisen. Würde er abgeschafft werden, wäre das ein Imageverlust für Bremen“, sagt Rosi Fein, die selbst das Studium 2013 abgeschlossen hat. Die langjährige Leiterin von Kita Bremen gehört zu den Gründerinnen des Initiativ-Bündnisses „Pro Kunst 2022“, dessen 16 Mitglieder sich für den Erhalt des Studienganges einsetzen. Schon der inzwischen verstorbene Bürgerschaftspräsident Christian Weber hatte die geplante Schließung des Studienganges 2018 anlässlich einer Vernissage mit Werken von Absolventen in der Bürgerschaft kritisiert.

Die pensionierte Lehrerin Birgit Heimburg und die verbliebenen Kommillitionen fürchten nun, dass sie, sollten Hochschule und Wissenschaftsressort weiterhin auf die strikte Einhaltung des finalen Termins pochen, ihr anspruchsvolles Modulstudium nicht abschließen können und möchten eine Verlängerung über das Sommersemester 2022 hinaus erreichen. Das Studium erstreckt sich über mehrere Jahre und kostet immerhin zwischen 4000 und 6000 Euro. Corona hat ihnen, wie so vielen anderen auch, einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Während des Shutdowns sind zahlreiche Lehrveranstaltungen ausgefallen. Als der Betrieb schließlich wieder losgehen konnte, war das lediglich mit einer reduzierten Zahl von Studierenden möglich. Und die Kurse sind nun im Wintersemester weiterhin sehr stark eingeschränkt“, erzählen Fein, die in Schwachhausen wohnt, und Heimburg, die in Horn-Lehe wohnt.

Volkshochschule keine Alternative

Außerdem treffe das Aus für den Studiengang, kombiniert mit der Corona-Krise, die freischaffende Dozentenschaft, bestehend aus hochqualifizierten Kunst-Historikern und -Wissenschaftlern sowie bildenden Künstlern doppelt schwer, wenn diese sichere Einnahmequelle wegfiele, sagen sie. Aus dem Wissenschaftsressort heißt es dazu, dass die Einstellung ja frühzeitig bekannt gewesen sei. Den Vorschlag des Kultursenators und Bürgermeisters Andreas Bovenschulte (SPD), doch für eine Fortsetzung des Studiengangs mit der Volkshochschule zu kooperieren, befindet die Initiative „Pro Kunst 2022“ als wenig konstruktiv. Die Begründung: Der anspruchsvolle Studiengang, bei dem jedes Modul mit einem Zertifikat abgeschlossen werde, sei dort nicht durchführbar. Näher erläutert das Dozentin Katharina Bernd, die im Namen ihrer Kolleginnen und Kollegen im Dezember 2019 einen offenen Brief veröffentlichte.

Darin heißt es: „Ich habe während meines eigenen Studiums vier Kunsthochschulen im In- und Ausland von innen kennenlernen können und genauso kenne ich die Arbeit der Volkshochschulen. Den Studiengang ‚gestaltende Kunst‘ erlebe ich als außergewöhnliche Zwischenstufe, als Bildungsmöglichkeit für Menschen, die zumeist auf dem Zweiten Bildungsweg mehr von Kunst wollen als das Erlernen einer malerischen Technik für die Wohnzimmerverzierung. Es geht hier um Inhalte, um den eigenen Standpunkt, um das Erlangen von Hintergrundwissen und Kenntnissen auf dem Weg zum eigenen Ausdruck. Es geht um die Förderung des eigenen Standpunktes in Kunst und Gesellschaft und die Kreativitätsschulung“.

Und die Dozentin unterstreicht, dass die Volkshochschule diese Lücke nicht schließen könne: „Dass die VHS kein Pendant darstellt, zeigt schon der große Anteil an Studierenden von außerhalb. Unabhängig vom Verlust meiner Lehrstelle, die mit Honorarverträgen ja die Kosten für die Träger bereits gering hält, ist mein Unverständnis daher groß, wenn es um die Einsparmaßnahmen in Kunst und Bildung geht. Als wäre Kunst der Schmuck, auf den man ‚in der Not‘ verzichten könnte“. Mittlerweile habe es zwar Gespräche mit Roland Lambrette, dem Rektor der Hochschule für Künste (HfK) gegeben, sagen Fein und Heimburg. Der habe zwar sein Entgegenkommen signalisiert, allerdings unter der Bedingung, dass ihm für die Ansiedlung des Weiterbildungsangebotes „Gestaltende Kunst“ 250 000 Euro zur Verfügung gestellt werden würden.

Dem hält der Initiativ-Kreis „Pro Kunst 2022“ entgegen, dass nicht mehr als 30 000 Euro pro Jahr an haushaltsrelevanten Kosten anfielen, zumal die Dozentenschaft durch die Teilnehmenden finanziert werde. Tim Cordßen, seit einem Jahr Staatsrat im Wissenschaftsressort, wagt das zu bezweifeln: „Denn neben den Kosten für Lehraufträge entstehen zusätzliche Kosten für Räumlichkeiten, Werkstätten, Organisation der Veranstaltungen sowie für die Betreuung der Programme“. Er betont: „Die Hochschule für Künste, bei der die inhaltliche Verantwortung liegt, hat die Entscheidung im Rahmen ihrer Hochschulautonomie getroffen. Die damals von der HfK eigenständig getroffene Entscheidung stand jedoch grundsätzlich im Einklang mit den Vorgaben aus dem Wissenschaftsplan 2020. Dort heißt es: ‚Im Hinblick auf ihr spezifisches Profil sollte die Hochschule für Künste Weiterbildungsangebote im künstlerischen und gestalterischen Bereich oder auch Professionalisierungsangebote für Künstlerinnen und Künstler entwickeln. Diese Angebote dürfen jedoch nicht zulasten der grundständigen Angebote gehen‘“. Cordßen sieht einen Grundkonflikt, weil in Bremen die Ressourcen bekanntermaßen knapp sind. Die Hochschule für Künste wäre eben gezwungen, Prioritäten zu setzen. Gerade angesichts dessen, dass der Wissenschaftsplan 2025 nicht einmal in Ansätzen ausfinanziert sei. Er betont, dass neue Träger für das Angebot „Gestaltende Kunst“ gefunden werden müssten. Aus seiner Sicht wäre es ideal, die Trägerschaft auf mehrere Schultern zu verteilen. Cordßen bringt dafür wieder die Volkshochschule ins Spiel. Es gelte, alle Möglichkeiten zu prüfen.

Qualitativ hochwertiges Angebot

Ohnehin werde gerade allgemein die Dozenten-Zahl an Hochschule und Universität heruntergefahren, da der Wissenschaftsetat sowieso auf Kante genäht sei, sagt er. Einzige Ausnahme bilde da immer noch die Hochschule für Künste, die auf eine Vielzahl von Dozierenden in den verschiedenen künstlerischen Fächern nicht verzichten könne. Cordßen fügt hinzu: „Bedingt durch die Corona-Krise haben wir sowieso schon Probleme, das Wintersemester vernünftig über die Runden zu bringen“. Außerdem legt er wert auf die Feststellung, dass es sich nicht um einen Weiterbildungsstudiengang handele, sondern um ein Weiterbildungsangebot, da es keine Zulassungsprüfung gebe.

Wissenschafts- und Häfen-Senatorin Claudia Schilling (SPD) würde ihm zufolge eine Lösung, in deren Rahmen eine Fortführung des Weiterbildungsangebotes möglich sei, sehr begrüßen. Dem Wissenschaftsressort sei bewusst, dass es sich um ein qualitativ hochwertiges Angebot handele, das gut angenommen werde und dessen Weiterführung sich lohnen würde. „Pro Kunst 2022“ spricht von einer durchschnittlichen Zahl von 700 Teilnehmenden, rund 75 Prozent davon weiblich. Der Staatsrat stellt eine konstruktive Fortsetzung der Gespräche in Aussicht, die zuletzt im Januar 2020 stattgefunden haben. Allerdings ließe sich derzeit noch nicht beantworten, ob die Einstellung des Angebots „Gestaltende Kunst“ verschoben werden könne. Diese Entscheidung obliege der Hochschulautonomie.

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