Das Geschäft mit dem Mitleid Probleme mit aggressiven Bettlern in der Innenstadt

In Bremen gibt es immer mehr aufdringliche Bettler, die zum Teil falsche Leiden vortäuschen, um an Spenden zu kommen. Obdachlose sind über diese Masche verärgert.
29.10.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Probleme mit aggressiven Bettlern in der Innenstadt
Von Kristin Hermann

In Bremen gibt es immer mehr aufdringliche Bettler, die zum Teil falsche Leiden vortäuschen, um an Spenden zu kommen. Obdachlose sind über diese Masche verärgert.

Auf den ersten Blick bekommt man Mitleid mit dem Mann. Er zeigt auf die Stelle, an der ihm offensichtlich der Unterarm amputiert wurde, dann schüttelt er einen leeren Kaffeebecher. So will er symbolisieren, dass er Geld braucht. Bekommt er das nicht von den vorbeigehenden Passanten, kann der Mann schon mal zudringlich werden. Er rennt ihnen dann hinterher und gibt ihnen mit seinem Armstumpf einen kleinen Schubs. Er tut das immer wieder, den ganzen Tag über. Meistens lacht er dabei. Die Leute finden das gar nicht witzig. Die meisten erhöhen ihr Schritttempo, um nicht noch einmal erwischt zu werden, einige wenige zücken dann doch noch ihr Portemonnaie.

Von dieser Masche verspricht sich der Mann am meisten Geld. So offensiv, wie er darum bittet, machen das seit einiger Zeit immer mehr Bettler am Hauptbahnhof und im Innenstadtbereich. Nach Angaben der Polizei hat sich die Zahl der aggressiven Bettler seit Kurzem erhöht. „Oft sind es Drogenabhängige mit Suchtdruck, die sehr offensiv auf die Leute zugehen“, sagt Sozialarbeiter Jonas Pot d‘Or von der Inneren Mission.

Immer häufiger werden nach Polizeiangaben aber auch die Mitglieder professionell agierender Banden zudringlich. Die meisten von ihnen kämen aus Rumänien und würden in Deutschland keine Sozialleistungen beziehen. Besonders häufig seien sie in der Sögestraße, auf dem Marktplatz, der Obernstraße und Unser Lieben Frauen Kirchhof unterwegs – dort, wo täglich viele Menschen vorbeigehen.

Ärgernis für Obdachlose

Wer genau hinschaut, stelle die immer gleichen Maschen bei zudringlichen Bettlern fest, so die Polizei. Sie setzen Tiere oder Kleinkinder als Lockmittel ein oder simulieren Verletzungen, Behinderungen oder eine andere Notsituation, von der sie sich Spenden erhoffen. Damit nicht auffliegt, dass es ihnen in Wahrheit nicht ganz so schlecht geht, wie sie demonstrieren, werden sie nach Angaben der Polizei oft außerhalb der Innenstadt ausgesetzt. Sie legen dann den restlichen Weg zu Fuß oder mit der Straßenbahn zurück.

Betteln ist im Bremer Stadtgebiet nicht grundsätzlich verboten. Doch werden Kinder dafür missbraucht, oder bedrängt man Personen, indem man sie berührt oder festhält, dann ist das strafbar. Die Polizei darf in diesem Fall einen Platzverweis oder Bargeldverwarnungen aussprechen.

Obdachlose, die nicht so offensiv nach Geld fragen, aber darauf angewiesen sind, ärgern sich über die dreisten Methoden der organisierten Bettler, erzählt Jonas Pot d‘Or, der sich mehrmals in der Woche um Wohnungslose in Bremen kümmert. Die Obdachlosen würden passiv betteln und hätten Stammkunden. Sie sitzen friedlich am Straßenrand, beziehen Hartz IV und wollen wiedererkannt werden. „Doch meistens werden nur die aggressiven Bettler wahrgenommen, die bleiben im Gedächtnis“, sagt Pot d‘Or.

„Sie wollen nur Geld“

Das erlebt auch Francis Fernitz so. Wenn er sich mit seiner Spardose in der Hand an die Straßenbahngleise stellt und um Geld bittet, schlägt ihm nicht selten Unmut entgegen. Weil die Leute von den vielen Bettlern genervt sind, würden sie ihn noch abfälliger behandeln als sowieso schon,, erzählt er. Seit zweieinhalb Jahren lebt der 27-Jährige auf der Straße. Die Leute beim Schnorren zu bedrängen, kommt für ihn nicht infrage.

Oft würden sie nicht mal einen Kaffee von ihm nehmen. „Sie wollen nur Geld“, sagt der Streetworker. „Nahrung oder einen Kaffee beim Betteln halten sie eher für kontraproduktiv.“ Hilfe würden sie nicht annehmen wollen. Hinzu kommt, dass die meisten dieser Bettler nur ein paar Brocken Deutsch sprechen. „Und in die Beratungsstellen, wo es Mitarbeiter in ihrer Muttersprache gibt, gehen sie nicht“, sagt Pot d‘Or.

Zahl der Bettler erhöht sich im Winter

Vonseiten der Polizei heißt es, man sei dabei die Strukturen aufzuklären. Pot d‘Or vermutet, dass diejenigen, die auf der Straße betteln, eigentlich kaum etwas von ihren Einnahmen sehen, sondern sie an die Hintermänner abgeben müssen. Obdachlose am Bahnhof erzählen, dass sie regelmäßig beobachten, wie Bettler aus Rumänien ihr Geld mehrmals am Tag an die Hintermänner abgeben müssten. Dazu fahre regelmäßig ein Wagen vor.

Jetzt, wo es kälter wird, erhöht sich die Zahl der Bettler in der Innenstadt generell noch einmal. „In der Vorweihnachtszeit kommen Leute, die man das ganze Jahr eigentlich nicht sieht“, sagt Streetworker Pot d‘Or. Einige Obdachlose bekämen zwar Hartz IV, würden damit aber nicht über die Runden kommen, weil sie Schulden abbezahlen oder Alkohol und Drogen finanzieren müssten.

„Betteln ist aber immer noch besser als Stehlen“, sagt Pot d‘Or. Und es sei nicht immer so, dass Obdachlose sich damit ihre Süchte finanzieren. Viele würden von dem Geld etwas zu essen kaufen oder sich andere Kleinigkeiten leisten. „Ich kenne einen Obdachlosen, der das ganze Jahr über draußen schläft und den Großteil seiner Spenden spart, um sich davon einmal im Jahr eine Übernachtung im Hotel zu leisten“, sagt Pot d‘Or. „So etwas gibt es eben auch."

Verhaltenstipp der Poliziei

Wer Hilfsbedürftigen etwas spenden möchte, sollte nach Angaben der Bremer Polizei genau hinschauen, wem man Geld oder andere Gaben anbietet. Ein Strauß Rosen, penetrantes Hinterherlaufen oder das Entgegenhalten von Kindern, Tieren oder Verletzungen sind nicht immer eindeutige Zeichen für eine Notlage. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann sich an Organisationen für Obdachlose und Hilfsbedürftige wenden und dort spenden. Wer auf der Straße von Bettlern bedrängt wird, sollte sich an die Polizei wenden.
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