Incognito-Ensemble feiert im Uni-Theatersaal mit „Nora oder ein Puppenheim“ Premiere

Profi-Inszenierung im Amateurtheater

Franz Eggsteins Amateurtheatergruppe an der Universität "Incognito" spielt wieder. Mit teilweise professioneller Unterstützung haben sich die überwiegend jungen Schauspieler an Henrik Ibsens "Nora oder ein Puppenheim" herangewagt. Das etwas andere Weihnachtsstück feiert am Sonnabend, 1. Dezember, Premiere im Theatersaal der Uni.
29.11.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Katharina Hirsch
Profi-Inszenierung im Amateurtheater

Eine Weihnachtsszene des Stücks "Nora oder ein Puppenheim" frei nach Henrik Ibsens "Nora". Die größtenteils studentische Truppe unter der Leitung von Franz Eggstein hat sich innovative und experimentelle Theateransätze und -mittel auf die Fahnen geschrieben. So ersetzt in dieser Szene ein Handstaubsauger mit aufgesetzter Spitze den Christbaum.

Fotos: Petra Stubbe

Franz Eggsteins Amateurtheatergruppe an der Universität "Incognito" spielt wieder. Mit teilweise professioneller Unterstützung haben sich die überwiegend jungen Schauspieler an Henrik Ibsens "Nora oder ein Puppenheim" herangewagt. Das etwas andere Weihnachtsstück feiert am Sonnabend, 1. Dezember, Premiere im Theatersaal der Uni.

Horn-Lehe·Gröpelingen. "Alle sagen, ich muss ins Theater. Muss ich wirklich?", fragte Juri Morasch einst in der katholischen Klosterschule in Bayern seinen Vertrauenslehrer. Wie gut passt diese Frage doch zu dem Theaterstück "Nora oder ein Puppenheim", bei dem der gebürtige Kasache nun Regie führt. Denn gesellschaftliche und persönliche Erwartungen sind das Kernthema dieser Geschichte, bei der eine Ehe in die Brüche geht und eine alte Liebe wieder aufflammt.

Im Original von Henrik Ibsen stehen die gesellschaftlichen Konventionen im Vordergrund, denen sich die Hauptfigur Nora letztlich entzieht: die Frau, der Besitz des Mannes. Sie wird von ihm durchaus geschätzt, hat aber kein Anrecht auf eigene Entscheidungen. Und so nennt Torvald Helmer, der männliche Gegenpart zur Nora, sie "sein Püppchen". Doch als eine rechtlich und moralisch fragwürdige Entscheidung seiner kapriziösen Frau ans Licht zu kommen droht, durchlebt zuerst Nora für sich allein eine bange Zeit der Ungewissheit, bis sich gegen Ende alles dreht und wendet und das gewohnte Gefüge auseinanderbricht.

Für unsere heutige Zeit hat Juri Morasch die unterschwellig herrschende Angst im Stück stärker herausgearbeitet. Es sei allerdings gar nicht so schwer, diese Angst auf der Bühne darzustellen, findet Lillith Rüschenpöhler. "Ich muss es nicht nachvollziehen, es ist meins", beschreibt sie die Vermischung der Emotionen ihrer Figur Christine Linde mit ihren eigenen. Damit greift sie den Tenor der Gruppe auf, wie stark unsere Gesellschaft doch von Ängsten geleitet sei.

Doch ebenso zeigt sich gerade der gespielte Charakter der Hornerin stark vernunftorientiert, was sie einst ihre Liebe zu Lars Krogstad, gespielt von Marius Roskamp, verraten ließ.

Karina Plesovskich hingegen empfindet ihre Gefühle auf der Bühne als eine Karussellfahrt. Gleich der Hauptfigur Nora, die versuche, allen gerecht zu werden, fühle sie sich während dieses Theaterspiels "wie ein gejagtes Tier".

Diese Intensität, so erklärt Simon Deggim, der den Torvald Helmer mimt, käme vor allem durch das sehr kleine Ensemble von nur fünf Akteuren zustande. Es sei toll, sagt der Gröpelinger, mit so erfahrenen Regisseuren wie Juri Morasch, der unter anderem bereits am Maxim-Gorki-Theater in Berlin Regie geführt hat, und Franz Eggstein zu arbeiten.

Eggstein, unter dessen Leitung das Stück steht, ist seinerseits voller Begeisterung für diese außeruniversitäre Produktion, die im üblichen Lehrplan nicht möglich gewesen wäre: Dort müsse man Stücke mit mindestens 14 unterschiedlichen Charakteren umsetzen. Gleichzeitig sei bei den Schauspielern von Incognito keine "Creditpoints-Mentalität" vorhanden, bei der Studenten oft nur das Leistungssoll für ihr Studium im Blick hätten, sondern alle fünf spielten aus reiner Leidenschaft.

So passt auch Björn Becker, der seinerzeit bei der Gründung des Schnürschuhtheaters in der Neustadt dabei war, in die insgesamt studentische mittzwanziger Altersstruktur: Lachend sortiert der Bremer aus dem Geteviertel sich in die 1970er-Generation ein.

"Die Rolle des todkranken Dr. Rank bedurfte eines älteren Darstellers", begründet Eggstein seine Wahl für den früheren Schauspielkollegen. Becker selbst gibt zu, sich anfangs gefragt zu haben, wie es wohl um die Gleichberechtigung zwischen ihm und der jüngeren Generation bestellt sein würde. Doch mittlerweile merke keiner von ihnen mehr den Altersunterschied.

Franz Eggstein ist bei dieser Produktion sehr stolz darauf, ein zum Teil professionelles Team verpflichtet zu haben: Neben Juri Morasch konnte er mit Nadja Braun eine engagierte Choreografin gewinnen, die unter anderem für die jungen Akteure Bremen arbeitet.

Das Bühnenbild hat der in Lissabon lebende Künstler Nuno Viegas erdacht. Und obendrein kommen sogar digitale Installationen des Profis Lars Grochla zum Einsatz. Der Schwachhauser Veranstaltungstechniker ist aber nicht der einzige, der sein eigenes Equipment mitbringt. Auch sämtliche Requisiten sind selbst organisiert. Daher hofft das Theater- Incognito-Team, mit den Eintrittsgeldern das Projekt refinanzieren zu können.

Juri Morasch hat die Antwort auf seine Frage übrigens vor etlichen Jahren in einem Theaterkurs von Franz Eggstein gefunden. Und wenn man sich das Stück "Nora oder ein Puppenheim" mit seinen jungen Schauspielern ansieht, bei denen, wie Morasch sagt, in einer sehr viel sensibleren Arbeit als mit Profis "der Löwe noch herausgekitzelt werden muss", dann ist es eine gute Antwort, die er da gefunden hat.

"Nora oder ein Puppenheim" wird im Theatersaal der Universität, Bibliothekstraße 1, aufgeführt. Premiere ist am Sonnabend, 1. Dezember, um 19 Uhr. Weitere Auftritte sind am 8. und 9. sowie am 15. und 16. Dezember geplant. Beginn ist sonnabends um 19 Uhr, sonntags um 18 Uhr. Der Eintritt kostet acht, ermäßigt fünf Euro. Reservierungen und weitere Informationen per E-Mail an info@theaterincognito.de.

Für weitere Termine im neuen Jahr werden noch Spielstätten gesucht.

Profi-Inszenierung im Amateurtheater

Incognito-Ensemble feiert im Uni-Theatersaal mit „Nora oder ein Puppenheim“ Premiere

Zitat:

"Ich fühle mich während

dieses Theaterspiels

wie ein gejagtes Tier."

Nora-Darstellerin Karina Plesovskich

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