Bremer Oberschule am Oslebshauser Park Projekt Familienklasse: Mit Mama oder Papa zur Schule

Mit Mama oder Papa im Schulunterricht sitzen? Das Projekt Familienklasse macht es möglich. Die zehn- bis 14-jährigen Teilnehmer gehen alle nicht gerne zur Schule - und sollen herausfinden, warum das so ist.
07.03.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Projekt Familienklasse: Mit Mama oder Papa zur Schule
Von Frauke Fischer

Mit Mama oder Papa im Schulunterricht sitzen? Das Projekt Familienklasse macht es möglich. Die zehn- bis 14-jährigen Teilnehmer gehen alle nicht gerne zur Schule - und sollen herausfinden, warum das so ist.

Dass Mädchen und Jungen im Alter von 10, 12, 13 oder 14 Jahren an einem Donnerstagmorgen im März in der Schule sitzen, ist nichts Besonderes. Dass ihre Mütter oder Väter dabei sind, allerdings schon. An zwölf Vormittagen trifft sich eine Gruppe von ihnen in den hübsch eingerichteten Räumen im Erdgeschoss der Oberschule am Oslebshauser Park mit der Pädagogin Carolin Winter in der Familienklasse. Auf dem Stundenplan stehen Lernaufgaben, Gruppenspiele und Abschlusskreis. Die Jungen und Mädchen haben eines gemeinsam: sie gehen nicht gern zur Schule. Mit ihren Eltern sollen sie herausfinden, warum das so ist, und wie es sich am besten ändern lässt.

"Mich langweilt Schule generell"

Die Gründe für die Schulverweigerung sind vielfältig. Da ist der 13-Jährige: in der Familienklasse ist er einer der Wortführer, hellwach und schnell im Formulieren kluger Sätze. Doch im Unterricht, erzählt er, hat er den Kopf meistens auf die Unterarme gelegt und schaltet ab. Mathe, Englisch, Geschichte – alles rauscht an ihm vorbei. „Mich langweilt Schule generell“, sagt er.

Der Elfjährige dagegen, der heute zum ersten Mal mit seiner Mutter in der Gruppe mitmacht, lässt sich durch Unruhe schnell ablenken und kann sich schlecht konzentrieren. „Er ist sehr zurückhaltend“, sagt seine Mutter Sandra Knief. „Hier hat er seine Matheaufgaben ganz schnell erledigt und hinterher gesagt, dass er hier besser arbeiten kann.“ Gemeinsam mit dem Jungen hat die Mutter seine Mappe aufgeräumt und zugeschaut, wie er Aufgaben löst. Schon nach dem ersten Vormittag stellt sie fest: „Man kriegt mehr mit aus der Schule.“ Das war auch der Grund, warum sich die berufstätige Bremerin entschieden hat, ihren Sohn in die Familienklasse zu begleiten, als er zugestimmt hatte, am Projekt teilzunehmen.

Gruppenspiele und Übungen

An den Vormittagen einmal in der Woche treffen Sandra Knief und ihr Sohn nun auf andere Schüler, deren Mütter oder Väter. Nach der Lernzeit, in der sich Eltern auch untereinander austauschen, gibt es eine zweite Phase mit Gruppenspielen und Übungen. An diesem Donnerstag schreiben die Teilnehmer „Drei Wahrheiten und eine Lüge“ auf Zettel, die sie sich anheften. Im Dialog sollen sie herausfinden, welche der Sätze wahr sind und welcher nicht stimmt. „Hast du wirklich sechs Geschwister?“ will Carolin Winter von einem Jungen wissen. Es entspinnt sich ein kurzes Gespräch, bevor die beiden sich neue Partner zum Ausfragen suchen.

Hülya Oksal ist als Übersetzerin in der Familienklasse. Eine Mutter spricht so wenig Deutsch, dass sie Schwierigkeiten hat, sich einzubringen. „Und die Sprachprobleme sollen kein Hindernis sein“, sagt Oksal. Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin, die selbst drei kleine Kinder hat, ist begeistert von den pädagogischen Ansätzen. „Ich lerne hier ganz viel, was ich selbst für meine Kinder nutzen kann“, sagt sie.

Als das Wahrheitsspiel beendet ist, wird der Teppich in der Schülerbibliothek frei geräumt. „Wir brauchen jetzt ganz viel Platz“, sagt Carolin Winter, die mit der Lehrerin Heike Vanselow ein Spiel mit farbigen, zusammengeknoteten Schnüren auspackt. Mit jeweils einem Schnurende in der Hand sollen die Gruppenmitglieder versuchen, einen in der Mitte angebrachten Kran gemeinsam zu bewegen, um Holzklötze vom Boden aufzuheben und zu einem Turm zu stapeln. Das funktioniert nur mit guter Absprache, Geduld und im Team.

„Ich kenne das Spiel“, sagt eine Mutter, als es losgeht. „Es hat ganz viel mit Zusammenarbeit und Vertrauen zu tun.“ Tatsächlich entpuppt sich die Gruppe beim ersten Durchgang als gutes Team. Nach einem Misserfolg – ein Klotz kippt um und kann nicht mehr aufgenommen werden – baut es einen beachtlichen Turm. Das spornt an. Der zweite Durchgang verläuft schlechter. Klötze kippen um. „Das warst du, du hast Schuld“, ruft ein Elfjähriger entnervt und rupft ungeduldig an seiner Schnur.

Eine Urkunde zum Abschied

In der Abschiedsrunde später wird deutlich, wie genau die Teilnehmer sich selbst und die anderen wahrnehmen. Was war schwierig? Warum hat nicht alles funktioniert? „Wir müssen uns besser absprechen und das dann auch umsetzen“, wirft eine Mutter ein. „Erst haben sich alle verstanden, dann hatten viele keine Lust mehr“, stellt eine Schülerin fest. Sie ist an diesem Donnerstag zum letzten Mal dabei und bekommt zum Abschied eine Urkunde und eine Glückwunschkarte. „Du warst immer hier und hast das gut gemacht“, gibt Carolin Winter ihr mit auf den Weg.

Die meisten Teilnehmer haben die Karte mit dem gelben Lach-Smiley gezückt, um die Schülerin zu beurteilen. Sie selbst ist sich gegenüber deutlich strenger. „Ich habe mich sehr viel abgelenkt“, sagt sie. Doch etwas Gutes fällt ihr auch noch ein: „Ich habe sehr viel gearbeitet, das ist schon mal okay.“

Lesen Sie auch

Sich selbst erkennen, eigene Leistungen zu sehen und zu loben, aber auch Kritik und Niederlagen anzunehmen – das alles gehört zum Konzept der Familienklasse. Es geht um das Zuhören und Beobachten – sich selbst und untereinander. Die Schüler vereinbaren Ziele für die vor ihnen liegenden Treffen. „Sie sind einfach formuliert“, sagt Carolin Winter. „Ich will nicht mehr im Unterricht herumlaufen. Ich komme nicht mehr zu spät. Ich will alle Arbeitsmaterialien dabei haben.“

Bettina und ihr Sohn mögen die Stunden in der Familienklasse. „Es ist gut, dass wir in der Gruppenzeit mit den Kindern Zeit verbringen. Oft fehlt zu Hause die Gelegenheit dazu“, sagt die Bremerin. Für sie war es keine Frage, dass beide das Angebot wahrnehmen. „Es ist ja zum Wohl des Kindes.“

Für Carolin Winter ist das gute Gefühl eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg des Projekts. Es geht um Stärkung, um Zuwendung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen sich gut wahrgenommen fühlen. Carolin Winter sieht die Familienklasse als „positiven Ort der Begegnung sein“.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+