Zu Gast in Friedensgemeinde

Antje Boetius warnt vor den Folgen des Klimwandels

„Viertel vor Sintflut“ lautete der Titel der Ersatzveranstaltung für „Das Viertel isst“. Am Klimastreiktag war mit Antje Boetius eine der prominentesten Klimaforscherinnen in der Friedensgemeinde zu erleben.
01.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Antje Boetius warnt vor den Folgen des Klimwandels
Von Sigrid Schuer
Antje Boetius warnt vor den Folgen des Klimwandels

Professorin Antje Boetius in der Friedensgemeinde.

Roland Scheitz

Die Tiefseekapsel aus Stahl sinkt immer weiter ins Meer, bis hinab in 1000 Meter Tiefe. Wird sie zu Beginn noch von Wind und Wellen kräftig durchgeschüttelt, schwebt die Kapsel ab 200 Metern lautlos immer weiter hinab. Hell leuchtendes Türkis- und Azurblau weichen nach und nach, bis die Insassen der Tauchkapsel ab rund 600 Metern Stockfinsternis umfängt. Und plötzlich flitzt ein Schwarm selbstleuchtender Quallen vorüber.

Wenn Antje Boetius so plastisch von der Schönheit und Unergründlichkeit des blauen Planeten erzählt, wird klar, woher die Motivation einer der profiliertesten Klimaforscherinnen und -schützerinnen Deutschlands rührt. Sie liebt die Erde und sie weiß, dass es keinen Planeten B gibt. Unter dem beziehungsreichen Titel „Viertel vor Sintflut“ stellte sich die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts Helmholz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven am jüngsten globalen Klimastreiktag in der Friedensgemeinde den Fragen von Pastor Bernd Klingbeil-Jahr und der Anwesenden.

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Normalerweise hätte die Friedensgemeinde zu dem alljährlichen Netzwerktreffen „Das Viertel isst“ eingeladen. Aber dicht an dicht an einer Tafel zu sitzen und sich bei einem gemeinsamen Essen auszutauschen, das ging im Corona-Jahr 2020 natürlich nicht. All diejenigen, die keinen der raren Präsenzplätze in der Friedensgemeinde ergattert hatten, konnten die Veranstaltung im Internet streamen. Klingbeil-Jahr befragte Boetius zunächst nach ihrem Tiefseeabenteuer mit Astronaut Alexander Gerst. Nach dem achtstündigen Tauchgang bis hinunter auf 1000 Metern zu den Tiefseekorallen auf den Azoren habe der festgestellt, dass das Erlebnis, einem Feuerwerk von fluoreszierenden Lebewesen zu begegnen, wesentlich spektakulärer als der Blick in den Sternenhimmel sei.

Ursprünglich ist Antje Boetius Tiefseeforscherin und hat bereits über 50 solcher Expeditionen unternommen. Das Metier hat sie von Kindheit an fasziniert. Das eigentliche Geheimnis des blauen Planeten liege in den Ozeanen, die die Erde zu 70 Prozent bedeckten. „Da tauchen plötzlich riesige Berge auf, die noch niemand kennt“, erzählte die Wissenschaftlerin. Von den Lebewesen, die plötzlich auftauchten, um auf Nimmerwiedersehen in der schwarzen Tiefe des Meeres zu verschwinden, gar nicht zu reden. Wie überhaupt 90 Prozent der Artenvielfalt noch unbekannt und nicht erforscht seien. „Und jede achte Art ist gefährdet“, skizzierte Boetius den Raubbau durch den Menschen.

Zehn Grad in 125 Jahren

Neue Erkenntnisse erhofft sich das AWI von der einjährigen Mosaic-Expedition, der größten Arktisexpedition aller Zeiten, bei der sich seit vergangenem September Wissenschaftler aus aller Welt an Bord des im Polareis eingefrorenen Forschungsschiffes „Polarstern“ bis zum Nordpol driften lassen, nach dem Vorbild des norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansen vor 125 Jahren. Das Beunruhigende: Der Winter sei in dieser Region inzwischen zehn Grad wärmer, die Eisdecke habe nur noch einen Durchmesser von knapp einem Meter. Vor 125 Jahren seien es noch 5,6 Meter gewesen, sagt Boetius. Die Rückkehr der Polarstern wird für den 12. Oktober erwartet.

Sollte der Klimawandel ungebremst voranschreiten, dann werden schon in absehbarer Zeit mehr als 70 Prozent der Erde von Wasser bedeckt sein. Mit lebensbedrohlichen Konsequenzen für die Hälfte der Menschheit. Land unter also für die 35 Millionen Küstenbewohner, die bis zu 200 Kilometer von den Meeren entfernt leben. Geflutete Landstriche, das bedeutet aber auch neue Fluchtbewegungen. „Alles hängt mit allem zusammen“, betonte Boetius. „Über 10.000 Jahre hinweg hatten wir ein megastabiles Klima. Jetzt ist es ins Rutschen gekommen.“ Schon jetzt seien die fatalen Auswirkungen der Erderwärmung deutlich sicht- und spürbar: So verursache eine afrikanische Hitzewelle von über 30 Grad Steppenbrände in Sibirien, andererseits gebe es in den USA arktische Kälteeinbrüche zu verzeichnen.

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Und auf Bremen bezogen: Das Phänomen tropischer Nächte, von Starkregen- und Starkwindereignissen und milden Wintern nehme zu. Dabei sei Norddeutschland mittels kostspieliger Deicherhöhungen noch ganz gut gerüstet gegen den Anstieg der Nordsee, waren sich Klingbeil-Jahr und Boetius, die selbst am Osterdeich wohnt, einig. Vor den Toren Europas entstehe dagegen unglaubliches Leid. Die Professorin betonte, dass es keine Ausreden geben könne, und unterstrich das, was die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg in ihren Reden nicht müde wird, zu betonen: die Klimagerechtigkeit.

Es könne nicht angehen, dass die Europäer und die USA immer mit dem Finger auf China, Indien und Afrika zeigten, nachdem sie selbst die größte Klimaschuld durch Umweltzerstörung auf sich geladen hätten. Um den Raubbau an der Natur in Schwellenländern einzudämmen, mache eine Ausgleichszahlung Sinn. „Es geht um ethische Fragen und um ein massives Ungerechtigkeitsproblem“, sagte die Klimaforscherin und fügte hinzu: „Unsere Aufgabe ist es, ehrlich die Wahrheit zu sagen und alles zu dokumentieren“. Boetius warnt: „Vor zehn Jahren haben wir eine Klima-Erwärmung um zwei Grad für das schrecklichste aller Szenarien gehalten und das ist bereits jetzt Wirklichkeit geworden.“

Das Ruder in letzter Minute herumreißen

Die Aufgabe von Wissenschaftlern sei es aber auch, immer wieder den Dialog mit den Menschen zu suchen, sie aufzuklären und die Verbreitung von Fake News und Verschwörungstheorien zu stoppen. Als seriöse Informationsquellen empfahl sie die Internetseite klimafakten.de und die Klimakampagnen des Helmholtz-Institutes. Viele ihrer Wissenschaftlerkollegen sympathisierten offen mit der Fridays-for-Future-Bewegung und firmierten unter AWIs for Future. „Gerade die junge Generation hat bei der Politik einen Riesenruck bewirkt, der inzwischen auch durch die Industrie geht“, so Boetius. Dass das Ruder doch noch, quasi in letzter Minute, herumgerissen werden könnte, von dieser Hoffnung lebe sie. Fakt sei aber auch, dass Wissenschaftler schon seit über 50 Jahren vor den fatalen Entwicklungen gewarnt hätten und industrielle Lobbys fast genauso lange Zeit Klimaleugner für die Verbreitung von Lügen bezahlt hätten.

Schließlich sprach Klingbeil-Jahr noch eine ganze andere Seite der Wissenschaftlerin an: So versuche sie, ihre Erkenntnisse auch über die poetische Sprache des Theaters zu kommunizieren. So begibt sie sich mit dem Konzept-Theater Berlin, in Friedrich Schillers Sinn auf die Suche nach dem Wahren, Guten, Schönen und dem Gerechten. Aber auch auf die Spurensuche des Sintflutmythos in indianischen Erzählungen und in einer der ältesten Erzählungen überhaupt, dem Gilgameschepos aus dem Zweistromland.

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