Prostitution in der Corona-Krise

Bordelle in Bremen und Niedersachsen bleiben vorerst geschlossen

Seit Mitte März ist Prostitution wegen der Corona-Krise verboten. Die Branche drängt darauf, das Verbot in Teilen des Gewerbes aufzuheben. Andernfalls würden Prostituierte in die Illegalität gedrängt.
02.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bordelle in Bremen und Niedersachsen bleiben vorerst geschlossen
Von Nico Schnurr
Bordelle in Bremen und Niedersachsen bleiben vorerst geschlossen

In Bremen sind mehr als 570 Prostituierte gemeldet – es gibt jedoch keine Meldepflicht.

Andreas Arnold /dpa

Die Bordelle in Bremen und Niedersachsen bleiben bis auf Weiteres geschlossen. In beiden Bundesländern ist Prostitution wegen der Corona-Krise seit Mitte März verboten. Bislang haben die Behörden keinen Zeitpunkt bestimmt, an dem die Betriebe wieder öffnen dürfen. Die Branche drängt darauf, das Verbot in Teilen des Gewerbes aufzuheben. Sie hat der Politik Hygienekonzepte vorgelegt. Derzeit prüfen die Bundesländer diese Unterlagen.

Es werde „eher Monate als Wochen“ dauern, bis man sich auf ein Vorgehen verständigt habe, sagt Kai Stührenberg, Sprecher des Bremer Wirtschaftsressorts. Die Branche verlangt mehr Tempo. Andernfalls würde sich die Situation zuspitzen, und viele Prostituierte würden in die Illegalität gedrängt. An diesem Dienstag, dem sogenannten internationalen Hurentag, will das Gewerbe mit Aktionen auf die schwierige Lage aufmerksam machen.

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„Die Rücklagen vieler Frauen sind nach mehr als zwei Monaten ohne Arbeit aufgebraucht“, sagt Sagitta Paul. Sie ist bei Nitribitt beschäftigt, einem Bremer Verein, der Prostituierte berät. Paul sagt: „Die Not ist mittlerweile sehr groß.“ Laut der Wirtschaftsbehörde sind in Bremen zuletzt mehr als 570 Prostituierte gemeldet gewesen. Die Dunkelziffer dürfte hoch ausfallen, da es keine Meldepflicht gibt.

Nur wer seit fünf Jahren in Deutschland gemeldet sei, habe in der Corona-Krise Anspruch auf Hilfen vom Jobcenter. Zum Beispiel werde die Miete dann übernommen. Doch viele Frauen, die aus Osteuropa kämen, könnten die Auflagen nicht erfüllen, sagt Paul: „Gerade entscheidet ein Stück weit die Nationalität der Prostituierten darüber, wie gut sie in Bremen durch die Krise kommen.“

Übernachten am Arbeitsplatz

Seit Beginn der Pandemie erlaubt das Wirtschaftsressort etwas, das sonst verboten ist: Prostituierte dürfen derzeit in den Bordellen und Wohnungen übernachten, in denen sie vor der Krise gearbeitet haben. Die Maßnahme soll Prostituierte davor schützen, obdachlos zu werden. „Aber nicht jeder Bordellbetreiber oder Vermieter lässt sich darauf ein“, sagt Paul, „und vor allem: Wie lange hält so ein Wohlwollen an?“

Der Bundesverband erotische und sexuelle Dienstleistungen hat einen Fonds ins Leben gerufen, um Sexarbeiterinnen zu unterstützen, die in Not geraten sind. „Die Situation ist katastrophal, die Pandemie verschärft die ­Probleme wie Armut, mangelnden Gesundheitsschutz und Wohnungslosigkeit“, sagt Sprecherin Susanne Bleier-Wilp. Der Verband fordert, das Prostitutionsverbot müsse ge­ordnet aufgehoben werden. Domina-Dienste und erotische Massagen etwa sollten bald wieder erlaubt werden. Diese Arbeit dürfe nicht anders behandelt werden als bereits wieder zugelassene Dienstleistungen wie medizinische Massagen, Fußpflege oder das Tätowieren.

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Eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten aus Union und SPD bewertet die Situation anders. In einem Schreiben fordern sie, das Verbot dürfe nicht gelockert werden. Ansonsten drohe eine Infektionswelle. In dem Papier heißt es: „Es dürfte auf der Hand liegen, dass Prostitution die Wirkung eines epidemiologischen Superspreaders hätte – sexuelle Handlungen sind in der Regel nicht mit Social Distancing vereinbar.“ Die 16 Politiker, zu denen auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zählt, wollen, dass Prostitution auch nach der Corona-Krise verboten bleibt. Die Gruppe empfiehlt Ausstiegshilfen nach dem schwedischen Modell, das neben betreutem Wohnen auch Sprachkurse und Traumatherapie vorsieht.

Prostitution im Verborgenen

Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU) hält die Forderung nach einem Sexkaufverbot über Corona hinaus für nicht durchsetzbar. Auch Kai Stührenberg betont: „Wir haben keinerlei Bestrebungen, die Sexarbeit grundsätzlich zu verbieten.“ Stattdessen fordert die Bremer Gesundheitsbehörde ein bundesweites Hilfspaket für die Branche. Man müsse vorbeugen, dass Prostitution fortan im Verborgenen geschehe. „Sexarbeit in Illegalität schafft vermehrte Gefahren der Infektionen mit dem Coronavirus“, sagt Sprecher Lukas Fuhrmann, „sie vergrößert auch die Gefahren von Abhängigkeiten und sexueller Gewalt“.

Bislang hat die Bremer Innenbehörde fünf Verstöße gegen das aktuelle Prostitutionsverbot festgestellt. Experten wie die Sexualwissenschaftlerin Harriet Langanke gehen davon aus, dass dies keine Einzelfälle sind. „Es wird weiterhin bezahlter Sex angeboten“, sagt sie, „da müssen wir uns nichts vormachen.“ Einige Prostituierte seien gezwungen, sich gesetzwidrig zu verhalten. Um das zu ver­hindern, brauche es auch für die Frauen finanzielle Nothilfen, die keine Leistungen vom Jobcenter in Anspruch nehmen könnten, sagt Sa­gitta Paul von Nitribitt. „Vor allem brauchen die Sexarbeiterinnen eine Perspektive“, sagt sie, „ihre Existenz hängt davon ab.“

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