Streit um Kohlenzüge Protest gegen Schmutz und Ruß

Bremen-Nord. Der Streit um die Kohlenzüge geht weiter. Anwohner beklagen Abgaswolken und einen öligen Belag im Garten. Nach den Beiräten stellt jetzt auch das Umweltressort kritische Fragen an den Kraftwerksbetreiber.
18.09.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Volker Kölling

Der Streit um die Kohlenzüge geht weiter. Wenn die Lokomotive mit den Kohlenloren für das Kraftwerk Farge an den Gärten der Vegesacker Heerstraße vorbei rattert, hüllt sie sich in gelben Nebel. Die Anwohner protestieren gegen einen Schmierfilm, der aus weiß schwarz werden lässt. Und immerhin: Nach den Beiräten stellt jetzt auch das Umweltressort kritische Fragen an den Kraftwerksbetreiber und sein Fuhrunternehmen.

Martina Scheer betreibt in der Vegesacker Heerstraße eine Kindertagespflegestelle, in der fünf Kinder unter drei herumtollen. Bevor sie die Kleinen vormittags in den Garten lassen kann, muss sie aber zunächst einmal alle Spielgeräte abwischen: „Die sind richtig ölig, wenn die Morgenzüge hier durchgefahren sind. Erwischt uns doch einmal ein Zug draußen, halten sich die Kinder die Nase zu,“ erzählt Martina Scheer. Gerade an den heißen Sommertagen habe man die Dieselwolke richtig in der Luft stehen sehen können.

Auf der Veranda von Jens Engelhardt stehen die Nachbarn mit Protestplakaten beisammen. Der Lärm der Loren sei nicht einmal so stark wie befürchtet, auch nicht die Belastung durch den Kohlenstaub der offenen Waggons. Mit Lokomotiven mit Abgasfahnen wie von Seeschiffen hatte aber keiner gerechnet. Engelhardt: „Ich habe nachgefragt: Die DB Cargo verwendet diese Loks nicht. Das ist eine Technik, aus den 50er-Jahren, die hier vor über zwanzig Jahren abgeschafft worden ist.“ Engelhardt ist an diesem Morgen um 7.15 Uhr von einem Kohlenzug geweckt worden. Eine Nachbarin ist sich sicher, ein Kohlenzug sei schon um fünf Uhr unterwegs gewesen.

Dass die Lokwolken die Gesundheit gefährden, davon sind sie an der Vegesacker Heerstraße überzeugt. Brigitte Haryneck hat eine Voliere mit Kanarienvögeln nur wenige Meter vom Gleisbett entfernt. Von vormals sieben Vögeln leben noch zwei: „So etwas habe ich noch in keinem Jahr zuvor erlebt.“ Kornelia Stamer: „Ein Nachbar hatte Holunderbüsche zur Bahn hin. Nach der Blüte war alles weg.“ Stephan Klawon hat beim Gesundheitsamt nach einer Luftmessung gefragt: „Das Gesundheitsamt nimmt die Werte im Standbetrieb der Lok. Probleme kriegen wir aber erst, wenn sie leer Richtung Bremen wieder losfährt.“

Das Kraftwerk habe angeboten, Proben der Anwohner untersuchen zu lassen, so Klawon. Doch so weit geht das Vertrauen schon lange nicht mehr. Man erinnert sich an die Versprechen auf Rücksichtnahme und daran, dass nur ab sechs Uhr morgens gefahren werden sollte. Inzwischen will auch das Umweltressort wissen, was da auf der Schiene alles schief läuft. Staatsrat Wolfgang Golasowski hat sich schriftlich an die Unternehmen gewandt – sowohl an die GDF Suez Energie Deutschland als Kraftwerksbetreiber als auch an die Heavy Haul Power International als beauftragtes Transportunternehmen.

„Die Briefe enthalten die Bitte, sich an die versprochenen Fahrzeiten zu halten und dementsprechend morgens erst ab sechs Uhr zu fahren“, erläutert Christoph Lankowski den Inhalt der Schreiben. Der Bahnmann im Bau- und Umweltressort weiß außerdem, dass Heavy Haul Power International darum gebeten worden ist, bei den Lokemissionen die Grenzwerte einzuhalten: „Wir haben um Belege gebeten, aber erst einmal müssen wir von einem ordnungsgemäßen Betrieb ausgehen.“

Nun hat Bremen-Nord mit Jörg-Peter Nowack einen Mann in der Dreierreihe der Ortsamtsleiter, der dreißig Jahre lang in einem Diesellokwerk gearbeitet hat und weiß, in welchem Dilemma das Umweltressort steckt: „Man kann die geltenden Grenzwerte für Dieselloks so umschreiben: Sie dürfen im Betrieb die Sicht nicht behindern, das ist fast schon alles.“ Die Geschäftsführerin von Heavy Haul Power International habe ihm gesagt, dass die Loks und die Züge für die Dauer dieses Auftrags geleast worden seien: „Bei so etwas geht es um das günstigste Angebot, und dann kommen solche schon zweimal abgeschriebenen Loks zum Einsatz. Mit denen lassen sich die meisten Dollar machen.“

Der Ansatz des Blumenthaler Beirats sei deshalb inzwischen ein anderer: „Wir bitten den Umweltsenator, die Einführung von Tempo 30 für den Güterverkehr auf der Strecke zu prüfen.“ Und Nowack weiß, dass inzwischen auch das Kraftwerk offenbar unglücklich über die Wahl seines Transporteurs ist: „Dort ist man intensiv dabei, das zu klären. Suez ist an den Transporteur mit der Bitte herangetreten, bessere Fahrzeuge zu verwenden. Aber dazu gibt es eben keine vertragliche Verpflichtung.“

Vegesacks Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt fühlt sich vom Kraftwerk vor vollendete Tatsachen gestellt. Lange vor dem Kohlentransport auf der Schiene habe er sich beim Kraftwerk nach den Details zum Verkehr erkundigt. Dass die Anlieger der Bahnstrecke mit Zugverkehr leben müssen, ist aus seiner Sicht selbstverständlich.

Belastungen durch ölige Abgase seien hingegen nicht hinnehmbar: „Unsere Politik als Beirat sieht so aus, dass wir klare Grenzwerte fordern, die die Anwohner auch tatsächlich schützen.“ Dornstedt will dafür sorgen, dass das Thema beim nächsten Regionalausschuss der Bremen-Norder Beiräte auf die Tagesordnung kommt.

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