Bremer Studentinnen über ihre Heimat Belarus

"Als ob man plötzlich in Worpswede Explosionen aus Bremen hört"

Zwei Studentinnen an der Hochschule für Künste in Bremen aus Belarus schildern, wie sie die Proteste in ihrem Heimatland unterstützen. Beide berichten von Freunden, die in Polizeigewahrsam misshandelt wurden.
21.09.2020, 06:38
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Von Timo Thalmann
"Als ob man plötzlich in Worpswede Explosionen aus Bremen hört"

Die Kunststudentin Daria Sazanovich verkauft Zeichnungen, um Geld für die Opposition in Belarus zu sammeln.

Christina Kuhaupt

Daria Sazanovich zeigt kleine Videoclips. Zu sehen sind Soldaten beim Exerzieren. Sie üben eine Parade, aber noch klappt es nicht mit dem Gleichschritt. Auch Kunststücke mit Gewehr und Säbel werden einstudiert. Die Filme hat Sazanovich heimlich in einer Kaserne in Belarus aufgenommen, denn natürlich darf auf militärischem Gelände nicht unerlaubt gefilmt werden. „Aber das war einfach der Blick aus meinem Fenster zu Hause. Mein Vater ist Offizier, wir haben da gewohnt“, sagt die Studentin der Hochschule für Künste.

Die Videos sind jetzt Rohmaterial für ihre Masterarbeit im Studiengang „Digitale Medien“. Sie wolle bei ihrer künstlerischen Tätigkeit ausdrücklich politisch sein, sagt die 30-jährige mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen in ihrem Heimatland. Überraschend findet sie das alles nicht. „Das lag ein bisschen in der Luft, schon im Vorfeld der Wahlen am 9. August gab es Proteste gegen Lukaschenko.“ Sazanovich lebt seit zwei Jahren Bremen, ist aber eigens zum Wählen Anfang August zurück nach Belarus gereist. „Es sah erstmals so aus, als könnte sich mit den Wahlen etwas ändern.“ Viele wollten wählen gehen, die das zuvor noch nie gemacht haben und sie wollten dabei ausdrücklich gegen die Kandidaten von Lukaschenko stimmen, berichtet sie.

So hat es auch Hanna Paniutsich aus Belarus erlebt, die seit einem Jahr in Bremen ebenfalls an ihrem Master „Digitale Medien“ arbeitet. Übereinstimmend halten die beiden Studentinnen die Corona-Pandemie im Frühjahr für einen entscheidenden Auslöser. „Die Regierung hat einfach abgestritten, dass es Covid-19 gibt, aber in den Familien sind die Leute krank geworden und auch gestorben“, sagt Paniutsich. Sie habe ihren Großvater in dieser Zeit verloren. Auch ihr Bruder habe vier Wochen mit schweren Symptomen zu kämpfen gehabt. Ob es sich dabei um Corona gehandelt habe, blieb unklar. „Es gab ja keine Testmöglichkeiten.“

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Das habe schließlich viele Menschen dazu gebracht, die Wahlen Anfang August als Gelegenheit zu sehen, der Regierung erstmals einen Denkzettel zu verpassen. Als dann ein 80-Prozent-Ergebnis für Lukaschenko herauskam, wollten das viele nicht glauben und spürten erneut den aufgestauten Frust. „Überrascht hat mich dann aber die Gewalt und Brutalität, mit der Sicherheitskräfte auf die ersten Demonstrationen reagiert haben“, sagt Sazanovich. Beide Studentinnen berichten von Freunden, die mehre Tage in Polizeigewahrsam waren und dort auch misshandelt wurden. „Am Tag der Wahl und danach hing ich über Stunden am Telefon, um Informationen zu bekommen“, sagt Paniutsich. Ihre Mutter habe ihr sehr entsetzt von Schüssen und Detonationen berichtet. Sie wohne in einem ruhigen Vorort von Minsk. „Das muss man sich so vorstellen, als ob man plötzlich in Worpswede Explosionen aus Bremen hört.“

„Das geht alles von Omon aus, eine Spezialeinheit der Polizei, die nur darauf trainiert ist, Proteste möglichst rücksichtslos niederzuschlagen“, sagt Paniutsich. Die Loyalität dieser Leute erkaufe sich Lukaschenko vor allem mit Geld und Privilegien. „Der normale Omon-Mann kommt aus einer Kleinstadt und hat sonst wenig Möglichkeiten. Die Regierung bietet ihm ein hohes und sicheres Gehalt, ein Haus und eine gute Pension mit nur 45 Jahren, wenn er sich für Omon verpflichtet“, berichtet sie.

Dem stehen die Träger und vor allem Trägerinnen des Protestes gegenüber. Paniutsich beschreibt sie als frühere Punks, die sich jetzt zu IT-Spezialistinnen entwickelt hätten, weil sie mit diesem Berufsprofil weiterhin unabhängige Köpfe bleiben könnten. „Minsk ist darum so etwas wie das Silicon Valley von Osteuropa“, meint Sazanovich. Es gebe Unmengen von kleinen Start-Ups und Softwareunternehmen und die Leute, die dort arbeiteten, seien ein echter Gegenentwurf zu den Omon-Polizisten. Ökonomisch häufig schlechter gestellt, aber politisch freiere Geister, die nach fast 30 Jahren unter Lukaschenko endlich demokratische Beteiligung wollten.

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So treffen nicht nur Sicherheitskräfte auf Demonstranten, sondern auch grundverschiedene Lebensentwürfe aufeinander. „Vielleicht befördert auch das die Gewalt“, mutmaßt Paniutsich. Die beiden Studentinnen fühlen sich diesem Gegenentwurf jedenfalls zugehörig. Beide finanzieren dazu passend ihren Lebensunterhalt als Mitarbeiter des Bremer Start-Ups Elise, das innovative Konstruktions- und Design-Software für Ingenieure entwickelt.

Auch dass beide Belarus verlassen haben, sei nicht untypisch. „Viele Belarussen warten im Ausland eigentlich nur darauf, mit ihren Erfahrungen zu Hause etwas aufzubauen, sobald Lukaschenko weg ist“, ist sich Paniutsich sicher. „Ich bin offiziell natürlich kein politischer Flüchtling, aber weiter in Belarus zu leben, konnte ich mir nicht vorstellen“, sagt Sazanovich. Über ein Studium in Litauen, sei sie dann in Bremen gelandet. „Es gibt nur zwei englischsprachige Studiengänge für digitale Medien in Deutschland, und Weimar wollte die Bewerbungsunterlagen per Post. Das fand ich nicht sonderlich digital“, erklärt sie ihre Wahl für Bremen.

Rund 100 Weißrussen haben sich in Bremen inzwischen zusammengefunden, um regelmäßig Protestaktionen auf dem Marktplatz zu organisieren. „Vor den Protesten gab es das nicht, dass wir eine Gemeinschaft gebildet haben, wie es andere Zuwanderer tun“, stellt Sazanovich fest.

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