Prozess am Landgericht

Protokoll eines fatalen Rausches

Der Prozess gegen eine 80-Jährige aus Huchting wegen Totschlags hat am Landgericht Bremen begonnen – mit den ersten Eindrücken einer alkoholgeschwängerten Tragödie.
08.02.2017, 00:00
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Protokoll eines fatalen Rausches
Von Nico Schnurr

Bremen. Und dann sprach sie doch. Keinen wirklichen Satz, eher ein Bruchstück davon, geseufzt und leise, auf Russisch. „Wofür das alles?“, übersetzte Dolmetscherin Anna Florstedt die Wortfetzen der Angeklagten unter Kopfschütteln ihres Verteidigers. Dreieinhalb Stunden zuvor noch hatte die 80-Jährige, eingehüllt in eine violette Daunenjacke, verlegen gelächelt, als sie sich schwerfällig schlurfend in den Saal des Bremer Landgerichts schob, dem Pulk aus Kameras entgegen.

Die Rentnerin aus Huchting ist wegen Totschlags angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, am 27. August des vergangenen Jahres mehrfach mit einer Blumenvase gegen den Kopf ihrer 63-jährigen Nachbarin geschlagen zu haben. Mindestens viermal soll die 80-Jährige darüber hinaus mit einem Küchenmesser auf ihre Nachbarin eingestochen haben. Sie soll einen der Stiche in den Unterkiefer durch die Zunge bis in die Mundhöhle und einen weiteren Stich linksseitig des Halses in Richtung der ersten linken Rippe geführt haben. Durch die Stichverletzungen habe die Frau Blut eingeatmet und sei aufgrund dessen und infolge des erheblichen Blutverlusts verstorben, heißt es von Seiten der Staatsanwaltschaft.

Äußern wollte sich die Angeklagte zu diesen Vorwürfen bei Prozessbeginn am Dienstag nicht. Sie schwieg, dreieinhalb Stunden lang. Bis einer der beiden geladenen Zeugen gebeten wurde, näher auf das Verhältnis und die Gesprächsthemen zwischen der 80-Jährigen, der Nachbarin und ihm selbst einzugehen. Viel mehr allerdings als ihr kurzes, klagendes „Wofür das alles?“ verlor die Angeklagte nicht. Erkenntnisse lieferte der Prozessauftakt am Landgericht dennoch.

Alkohol, sehr viel Alkohol, dürfte im Spiel gewesen sein an jenem 27. August in der Antwerpener Straße. Das legt das toxikologische Gutachten der Toten nahe: 3,63 Promille, so hoch soll der Alkoholgehalt ihres Bluts gewesen sein. Zuvor schon hatte der Sohn der Verstorbenen vom Alkoholproblem seiner Mutter berichtet. Und auch in den Ausführungen des zweiten Zeugen spielte Alkohol, genauer gesagt: Wodka, eine tragende Rolle.

Der 57-Jährige soll sich während des Tatzeitraums in der Wohnung der Angeklagten befunden haben. Zuvor sei alles seinen gewohnten Gang gegangenen, schilderte er. Es sei zunächst ein Tag gewesen, wie so viele in den Monaten vor jenem 27. August.

In der Wohnung der Angeklagten hätten sich die beiden Frauen und er getroffen. Sie hätten zusammen auf Russisch geplaudert, gegessen, Fleisch, Speck und Fisch aus der Dose, und Wodka, immer wieder Wodka, getrunken. Auch an jenem Sommertag im späten August. Diesmal aber sei so viel Wodka geflossen, dass er, noch am Tisch sitzend, im Vollrausch eingeschlafen sei – und so den Tathergang verschlafen habe, so der Zeuge.

Dabei ist der 57-Jährige einer, der nach eigener Aussage im Laufe eines Tages des Öfteren eine Flasche oder mehr des klaren Kartoffelschnaps trinke. „So betrunken wie an diesem Tag war ich aber noch nie“, betonte er. Zwei Flaschen Wodka hätten die beiden Frauen und er im Lauf des 27. Augusts im vergangenen Jahr getrunken, sagte der 57-Jährige. Um seinen offenbar nur schemenhaft vorhandenen und vernebelten Erinnerungen zu folgen, mühte sich das Gericht um ein möglichst minutiöses Protokoll des fatalen Rausches aus Sicht des 57-jährigen Mannes. Mehrfach schilderte der Zeuge, wie er gegen zehn Uhr in der Wohnung der Angeklagten eingetroffen sei. Wie er dann „zwei, drei Gläschen“ getrunken habe und anschließend zum Roland Center aufgebrochen sei und dort vergebens versucht habe, seine kaputte Armbanduhr reparieren zu lassen. Wie er zurückgekehrt sei und gemeinsam mit den beiden Frauen so viel getrunken habe, bis er einschlief. Wie ihn die Angeklagte geweckt und gesagt haben soll: „Katharina ist tot.“

Und wie er dies für nicht mehr als einen schlechten Scherz gehalten und weitergeschlafen habe. Bis er später, da sei es längst dunkel gewesen, von jemand, wohl von der Polizei, geweckt worden sei. Der Zeuge erzählt, schließlich habe er realisiert, dass die 63-Jährige gestorben sei. Daraufhin habe er die angeklagte Rentnerin gefragt, ob sie dafür verantwortlich sei. Sie habe nur geantwortet: „Es soll alles möglichst schnell vorbeigehen.“

Neben dem Versuch, seinen Rausch zu rekapitulieren, erhoffte sich das Gericht vom 57-Jährigen Einblicke in das Verhältnis der Nachbarinnen. „Sie war eifersüchtig“, sagte er über die Angeklagte und deren Beziehung zur Nachbarin. Er mutmaßte, dass die beiden Frauen in einem freundschaftlichen Kontakt gestanden hätten, betonte aber auch: „Es gab Streits und Szenen zwischen den beiden, aber keine Handgreiflichkeiten.“ Ihn selbst hätten die Spannungen bei ihren regelmäßigen Treffen in der Wohnung der Angeklagten nicht gestört, sagte der 57-Jährige. „Mir war es wichtig, dass man zusammensitzen und etwas trinken kann, mehr hat mich nicht interessiert.“

Einmal noch meldete sich die 80-Jährige selbst zu Wort. Sie widersprach einer Aussage des 57-Jährigen, wonach sie ihm erzählt habe, dass die Nachbarin Opfer häuslicher Gewalt sei. Darum und um Auslöser möglicher Streitigkeiten soll es am zweiten Prozesstag am 23. Februar gehen. Neben dem Ehemann der Verstorbenen soll dann der Zeuge weitere Einblicke geben.

„Es gab Streits und Szenen zwischen den beiden, aber keine Handgreiflichkeiten.“ 57-jähriger Zeuge
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