Verfolgt wegen Thor-Steinar-Tasche Prozess gegen Werder-Ultra: Opfer sagt aus

Erstmals hat eines der Opfer im Prozess gegen Valentin S. und zwei weitere Werder-Ultras ausgesagt, dass es seine Angreifer wiedererkannt habe. Doch es gibt viele Fragezeichen. Der Ton wird indes schärfer.
16.02.2016, 00:00
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Prozess gegen Werder-Ultra: Opfer sagt aus
Von Ralf Michel

Erstmals hat eines der Opfer im Prozess gegen Valentin S. und zwei weitere Werder-Ultras ausgesagt, dass es seine Angreifer wiedererkannt habe. Doch es gibt viele Fragezeichen. Der Ton wird indes schärfer.

Für einen kurzen Moment sieht es am Montag vor dem Landgericht wie die Wende im Prozess gegen Valentin S. und zwei weitere Werder-Ultras aus: Erstmals sagt eines der Opfer, dass es zwei seiner Angreifer wiedererkannt hat. Valentin S. und Wesley S. sollen dabei gewesen sein, als der Mann am 30. Mai 2014 im Viertel von einer Gruppe junger Männer zusammengeschlagen wurde. Doch dann ist dieser Moment auch schon wieder vorbei. Erneut tauchen hinter der scheinbar so sicheren Identifizierung gleich mehrere dicke Fragezeichen auf. Erneut findet die Verteidigung zahlreiche Widersprüche in den Aussagen der Zeugen.

Es ist der vierte Tag des Prozesses, in dem drei Angeklagten mehrere schwere Körperverletzungen vorgeworfen werden. Im Mittelpunkt steht diesmal ein Überfall im Mai 2014 kurz nach 22 Uhr unweit des Rewe-Marktes im Viertel. Er habe sich gemeinsam mit einem Kollegen in dem Supermarkt Getränke gekauft, erzählt das 36-jährige Opfer als Zeuge vor Gericht. An der Kasse sei sein Kollege von einem Kunden vor ihm in der Schlange angesprochen worden: „Seid ihr etwa Nazis?“

Freund des Opfers trug Thor-Steinar-Tasche

Anlass für diese Frage sei die Aufschrift „Thor Steinar“ auf der Gürteltasche seines Kollegen gewesen, berichtet der Zeuge. Diese Marke gilt als Erkennungsmerkmal der rechtsextremen und neonazistischen Szene. Sein Kollege habe die Frage verneint. „Na, dann ist ja gut“, habe es daraufhin geheißen, und damit schien die Sache erledigt.

Auf dem Heimweg seien sie dann aber plötzlich von einer Gruppe junger Männer verfolgt worden, erzählt der Zeuge. Er habe sich noch umgedreht, um zu fragen, was sie wollten. Doch im selben Moment hätten sie ihn auch schon zu Boden geschlagen und auf ihn eingetreten. Sein Kollege habe sich losreißen, flüchten und die Polizei alarmieren können. Die Gruppe sei dann weggelaufen. Der 36-Jährige trug bei dem Angriff Hämatome am Kopf und am ganzen Körper davon, zudem wurde ihm ein Finger gebrochen.

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Wer ihn attackiert hat, könne er nicht sagen. Dafür sei alles viel zu schnell gegangen. „Die haben alle mitgemacht.“ Ähnlich vage blieb die Beschreibung der Täter: Jeans, helle T-Shirts, kurz geschorene Haare. „Einige markante Gesichter waren dabei.“ Zwei oder drei von ihnen will er später noch mehrfach gesehen haben. Doch vor Gericht beschreiben kann er die Täter nicht.

Valentin S. und Wesley S. habe er in dem kurzen Augenblick gesehen, als er sich nach seinen Verfolgern umdrehte, und sie später auf Fotos wiedererkannt. Zuletzt im Januar dieses Jahres bei der Polizei. Zugleich räumt der Zeuge aber ein, auf eigene Faust im Internet nach den Tätern recherchiert zu haben. Sein Kollege habe ihn auf das Facebook-Profil von Wesley S. aufmerksam gemacht, in dessen Freundesliste habe er dann auch ein Foto von Valentin S. gefunden. Womit vor Gericht ein weiteres Mal die Frage eines „nicht tatbezogenen Wiedererkennens“ aufgeworfen war. Schon mehrfach in diesem Prozess hatten Zeugen die Angeklagten nicht direkt während der Tat identifiziert, sondern erst auf Bildern, die ihnen lange nach den Überfällen von der Polizei gezeigt wurden.

Mit Haftbefehl gesucht: Zeuge taucht in Polen unter

Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder ein Zeuge, auf den das Gericht keinen Zugriff mehr hat, weil er in Polen untergetaucht ist. Er war schon am 2. März 2014 Opfer eines Überfalls – Anlass soll damals sein Thor-Steinar-Pullover gewesen sein – und nun erneut bei der Attacke im Viertel. Seine Aussagen vor allem sind es, die die Angeklagten belasten. Die hat er allerdings nicht in einer Vernehmung gemacht, sondern in einem Vorab-Gespräch mit der Polizei, wie am Montag der zuständige Beamte erläuterte. Ausführlich vernommen werden sollte der Mann später. Doch dazu kam es nicht mehr, weil er – selbst mit Haftbefehl gesucht – plötzlich verschwand. Ein Manko für die Anklage, das sich wie ein roter Faden durch die Verhandlung zieht: Der Hauptbelastungszeuge ist nicht verfügbar, und die, die verfügbar sind, sagen zum Teil alles andere als gern aus. Selbst das am Montag gehörte Opfer hielt der Polizei lange Zeit Informationen vor. Er habe halt keinen Stress haben wollen, sagt er. „Ich will meine Ruhe und die ganze Sache nur noch abhaken.“

Hinzu kommt, dass auffallend viele Angaben vor Gericht nicht mit dem übereinstimmen, was die Zeugen zuvor bei der Strafanzeige, bei Vernehmungen oder auch in Gesprächen mit der Polizei ausgesagt hatten.

Ton im Gerichtssaal verschärft sich

Grund genug für Anwältin Lea Voigt, die Anklage gegen ihren Mandanten Daniel M. erneut insgesamt infrage zu stellen. Sie wirft Staatsanwalt Benedict Berzen „einseitigen Verfolgungseifer“ vor, spricht von „groben Pflichtverletzungen“ und beantragt seine Ablösung im Gerichtssaal.

Auch dieser scharfe Ton ist kennzeichnend für den Prozess. Am Montag sollte dies vor allem der als Zeuge gehörte Polizist zu spüren bekommen. Der Beamte musste sich nach einer harmlosen, aber missverständlichen Formulierung zur Zahl der Opfer von Rechtsanwalt Jan Sürig sagen lassen, er könne nicht zwei und zwei zusammenzählen und sage vor Gericht die Unwahrheit.

Die Verhandlung wird am Donnerstag, 18. Februar, um 9 Uhr fortgesetzt.

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