Eltern in Bremerhaven vor Gericht

Prozess wegen Kindesmisshandlung hinter verschlossenen Türen

Am Dienstag hat der Prozess gegen die Eltern eines Kindes in Bremerhaven begonnen; sie sollen den Vierjährigen absichtlich verbrüht haben. Der Prozess findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
06.02.2018, 09:47
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Prozess wegen Kindesmisshandlung hinter verschlossenen Türen
Von Ralf Michel
Prozess wegen Kindesmisshandlung hinter verschlossenen Türen

Die Anwältin des Jungen, Magaret Hoffmann, im Interview mit Medienvertretern. Die Öffentlichkeit wurde vom Prozess in Bremerhaven ausgeschlossen.

Ralf Michel

Die Angeklagte wirkt abwesend. Ohne Unterlass wippt sie leicht mit dem Oberkörper vor und zurück. Ihr Blick ist starr auf die graue Mütze gerichtet, die vor ihr auf dem Tisch liegt. Obwohl der Gerichtssaal gut geheizt ist, hat sie ihre Wollhandschuhe nicht ausgezogen, die Hände nesteln an der Mütze herum. Schon der Anblick der Frau lässt ahnen, was gleich kommen wird. Ihr Anwalt hat den Ausschluss der Öffentlichkeit für den kompletten Prozessbeantragt, in dem es um Kindesmisshandlung geht. Die Frau und ihr Partner hätten ihren vierjährigen Sohn mit heißem Wasser übergossen und ihm lebensgefährliche Verbrühungen zugefügt, lautet die Anklage.

Zuschauer würden die Angeklagte zu sehr belasten, lautet die Begründung für den Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit, und das Gericht gibt dem statt. Bei der Frau sei eine psychische Erkrankung diagnostiziert worden, erklärt der Vorsitzende Richter Manfred Kelle. Ohne Ausschluss der Zuschauer bestünde eine große Gefahr, das Verfahren nicht durchführen zu können. Die Angeklagte reagiert auch darauf nicht, sie starrt weiter teilnahmslos auf ihre Mütze.

Verfahren soll gesichert werden

Die Psyche der Frau könnte sich so sehr verschlechtern, dass sie nicht mehr vernehmungsfähig ist, erläutert später Thorsten Prange, Sprecher des Landgerichts, diese Entscheidung. Dem Ausschluss der Öffentlichkeit lägen zwei Aspekte zugrunde: Zum einen sei die Erörterung sehr persönlicher Lebensumstände der Angeklagten im Verfahren ein Grund für diese Maßnahme, zum anderen die grundsätzliche Sicherung des Verfahrens.

Nicht nur in diesem Verfahren, sondern bei jedem Prozess gelte, dass nicht um jeden Preis verhandelt werde, betont Prange. Zum Beispiel dann nicht, wenn schwere gesundheitliche Folgen für die Angeklagten zu befürchten sind oder wenn sie nicht in der Lage sind, der Verhandlung zu folgen. In diesem Zusammenhang sei es dann auch nicht ungewöhnlich, wenn aus ärztlicher Sicht durch die Anwesenheit der Öffentlichkeit die Vernehmungsfähigkeit der Angeklagten infrage gestellt wird.

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Der Beschluss des Gerichtes, die Öffentlichkeit auszuschließen, umfasst am Dienstag in Bremerhaven auch das Verlesen der Anklageschrift. So bleibt an Information um den Kern des Prozesses die vom Landgericht herausgegebene Zusammenfassung des Sachverhaltes aus Sicht der Staatsanwaltschaft. Die wirft der heute 28-jährigen Mutter und dem 31-jährigen Vater vor, im Juli 2014 ihren vierjährigen Sohn mit heißen Wasser übergossen und damit Verbrühungen zweiten Grades zugefügt zu haben. Die Angeklagten hätten bewusst und gewollt gehandelt und sich anschließend mehrere Tage lang nicht um die ärztliche Versorgung des schwer verletzten Kindes gekümmert. Dabei hätten sie das Risiko eines lebensbedrohlichen Flüssigkeitsverlustes bei ihrem Kind billigend in Kauf genommen.

Aufgedeckt wurde das Ganze offenbar, weil die Mutter einige Tage nach dem Verbrühen ihres Kindes mit ihrem Sohn zu einer Apotheke ging, um dort Brandsalbe zu kaufen. Ein Mitarbeiter habe beim Anblick des Kindes Verdacht geschöpft und die Behörden eingeschaltet, verlautete Dienstag am Rande der Sitzung.

Audiovisuelle Vernehmung des Jungen

Was genau im Juli 2014 geschehen ist, versucht das Gericht nun hinter verschlossenen Türen herauszufinden. Dafür stehen der Kammer unter anderen die Bänder einer audiovisuellen richterlichen Vernehmung des vierjährigen Jungen sowie seiner älteren Schwester zur Verfügung. Die angeklagten Eltern haben drei gemeinsame Kinder, die inzwischen allesamt in Pflegefamilien außerhalb Bremerhavens untergebracht sind. Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens wurde den Angeklagten das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen.

Verbrüht worden sein soll nur eines der Kinder, der damals vierjährige Sohn. Dass trotzdem auch seine ältere Schwester richterlich vernommen wurde, lässt darauf schließen, dass das Gericht auf diesem Wege versucht hat, sich ein umfassendes Bild von den Zuständen in der Familie zu machen.

Erziehungsmethoden der Eltern

Etwa die Frage zu klären, ob es sich beim Verbrühen des Kindes um eine einmalige Kurzschlusshandlung gehandelt habe oder es weitere Vorfälle dieser Art gegeben hat. Es ginge um die Beziehung der Eltern zu ihren Kindern, um die Erziehungsmethoden von Mutter und Vater und deren eventuell rohen Umgang mit ihren Kindern, erläuterte der Vorsitzende Richter.

Magaret Hoffmann begrüßt dies ausdrücklich. Sie vertritt im Gerichtssaal als Nebenklägerin den vierjährigen Sohn. „Die Kinder möchten, dass ihre Eltern bestraft werden, sie haben ein außergewöhnliches Gerechtigkeitsgefühl“, sagt die Anwältin als der Prozess am Dienstag nach Verlesung der Anklageschrift beendet worden war. Auch wenn inzwischen dreieinhalb Jahre vergangenen sind, würde das Geschehene das Geschwisterpaar noch sehr mitnehmen. „Sie vergessen es nicht. Sie wollen es auch nicht vergessen.“

Für den Ausschluss der Öffentlichkeit zeigte die Anwältin im Sinne der Sicherung des Verfahrens Verständnis. Man habe tatsächlich gesehen, dass die Angeklagte der Verhandlung nicht habe folgen können. „Dass die Zuschauer ausgeschlossen wurden, war wichtig, damit man nach über dreieinhalb Jahren endlich mit dem Prozessloslegen konnte.“

Interview mit Thorsten Prange zum Ausschluss der Öffentlichkeit

Thorsten Prange (50) ist Vorsitzender Richter am Landgericht Bremen und Pressesprecher der Behörde.

Thorsten Prange (50) ist Vorsitzender Richter am Landgericht Bremen und Pressesprecher der Behörde.

Foto: Christina Kuhaupt

Warum hat das Gericht in dem Verfahren wegen Kindesmisshandlung die Öffentlichkeit ausgeschlossen?

Thorsten Prange: In dem Prozess wären höchst persönliche Fragen erörtert worden, unter anderem auch Fragen zur Erziehung der Kinder durch ihre Eltern. Angesichts der angeschlagenen Psyche der angeklagten Mutter hätte sie durch diese Erörterungen so stark beeinträchtigt werden können, dass damit die Gefahr heraufbeschworen worden wäre, dass sie nicht mehr verhandlungsfähig ist.

Angesichts der ungeheuren Vorwürfe, die gegen die Mutter im Raum stehen, verwundert es, dass sich ausgerechnet um ihre Gesundheit so viele Sorgen gemacht werden.

Das geschieht, damit das Verfahren durchgeführt werden kann. Der Prozess kann nur stattfinden, wenn die Angeklagte verhandlungsfähig ist. Das ist kein Entgegenkommen gegenüber der Angeklagten, sondern dient der Sicherstellung des Verfahrens.

Aber dann könnte ja jeder Angeklagte mit Hinweis auf seine angeschlagene Psyche die Öffentlichkeit ausschließen lassen?

Nein, überhaupt nicht. Denn ein einfaches ärztliches Attest oder eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung reichen dafür bei weitem nicht aus. Das Gericht hat einen namhaften Psychiater eingeschaltet, der ein umfangreiches Gutachten zum Gesundheitszustand der Frau erstellt hat.

Das Interview führte Ralf Michel.

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