Tötung eines 15-Jährigen in Lüssum

Prozessauftakt mit Verzögerung und Prügelei

Der Prozess um die gemeinschaftliche Tötung eines 15-Jährigen in Lüssum in der Silvesternacht 2016/2017 hat mit Verspätung und einer Prügelei außerhalb des Gerichts begonnen.
05.07.2017, 11:21
Lesedauer: 3 Min
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Prozessauftakt mit Verzögerung und Prügelei
Von Jan-Felix Jasch
Prozessauftakt mit Verzögerung und Prügelei

Blick auf das Langericht Bremen.

dpa

Der Prozess gegen die drei mutmaßlichen Schläger aus Lüssum hat am Mittwoch begonnen. Ihnen wird vorgeworfen, einen 15 Jahre alten syrischen Flüchtling in der Silvesternacht zu Tode geprügelt zu haben. Die Verhandlung begann mit einstündiger Verzögerung am Landgericht Bremen. Außerdem kam es zu einer Prügelei in der Nähe des Gerichts.

Mehrere Polizisten verließen hektisch den Saal, um die Kollegen vor dem Gerichtsgebäude zu unterstützen. Dem Sprecher des Landgerichts, Helmut Kellermann, zufolge waren die Beamten zu einer Schlägerei in der Nähe gerufen worden. Er sagte, dass ein Mann, der zuvor den Saal verlassen musste, weil er im Verfahren als Zeuge auftreten könnte, von fünf bis sechs Männern verfolgt und anschließend zusammengeschlagen worden sein soll.

Von hinten überfallen worden

Ein Notarzt musste den Mann, der Gesichtsverletzungen erlitt, versorgen. Der Betroffene filmte sich dabei sogar selbst und teilte das Video in einem sozialen Netzwerk. Er beschrieb, dass er von hinten überfallen worden sei. Drei Personen hätten ihn festgehalten und auf ihn eingeschlagen und ihn getreten.

Während der Behandlung bat er darum, dass ein Polizist in seiner Nähe bleibt, da er die Täter aus dem Kreis der vor dem Gericht stehenden Menschen vermutete. Eine genaue Beschreibung der Verdächtigen konnte er nicht liefern. Die Vermutung liegt nahe, dass die Tat etwas mit dem Gerichtsverfahren zu tun hatte. Eine offizielle Bestätigung gibt es jedoch bisher nicht.

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Grund für den verspäteten Beginn der Verhandlung waren die Kontrolle und die Aufnahme der Personalien aller 46 Zuschauer; für weitere 20 war kein Platz im Verhandlungssaal. Zwar habe das Gericht keine konkreten Hinweise auf geplante Tumulte gehabt, dennoch wollte man sich auf diese Weise absichern, sagte Kellermann. Außerdem wollte man verhindern, dass Personen im Zuschauerbereich Platz nehmen, die als Zeugen in Betracht kommen – so wie es bei dem zusammengeschlagenen Mann der Fall war.

Verteidiger stellte bereits einen Antrag

Im Saal blieb es während der Verhandlung ruhig. Die 34, 25 und 16 Jahre alten Beschuldigten nahmen die Verlesung der Anklage regungslos auf. Einzig der Verteidiger des 16-Jährigen stellte bereits einen Antrag: Er beantragte, die Besetzung des Gerichts prüfen zu dürfen. Da sich das Gericht nach der Anklageverlesung vertagte, kann dies bis zum nächsten Verhandlungstag am 26. Juli geschehen.

Weiterhin stellte der Verteidiger eine Beschwerde gegen die Besetzung der Nebenklage in Aussicht. Die Familie des Opfers tritt als Nebenkläger auf, darunter auch die beiden minderjährigen Geschwister. Beide werden durch jeweils einen Anwalt vertreten, was nach Ansicht des Verteidigers unzulässig ist, da Minderjährige nicht prozessfähig seien. Das Gericht stimmte dem nicht zu und geht davon aus, dass die Familie weiterhin von den Anwälten vertreten werden kann.

Zahlreiche Pressevertreter sind zum Prozessauftakt erschienen.

Zahlreiche Pressevertreter sind zum Prozessauftakt erschienen.

Foto: Jan-Felix Jasch

Den drei Angeklagten wird vorgeworfen, den 15-jährigen syrischen Geflüchteten Odai K. in der Silvesternacht getötet zu haben. Nach einer Auseinandersetzung sollen sie ihr Opfer verfolgt und in einem ehemaligen türkischen Lokal gestellt haben. Dort sollen sie den 15-Jährigen abwechselnd mit Tritten und Faustschlägen so schwer malträtiert haben, dass er wenige Tage später im Krankenhaus an den Folgen der Misshandlung verstarb.

Hohe Haftstrafen drohen

Die Beschuldigten sollen zwar gemeinschaftlich gehandelt haben, die Staatsanwaltschaft erkennt allerdings auch Unterschiede: Der 35-Jährige soll gezielt auf das Opfer eingetreten haben. Dann soll er den am Boden liegenden Jungen leicht angehoben haben, sodass der 24-Jährige mit einer fast vollen Whisky-Flasche gegen den Kopf des Geflüchteten schlagen und ihn dabei mit den Worten „Wem seine Mutter fickst du“ anschreien konnte.

Ein Zeuge konnte die Angeklagten dann von weiteren Angriffen abhalten und mit weiteren Umstehenden aus dem Lokal vertreiben. Die Worte des 24-Jährigen könnten darauf schließen lassen, dass das Opfer im Vorfeld etwas Ähnliches zu den Beschuldigten gesagt haben könnte, so Gerichtssprecher Kellermann. Allerdings sei das zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation und der Prozess diene dazu, die Hintergründe der Tat zu klären.

Den Angeklagten drohen Gefängnisstrafen zwischen fünf und 15 Jahren. Dem minderjährigen Beschuldigten drohen nach dem Jugendstrafgesetz maximal zehn Jahre Freiheitsentzug. Je nach Verlauf der Verhandlung und der Schuldfähigkeit der Angeklagten kann sich das Strafmaß ändern.

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