Axt-Mord in einer Gartenparzelle

Psychiater hält mutmaßlichen Mörder für schuldfähig

Der Gutachter Konstantin Karyofilis attestiert dem 23-jährigen aus Bremerhaven eine Persönlichkeitsstörung. Der Angeklagte habe ein Leben ohne Fixpunkte geführt.
10.02.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Psychiater hält mutmaßlichen Mörder für schuldfähig
Von Nico Schnurr

Der Gutachter Konstantin Karyofilis attestiert dem 23-jährigen aus Bremerhaven eine Persönlichkeitsstörung. Der Angeklagte habe ein Leben ohne Fixpunkte geführt.

Konstantin Karyofilis hat sich Zeit genommen. Über mehr als drei Stunden hinweg breitet der Psychiater sein Gutachten an diesem achten Verhandlungstag aus. Er streift biografische Schlaglichter des Anklagten, umreißt seinen Eindruck von dessen Sozialisation in Bulgarien, gewährt Einblicke in dessen Umgang mit den ihm vorgeworfenen Taten.

Was nach Stunden des Monologs und einer Dauerschleife von Argumenten steht, ist eindeutig: Der 23-Jährige ist in Karyofilis‘ Augen voll schuldfähig – trotz einer dissozialen Persönlichkeitsstörung.

Gutachter traf sich dreimal mit dem Angeklagten

Dreimal hat sich der sachverständige Gutachter im Frühjahr und Sommer 2016 mit jenem 23-Jährigen getroffen, dem vorgeworfen wird, im Februar vergangenen Jahres einen Mann in einer Bremerhavener Gartenparzelle mit einem scharfkantigen Gegenstand, vermutlich einer Axt, ermordet zu haben.

Drei der ihm zu Last gelegten Überfalle hat er gestanden, darunter auch jenen, der tödlich endete. An einen vierten Überfall will er sich nicht erinnern können. Alle Fälle trugen sich in Bremerhaven oder Brake in einem Zeitraum von rund zwei Wochen zu. Drei von ihnen folgten einem ähnlichen Muster.

Der Angeklagte war bei seinen Einbrüchen erwischt worden, woraufhin er seinen Gegenübern mit Gegenständen auf den Kopf schlug – mal mit einer ungeöffneten Champagnerflasche, mal mit einer Stehlampe, mal vermutlich mit einer Axt.

Er stach auf die Opfer ein

In einem Fall soll er im Anschluss noch mit einem Messer auf sein Opfer eingestochen und es mit einem abgeschnittenen Telefonkabel gefesselt haben. Auch im vierten Fall nutzte er einen Gegenstand aus der Wohnung des Opfers, einen aus Gips geformten Totenkopf. Auch in diesem Fall folgten Messerstiche, allerdings war der Angeklagte in die Wohnung des Opfers mitgenommen worden.

Sachverständiger Karyofilis hat mit dem Angeklagten über diese Taten gesprochen, ihn über den Prozess hinweg beobachtet. Er attestiert dem Angeklagten eine sogenannte dissoziale Persönlichkeitsstörung. Waghalsig und risikobereit sei er. „Er braucht diesen Thrill, diesen Kick“, heißt es im Gutachten. Der Angeklagte sei jemand mit „geringer Frustrationstoleranz“. Jemand, dem es nicht gelänge, soziale Beziehungen zu pflegen, sie aufrecht zu erhalten.

„Ihm fehlt längerfristiges, antizipatorisches Denken“, sagt der Psychiater. „Er lebt für den Augenblick.“ Der 23-Jährige sei einer, dem es an Verantwortungsbewusstsein für sich und andere fehle. Trotz dieser Persönlichkeitsstörung ist die Sache für Karyofilis klar: In allen drei Fällen, die der 23-Jährige gestanden hat, ist er aus Sicht des Sachverständigen voll schuldfähig.

Angeklagter ist voll schuldfähig

„Für mich ist es eine Frage der Handlungskontrollfähigkeit“, erklärt der Psychiater. Er glaubt, dass der Angeklagte „sehr wohl in der Lage sei, seine Gewalt zu steuern“. Er habe sie ganz bewusst eingesetzt, um in jenen Momenten an Geld zu gelangen oder in einem Anflug aus Panik zu vermeiden, erwischt zu werden. „Er entscheidet, er kann seine Impulse lenken“, sagt Karyofilis.

Im bisherigen Verlauf der Verhandlung hatte der Angeklagte versucht, sein Handeln über seinen Kokainkonsum zu erklären. Tatsächlich sei beim 23-Jährigen „eine leichte Kokainabhängigkeit“ festzustellen. Sicherlich handele es sich bei seinen Taten auch um „indirekte Beschaffungsdelikte“.

Seine Schuld mindere das aber nicht, sagt Karyofilis. „In keinem der Fälle gibt es Hinweise auf einen Rausch.“ Sowohl die toxikologischen Gutachten als auch die Schilderungen seines Vorgehens sprechen nicht dafür, dass er im Kokainrausch gehandelt habe.

Kurzfristig hochgefährlich

Für Karyofilis ist der Angeklagte deshalb nicht nur voll schuldfähig. „Ich halte ihn auch für kurzfristig hochgefährlich“, sagt er. Der Sachverständige sieht beim 23-Jährigen „eine sehr hohe Gefahr, massive Gewalttaten und Einbrüche zu wiederholen“. Er habe nie gelernt, ein geordnetes Leben zu führen. Warum, das hat Karyofilis versucht, in der ersten Stunde seines Gutachtens zu umreißen.

„Er hat ein Leben ohne Fixpunkte geführt“, sagt der Psychiater. Der Angeklagte wuchs in Bulgarien auf, wohnte in einer Doppelhaushälfte, die Verwandtschaft nebenan. Mit zwölf Jahren kam der Bruch. Er begann Marihuana zu rauchen, nahm LSD, bald darauf auch regelmäßig Kokain.

Schnell bestand sein Umfeld aus Älteren, alle waren sie Dealer oder Zuhälter. Zeitgleich etwa verstrickte sich sein zwei Jahre älterer Bruder in illegale Geschäfte, beförderte Menschen, wohl Prostituierte, aus Bulgarien nach Deutschland.

Schulabbruch und erste Einbrüche

Auf den Schulabbruch folgten die ersten Einbrüche, schnell wurden sie zur Normalität. Genauso wie regelmäßiger Kontakt mit Prostituierten. Mit insgesamt 70 Frauen habe er trotz seiner Ehe bereits geschlafen, betonte der 23-Jährige nicht ohne Stolz gegenüber dem Psychiater. „Sexualität ist für ihn wie das Kokain ein Mittel zur Selbstaufwertung“, erklärt Karyofilis.

Drogen und Gewalt hafte in seiner Vorstellung etwas Selbstverständliches an. „Doch recht locker“ habe der 23-Jährige ihm von seinen Taten berichtet. Auch deswegen glaubt Karyofilis: „Ein normales Leben, das wird er schlichtweg nicht können.“

Am Dienstag, 14. Februar, geht der Prozess weiter. Dann werden die Plädoyers verlesen.

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