Am Sonnabend wollten nur 2500 Menschen in der Überseestadt gemeinsam Fußball gucken / Format kommt in anderen Städten besser an Public Viewing: Veranstaltern droht Minus

Public Viewing allerorten in der Republik. In Bremen freilich hat es lange gedauert, bis geklärt war, ob und wo das öffentliche Fußballgucken stattfinden kann. Das ist vielleicht einer der Gründe dafür, warum beim ersten EM-Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft vergleichsweise wenige Menschen zur Übertragung in die Überseestadt gekommen sind. Der Veranstalter benötigt im Schnitt 5000 Besucher, um finanziell über die Runden zu kommen. Beim ersten Mal war es lediglich die Hälfte.
13.06.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Public Viewing: Veranstaltern droht Minus
Von Jürgen Hinrichs

Public Viewing allerorten in der Republik. In Bremen freilich hat es lange gedauert, bis geklärt war, ob und wo das öffentliche Fußballgucken stattfinden kann. Das ist vielleicht einer der Gründe dafür, warum beim ersten EM-Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft vergleichsweise wenige Menschen zur Übertragung in die Überseestadt gekommen sind. Der Veranstalter benötigt im Schnitt 5000 Besucher, um finanziell über die Runden zu kommen. Beim ersten Mal war es lediglich die Hälfte.

Bremen. In Oldenburg waren es 9000, in Hannover 16000 und in Hamburg gar 55000 – so viele Besucher zählten beim ersten EM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft die Public-Viewing-Veranstaltungen in den jeweiligen Städten. Bremen dagegen fällt dabei merklich ab: Auf dem Gelände am Europahafen waren es gerade einmal 2500 Menschen, die sich dem gemeinschaftlichen Fußballerlebnis hingaben.

Ist der Ort der Grund dafür? Nicht mehr mitten in der Stadt wie früher auf dem Domshof, sondern mehr am Rand, in der Überseestadt. Oder sind es die Bremer? Sind sie beim Public Viewing vielleicht anders geeicht als die Oldenburger, Hannoveraner oder Hamburger?

Neidisch auf andere Städte

"Als wir die Zahlen aus den anderen Städten hörten, waren wir natürlich neidisch", sagt der Bremer Veranstalter Tobias Meisner. 2500 Besucher seien eindeutig zu wenig, und falls es bei den nächsten Spielen der Deutschen – etwa heute Abend – nicht mehr würden, werde er finanziell mit einem dicken Minus abschließen.

Als Grund für die vergleichsweise geringe Resonanz nennt Meisner den Ort der Übertragung: "Der Europahafen ist in diesem Zusammenhang noch nicht gelernt, die Bremer brauchen für so etwas immer ein bisschen." Am Gelände selbst und der Umgebung könne es nicht liegen, das sei top, das hätten ihm auch die Besucher versichert.

Was ist es überhaupt, was am Public Viewing reizt und die Massen anzieht? Mit dieser Frage hatte sich kürzlich auch die "Süddeutsche Zeitung" beschäftigt und einen Psychologen aus Münster um eine Expertise gebeten. "Durch die gemeinsam erlebte Freude, Trauer und das nationale Gefühl haben Menschen einen besseren Ausgleich für aktuelle Belastungen wie zum Beispiel Stress am Arbeitsplatz oder die negativen Auswirkungen der aktuellen Finanzkrise", formuliert es Steffen Fliegel von der Gesellschaft für Klinische Psychologie und Beratung in Münster. Public Viewing nennt er Rudelgucken, eine Veranstaltung mit Therapiecharakter: "Verliert Deutschland das Fußballspiel, kann die dadurch erzeugte Traurigkeit im Rudelgucken mit vielen Menschen geteilt und so besser losgelassen werden. Diese Teilhabe am sozialen Geschehen ist ein menschliches Grundbedürfnis."

Ein Bedürfnis, das einer wie Wilko Zicht so ausgeprägt offenbar nicht hat. "Ich muss mir vor der großen Leinwand nicht die Beine in den Bauch stehen", sagt der Sprecher des Bremer Bündnisses Aktiver Fußballfans. Er kennt niemanden aus seinem Umfeld, der für das Spiel der Deutschen zum Europahafen gepilgert ist. "Da müsste man ja einmal durch die ganze Stadt." In Bremen sei es Gewohnheit, Fußball gemeinsam in der Stammkneipe zu gucken. "Warum sollte man an einen Ort wechseln, der ungemütlicher ist?"

Gewohnheiten – so erklärt es sich auch Klaus Sondergeld, warum bei der Premiere von Public Viewing in der Überseestadt so wenige Menschen kamen. "Gewohnt war dafür der Domshof", sagt Bremens Marketing-Chef. Ein Manko für den Europahafen, der aber doch eigentlich der noch viel bessere Standort sei. Möglicherweise, mutmaßt Sondergeld, habe es aber auch Irritationen wegen der Sicherheitsdebatte gegeben. Dass die Leute sich nicht getraut hätten.

Vor allem aber seien es die anderen Angebote in der Stadt, die dem Public Viewing im Hafen das Wasser abgraben. "Es gibt a lot of Half-Public-Viewing-Veranstaltungen", scherzt Sondergeld. In der Kneipe, unter Nachbarn, in Vereinsheimen oder in Kirchengemeinden.

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