Linke feiert bisher größten Wahlerfolg

Punktlandung mit Applaus

Gelöste Stimmung in der Generatorenhalle in der Überseestadt: Dort feierte die Linke den Wahlabend. Die Partei wäre die erste Linke im Westen Deutschlands, die mitregieren könnte.
26.05.2019, 22:35
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Punktlandung mit Applaus
Von Nina Willborn

Soll ich’s wirklich machen oder lass’ ich’s lieber sein?“ „Jein“, der alte Hit von Fettes Brot untermalt die Unterhaltungen in der Generatorenhalle des BLG-Forums in der Überseestadt. Und anders als die norddeutschen Musiker hat sich die Bremer Linke mehrheitlich für ein „Ja“ entschieden in der Frage, ob sie mitregieren wollen, auch wenn dieses „Ja“ auch das ein oder andere „Aber“ enthält – das hört man an diesem Wahlabend sowohl von der Basis als auch von den Bürgerschaftsabgeordneten.

Zwölf Prozent sagt die ARD-Prognose den Linken als Ergebnis voraus, entsprechend lang ist der Applaus, als die ersten Zahlen um kurz nach 18 Uhr über die Leinwand flimmern. Der Bürgerschaftsabgeordnete Cindi Tuncel ballt beide Hände zu Siegerfäusten, im Hintergrund werden rote Fahnen hin und her geschwenkt. Zwölf Prozent, damit hätten die Linken eine Punktlandung hingelegt, denn dieser Wert war ihnen auch in den vergangenen Wochen in den meisten Umfragen vorhergesagt worden. In der Hochrechnung des Landeswahlleiters, die um 23 Uhr kommt, erreichen die Linken allerdings nur 10,4 Prozent – es bliebe trotzdem das beste Ergebnis der Bremer Partei nach den 9,5 Prozent bei der Bürgerschaftswahl 2015.

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Entsprechend gelöst und entspannt ist die Stimmung in der Generatorenhalle – vier Jahre zuvor war’s noch der kleine Magazinkeller im Schlachthof – unter den gut 150 Parteimitgliedern und ihren Gästen. Erleichterung und Freude ja, Euphorie eher nein, dafür hätte es, wie Landessprecherin Cornelia Barth erklärt, schon ein Ergebnis um die 15 Prozent sein müssen. Aber hier ist jeder zufrieden, und deshalb brandet auch über den Abend immer wieder Applaus auf, wenn es in der Radio-Bremen-Wahlsendung um die Linken geht. Applaus gibt es aber auch, als die Proteste vor dem AfD-Büro in Walle gezeigt werden. An ihnen beteiligen sich Linke, die gegenüber in einer Kneipe mit rund 50 Gästen feiern. Am dollsten und längsten aber klatschen die Linken, als um 21 Uhr endlich Fraktionschefin Kristina Vogt nach drei Stunden Interviews in der Bürgerschaft lächelnd und Arm in Arm mit Bundesparteichefin Katja Kipping die Generatorenhalle betritt. Fast ein bisschen verlegen steht Vogt dann am Rednerpult und blickt auf die anhaltend applaudierenden Parteimitglieder, in der Menge ruft jemand „Bürgermeisterin“. „Die Linken sind aus vollem Herzen meine Partei“, sagt Vogt.

Applaudiert wird schon um kurz nach 18 Uhr auch beim Schaubild, das zeigt, dass ein rot-rot-grünes Bündnis eine komfortablere Mehrheit hätte als eine Jamaika-Koalition aus CDU, Grünen und der FDP. Insofern ist aus Linken-Sicht auch die Wahl der Generatorenhalle als Partyort ein passendes Sinnbild: Die Partei wäre der Generator, der SPD und Grünen die Power liefert, mit der sie als neues Dreierbündnis weiterregieren könnten. Die Bremer Linken wären damit die Ersten, die in einem westdeutschen Bundesland mit an der Macht wären. Gesprächen werde man sich keinesfalls verschließen, das sagen alle Spitzenleute an diesem Abend. „Wir sind offen für eine Regierungsbildung“, erklärt der Bürgerschaftsabgeordnete Klaus-Rainer Rupp. „Aber wir sind mit klaren Zielen in den Wahlkampf gezogen. Wir werden sehen, inwieweit SPD und Grüne die Probleme der Stadt wirklich lösen wollen.“

Mitregieren ja, aber nicht um jeden Preis, so formuliert es auch Barth, die für die kommenden Tage eine Urlaubsreise geplant hatte, nun aber angesichts von möglichen Sondierungsgesprächen ihre Familie alleine losschickt. „Die linke Handschrift muss in einem Koalitionsvertrag erkennbar sein“, sagt sie. „Rote Linien“ hätte man jedoch im Vorfeld nicht gezogen, „es kommt auf den Beratungsprozess an“. Wichtige Themen, von denen die Linke ihr „Ja“ abhängig machen will, sind mehr Wohnungen, die sich auch Menschen mit geringen Einkommen leisten können, ein kostenfreier öffentlicher Nahverkehr und mehr Ausgaben für die benachteiligten Stadtteile.

Gerade dort, aber auch in bislang grün dominierten Stadtteilen wie dem Viertel hat sich die Linke mit ihrer realpolitischen Oppositionsarbeit den Respekt der Wähler erarbeitet. Das lobt auch Katja Kipping. „Leute, ihr habt toll gekämpft! Die Linke in Bremen ist eine Partei, die für alle da ist“, sagt sie unter dem Beifall der Partygäste. „Bremen ist ein kleines Bundesland, aber es gibt für alle die Orientierung vor. Bremen tickt links!“

Wir haben für Sie die Diskussion zur Bürgerschaftswahl 2019 unterhalb des Liveblogs gebündelt. Dort können Sie gerne kommentieren. Wir freuen uns über Ihren Beitrag unter www.weser-kurier.de/bremenwahl-liveblog

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