Pläne eines Nachhaltigkeitsforschers

Radikales Umdenken zur Planeten-Rettung gefordert

der Wirtschaftswissenschaftler und Nachhaltigkeitsforscher Professor Niko Paech sprach in der gut gefüllten Kulturkirche über „Fortschrittswahn und Wachstum: Lehren aus Fukushima“
10.04.2019, 13:10
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Radikales Umdenken zur Planeten-Rettung gefordert
Von Sigrid Schuer

Die Innovationsideologie, mit deren Hilfe sich immer mehr Wachstum und Wohlstand generieren lässt, ist gerade in Wahlkampfzeiten eines der Lieblingsthemen nahezu aller politischer Parteien. Bestes Beispiel: das digitale Klassenzimmer. Professor Niko Paech entzauberte jetzt in der bestens besuchten Kulturkirche St. Stephani in seinem Vortrag „Fortschrittswahn und Wachstum: Lehren aus Fukushima“ diese unreflektierte Fortschrittsgläubigkeit. Denn die blende unkalkulierbare Modernisierungsrisiken und Abhängigkeiten von nicht mehr beherrschbaren Technologien bewusst aus, so seine Überzeugung. Der Wirtschaftswissenschaftler und Nachhaltigkeitsforscher tourt mit wachsendem Erfolg quer durch die Republik und stößt mit seiner Botschaft zunehmend auf offene Ohren. Erst kürzlich war Niko Paech auf Einladung von Phanie Bluteau auch im Bremer Institut français zu Gast.

Kein Wunder, dass Lobbyisten versuchen, den Oldenburger Professor, der nun in Siegen lehrt, zu diskreditieren, ähnlich wie die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg. Denn seine Botschaft ist radikal. Sie lautet: Ohne Verzicht wird es nicht gehen, wenn es uns wirklich ernst damit ist, den Planeten zu retten. Und das bedeute: raus aus der eigenen Komfortzone der Hyper-Individualisierung und Änderung des klimaschädlichen Konsumverhaltens hin zu mehr Nachhaltigkeit. Paech appellierte mit Immanuel Kant, einem der Vordenker der Aufklärung: „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Die Erkenntnis, dass es in Sachen Klimawandel inzwischen schon kurz nach 12 ist, wie Diemut Meyer, leitende Pastorin an der Kulturkirche betonte, beschleicht zunehmend immer mehr Menschen. Der größte Klimakiller sei, so Paech, die skandalös billige Viel-Fliegerei, dicht gefolgt von dem exzessiv ausufernden Kreuzfahrt-Boom. 2,5 Tonnen CO2 dürfe jedes Individuum pro Jahr produzieren, damit die in Paris verabschiedeten Zwei-Grad-Klimaschutzziele eingehalten werden könnten – eine Überlebensfrage der Menschheit. Aktuell liegt die Bilanz jedes Deutschen aber bei zwölf Tonnen. Schon ein einziger Flug nach Neuseeland produziere pro Person 13 Tonnen CO2, erläuterte der Umweltökonom. „Mir ist kein Fall einer Depression bekannt, nur weil jemand nicht in die Karibik fliegen konnte“, so Niko Paech, der seine Erkenntnisse bei aller Ernsthaftigkeit ebenso eloquent wie charismatisch und humoristisch referierte. Bei einem Vortrag in Emden sei eine Frau aufgestanden und habe spontan gefordert: „Lasst uns einen Klub der Nichtflieger gründen!“ Auch mit dieser Art von Pioniergeist ließen sich Trends setzen.

Dass Tourismus durchaus auch anders gehen kann, hat Paech selbst vorgelebt: „Ich bin vier Mal in Island gewesen, und zwar ohne zu fliegen.“ Solch eine zugegebenermaßen zeitintensive Abenteuerreise sei unglaublich bereichernd und lehrreich. Dass das durchaus geht, hat auch Greta Thunberg vorgemacht, die vom Weltwirtschaftsforum in Davos in 32 Zugstunden nach Stockholm zurückfuhr. Sie ist vielleicht das beste Beispiel dafür, wie aus dem Engagement einer Einzelnen eine Graswurzelbewegung werden kann, die auch bei den Politikern Gehör findet. Die aber hätten vor dem Anspruchsdenken des Wahlvolkes regelrecht Angst, analysierte Paech. Das führe mitunter zu einem geradezu absurden Ablasshandel wie er etwa von den Grünen praktiziert werde, in dem zwischen guter und schlechter Energie unterschieden werde. Fazit: Regenerativ produzierte Energie könne bedenkenlos verbraucht werden, und wenn sie fair produzierten Kaffee und Limonade tränken, dann dürften die deutschen Reiseweltmeister auch weiterhin ungestraft um die Welt fliegen. Eine Politik, die laut Paech von Gewissensentlastung und kosmetisch-ökologischer Statussymbolik geprägt sei.

Die knappste aller Ressourcen, die Zeit, ließe sich hingegen ohne weiteres mit dem Verzicht auf immer neue technische Spielereien wieder hereinholen. In Oldenburg hat der Wachstumskritiker eine Vielzahl von Repair-Cafés auf den Weg gebracht. Nur eine von einer Vielzahl von Strategien, für die Postwachstums-Ökonomen wie Paech plädieren. Immerhin werden auch in Bremen Ideen wie Kooperativen und Gemeinschaftsgärtnern bereits seit langem praktiziert. Apropos Glücksversprechen: Die Glücksforschung habe nachgewiesen, dass exzessiver Konsum eher unglücklich mache. Stichwort Reizüberflutung und digitale Demenz. „Studien belegen, dass jeder Dritte in Europa akut gefährdet ist, psychisch abzustürzen“, sagte Paech. Das belegten die vielen Burn-out-Fälle.

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