Studenten untersuchen Verkehr Radler stören Passanten in der Obernstraße

Fühlen sich Passanten durch die Straßenbahn in der Fußgängerzone Obernstraße gestört? Die Recherche von Studenten der Hochschule Bremen hat hierzu ein deutliches Nein ergeben - ganz anders bei Radfahrern.
24.06.2016, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Radler stören Passanten in der Obernstraße
Von Ralf Michel

Fühlen sich Passanten durch die Straßenbahn in der Fußgängerzone Obernstraße gestört? Die Recherche von Studenten der Hochschule Bremen hat hierzu ein deutliches Nein ergeben - ganz anders bei Radfahrern.

Vor allem ältere Menschen fühlen sich von den rücksichtslosen Radlern gestört. Und auch das ergab die Untersuchung: Von Fußgängerzone könne bei der Obernstraße eigentlich gar nicht mehr gesprochen werden, fasst Carsten-W. Müller, Professor der angehenden Bauingenieure, das Ergebnis der Untersuchungen zusammen. „Denn außer Autos fährt dort regelmäßig so ziemlich alles durch.“

Ein Semester lang haben sich Studenten im Rahmen ihres Studien-Moduls „Städtebau und Verkehrswesen“ mit der Straßenbahn in der Obernstraße beschäftigt. „Mehr Gefahr als Nutzen? Gehören solche Verkehrsmittel in eine Fußgängerzone? Gibt es naheliegende Alternativen?“ waren dabei Leitfragen, ausgerichtet stets an den Zielen „Erhöhung der Verkehrssicherheit“ und „Steigerung der Attraktivität der Fußgängerzone“.

Dabei unterschieden die Studenten zwischen kleineren und größeren Maßnahmen zur Verbesserung der Situation. In letztere Kategorie fiele eine Verlegung der Straßenbahntrasse zwischen Domsheide und Brill auf die Martinistraße, aber auch so futuristisch anmutende – und nicht ganz ernst gemeinte – Lösungsvorschläge wie eine Seilbahn oder eine Schwebebahn in der Obernstraße.

Weitaus konkreter, weil mit vergleichsweise geringem Aufwand zu realisieren, sind eine Reihe von kleineren Maßnahmen: Bepflanzte Elemente entlang des Schienenstrangs, die auch als Sitzmöglichkeit dienen könnten, Überquerungsstellen, ein Blindenleitsystem oder die Installation einer Lichtspur entlang der Gleise. Ein fast künstlerisches Element, das nicht nur neu und ungewöhnlich wäre, sondern auch einen ganz praktischen Nutzen hätte, erklärt Müller mit Blick auf die „Generation Kopf runter“ – Handynutzer in Aktion, die den Blick starr nach unten gerichtet haben.

Insgesamt ist aus den Ergebnissen der Studenten zum einen eine Rückbesinnung auf klarer voneinander getrennte Bereiche herauszulesen. „Der Fußverkehr bewegt sich ohnehin mangels Attraktivität und wegen der Straßenbahn mehr am Rand fort“, erklärt Müller.

Zum anderen aber auch der dringende Bedarf, etwas gegen Radfahrer zu tun, die durch Regelmissachtungen auffallen. Begonnen mit dem Umstand, dass die Obernstraße als Fußgängerzone für Radler wie für den Lieferverkehr von 11 bis 20 Uhr gesperrt ist. Die Studenten empfehlen schärfere Kontrollen. Wohlbemerkt – für Radfahrer. Der Lieferverkehr fiel ebenso wenig durch Verstöße auf wie die Straßenbahnfahrer. Denen bescheinigen die Studenten aufmerksames Verhalten.

Die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) hat ohnehin keinerlei Probleme mit ihren Straßenbahnen in der Obernstraße. Im Gegenteil: „Wir sehen die Bahnen nicht als Gefahrenpotenzial, sondern als Bereicherung der Innenstadt“, erklärt Pressesprecher Andreas Holling. Die Bahnen würden für eine gute Erreichbarkeit der Innenstadt sorgen. „Egal ob Einheimische, Touristen, Kunden oder Geschäftsleute – wir bringen die Leute mitten in die Stadt.“ Und dies barrierefrei, so Holling mit Blick auf den Gedanken an eine Verlegung der Bahn in die Martinistraße.

Zum Thema Unfallgefahr verweist Holling auf die Statistik. „Wir haben da schlicht keine Unfälle. Schon seit Jahren nicht mehr.“ Aus Sicherheitsgründen gebe es daher keinerlei Handlungsbedarf. „Die Sicherheit ist vollständig gewährleistet“. Für den BSAG-Sprecher die Bestätigung dafür, „dass unsere Fahrerinnen und Fahrer dort sehr langsam und umsichtig unterwegs sind“.

Rechtlich gilt für die Straßenbahnen in der Obernstraße seit Januar 1981 eine Ausnahmegenehmigung von der in Fußgängerzonen eigentlich vorgeschriebenen Schrittgeschwindigkeit. Erlaubt sind maximal 30 Stundenkilometer. Auch vonseiten der Polizei gibt es in Sachen Unfallgefahr Entwarnung: In der Verkehrsunfallkommission seien die Straßenbahnen in der Obernstraße kein Thema.

Dass die Frage nach Schienenverkehr mitten in einer Fußgängerzone aber durchaus ihre Berechtigung hat, unterstreicht das Ergebnis einer Untersuchung zu den meistbesuchten Einkaufsmeilen Deutschlands. Das Immobilienberatungsunternehmens JLL hat die Frequenz von Passanten in 170 Einkaufsstraßen gezählt. Spitzenreiter dabei ist die Kölner Schildergasse mit durchschnittlich 16835 Besuchern pro Stunde, gefolgt von der Neuhauser Straße in München (14720) und der Zeil in Frankfurt (14250).
Die Bremer Obernstraße taucht mit durchschnittlich 7430 Besuchern pro Stunde auf Platz 17 dieser Tabelle auf, die Mönckebergstraße in Hamburg liegt auf Platz 7 (9715). Hannover ist mit der Georgstraße (12215) und der Bahnhofstraße (9585) auf den Plätzen sechs und acht gleich zweimal unter den Top 10 vertreten. Der Düsseldorfer Schadowstraße, die auf Platz fünf des Rankings liegt, widmen die Organisatoren der Zählung eine auch aus Bremer Sicht interessante Zusatzbemerkung: Die „nun vom Straßenbahnverkehr befreite“ Straße habe 2016 gegenüber dem Vorjahr deutlich zugelegt, von 10080 auf 12365 Besucher. Allerdings verzeichnet auch die Obernstraße mit ihrer Straßenbahn gegenüber 2015 einen Zuwachs um fast 2000 Besucher pro Stunde.
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