Erstes Konzert für 22. September geplant Raed Jazbeh gründet Exil-Orchester

Bremen. Millionen Syrier sind ins Ausland geflohen. Unter ihnen Künstler, die noch vor wenigen Jahren die lebendige und vielfältige Kulturszene ihres Landes mitgestaltet haben wie der in Aleppo geborene Musiker Raed Jazbeh.
10.08.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Britta Kluth

Millionen Syrier sind ins Ausland geflohen. Unter ihnen Künstler, die noch vor wenigen Jahren die lebendige und vielfältige Kulturszene ihres Landes mitgestaltet haben wie der in Aleppo geborene Musiker Raed Jazbeh. Der Kontrabassist hat in Bremen ein neues Zuhause gefunden – auch musikalisch.

Sein aktuelles Projekt ist die Gründung des Syrian Expat Philharmonic Orchestras, ein Zusammenschluss von syrischen Musikerinnen und Musikern, die in Europa Zuflucht gesucht haben. Unterstützt wird er vom Bremer Rat für Integration und der Kulturkirche St. Stephani. Das erste Konzert gemeinsam mit Mitgliedern des Bremer Jugendsinfonieorchesters soll es am 22. September im Bremer Sendesaal geben. Weitere Auftritte sind geplant.

Er habe Bremen sogleich ins Herz geschlossen, sagt Raed Jazbeh, der in Horn-Lehe wohnt. Die Menschen und ihre Stadt seien ihm von Anfang an sympathisch gewesen. Seit 2013 lebt und arbeitet er in Bremen. In Damaskus spielte er unter anderem – wie auch sein Bruder und seine Schwester – im Arab Youth Philharmonic Orchestra. Das erste panarabische Jugendorchester wurde 2006 gegründet und besteht aus rund 60 Musikerinnen und Musikern aus sieben arabischen Ländern.

„Als wir 2013 mit dem Orchester in Berlin ein Konzert gaben, nutzten mein Bruder, seine Frau, meine Schwester und ich die Gelegenheit, um in Deutschland zu bleiben“, erzählt Raed Jazbeh. Die in Syrien zurückgebliebenen Eltern seien zugleich froh und traurig gewesen. Froh darüber, die Kinder in Sicherheit zu wissen, traurig darüber, sich nicht mehr sehen zu können. Denn die Entscheidung, nicht nach Damaskus zurückzukehren, trafen die Geschwister erst in Deutschland. „Freunde in Berlin haben uns überzeugt, hier zu bleiben“, sagt Jazbeh. „Und wir waren nicht die einzigen Orchestermitglieder, die diesen Weg gewählt haben.“

Die Entscheidung, nach Bremen zu gehen, fiel dann umso leichter, weil eine Cousine der Geschwister in der Hansestadt lebt. Bereits zwei Mal, 2007 und 2011, sei er außerdem zuvor zu Konzerten in Bremen gewesen, sagt der Musiker. Zwar habe er die Stadt damals nur kurz kennenlernen können, aber was er gesehen hatte, habe ihm gefallen. Die Musik half ihm, sich zu Hause zu fühlen, baute Brücken. „Ich stamme aus einer Künstlerfamilie, habe mit neun angefangen, Klavier zu spielen und ein paar Jahre später auch Geige“, erzählt Raed Jazbeh. „Nach dem Abitur bin ich dann nach Damaskus gegangen, um an der Musikhochschule Kontrabass zu studieren. Musik erfüllt einfach mein Leben.“

In Bremen hat er seit seiner Ankunft eine ganze Reihe von Projekten erfolgreich ins Leben gerufen. 2013 hat er beispielsweise das „Camellia Ensemble“ gegründet. Die sechs aus Syrien stammenden Musiker haben bereits vor ihrer Flucht im Syrischen Philharmonischen Orchester in Damaskus zusammengespielt. Auch in Bremen haben sie für ihre Kombination aus traditioneller und zeitgenössischer Musik des Nahen Ostens und des arabischen Raumes schon viel Beifall erhalten.

Mit der Gründung des Syrian Expat Philharmonic Orchestras erfüllt sich Raed Jazbeh nun seinen Herzenswunsch. „Die meisten syrischen Musiker haben das Land verlassen. Der Krieg hat sie über ganz Europa verstreut“, sagt er. „Es ist schwer für uns, zusammenzukommen, um gemeinsam Konzerte zu geben. Dabei möchten wir den Menschen gerne eine andere Seite Syriens zeigen. Eine Seite, die nicht von Gewalt und Terror erzählt, sondern von Musik und Leben.“ Als er der Vorsitzenden des Bremer Rats für Integration, Libuse Cerna, von seiner Idee erzählte, war sie sofort begeistert und sagte ihm die Unterstützung des ehrenamtlichen Gremiums zu. Mit viel Engagement arbeitet Raed Jazbeh seitdem an der Entwicklung des Projekts.

Derzeit zählt das Orchester rund 25 syrische Musikerinnen und Musiker aus ganz Deutschland. Das Ziel ist, schon im nächsten Jahr mit einer 50-köpfigen Besetzung aufzutreten. „Anfahrtskosten, Übernachtung, Verpflegung, Leihgebühren für Instrumente und weitere Aufwendungen kosten viel Geld. Momentan fehlen uns noch die finanziellen Mittel, um Künstler aus ganz Europa zusammenzubringen,“ sagt Raed Jazbeh und freut sich dennoch: „Das Bremer Jugendsinfonieorchester wird uns dafür am 22. September unterstützen.“

Geplant hat der Kontrabassist ein Konzert mit zwei unterschiedlichen Schwerpunkten. Im ersten Teil stehen klassische Sinfonien vorwiegend von europäischen Komponisten wie Schumann, Beethoven oder Tschaikowski auf dem Programm. Der zweite Teil werde zeitgenössischen orientalischen Orchesterwerken gewidmet, da-runter beispielsweise Stücke von Maias Alyamani, Issa Boulos oder Salim Dada.

Damit das Projekt nun über Deutschland hinaus verwirklicht werden kann, werden noch weitere Spenden und Sponsoren gesucht. Kein Krieg der Welt könne Musik verstummen lassen, ist sich Raed Jazbeh sicher. Das Syrian Expat Philharmonic Or-chestra gebe seiner Heimat eine Stimme abseits der aktuellen Nachrichten. Denn kulturelle Identität lasse sich nicht vernichten, sie lebe weiter in den Herzen der Menschen.

Wer das Projekt unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende an Zuflucht tun. Sponsoren wenden sich an Jasmina Heritani vom Bremer Rat für Integration, E-Mail info@bremer-rat-fuer-integration.de. Infos zum Konzert stehen demnächst auf www.bremer-rat-fuer-integration.de.

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