Dossier

Rätselhafte Bienenwelt

Noch immer wütet die tödliche Bienenseuche Amerikanische Faulbrut in Bremen. Mehrere Völker sollen inzwischen vom Veterinäramt abgetötet worden sein. Überhaupt ist der Winter für Imker eine harte Zeit.
04.01.2020, 12:47
Lesedauer: 2 Min
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Von von Patricia Brandt
Rätselhafte Bienenwelt

In der kalten Jahreszeit bilden Bienen eine Traube und wärmen sich durch das Vibrieren ihrer Muskulatur gegenseitig.

Björn Hake

Es steht auf Messers Schneide. In Bremen grassiert die Amerikanische Faulbrut, eine tödliche Bienenseuche. Die Imker des Landes sind angehalten, Honigproben zu nehmen und zur Untersuchung ans Veterinäramt zu senden. Mit einem Löffel ziehe ich quer über eine Wabe. Sofort quillt Honig heraus. Den Honig gebe ich in eine Plastiktüte und schreibe meine Adresse darauf. Es ist die Adresse meines eigenen Bienenstands.

Seit rund einem Jahr nähere ich mich einer fremden und faszinierenden Welt: der Welt der Bienen. Und ich schreibe darüber. Ich werde nie behaupten können, dass ich zu meinen Bienen kam wie die Jungfrau zum Kinde. Zunächst habe ich mich bei einem einjährigen Imker-Lehrgang des Bremer Vereins 1875 eingeschrieben und mir erst dann zwei Bienenvölker angeschafft. Aber nun merke ich, dass das Abenteuer jetzt erst beginnt: Den Bienen und mir steht der erste Winter bevor. Die härteste Zeit.

Es sind nicht die Temperaturen, die den Bienen so zusetzen. In der kalten Jahreszeit bilden sie eine Traube und wärmen sich durch das Vibrieren ihrer Muskulatur gegenseitig. Die Königin sitzt in der Mitte. Sie hat nichts zu tun, das Brutgeschäft ruht im Winter.

Sogar in Sibirien könnten Bienen überleben, berichtet Thorsten Kluß, Mitarbeiter der Universität Bremen. Allerdings in speziellen Überwinterungshäusern. Der Blumenthaler kommt gerade aus Jakutsk, wo er mit Forschern und Imkern gesprochen hat. Natürlicherweise kommen Bienen im ewigen Eis nicht vor. Imker haben verschiedene Bienenarten dorthin gebracht, die Tiere durchlaufen eine Kälteanpassung. Die Bienen, die auch bei uns als drittwichtigstes Nutztier gelten, werden in Jakutsk vor allem als Wirtschaftsfaktor gesehen. Kluß: „Das ist Imkern unter extremen Bedingungen.“ Thorsten Kluß und seine Kolleginnen Carolin Johannsen und Diren Senger betreiben unter der Leitung von Kerstin Schill mit dem Projekt Bee Observer mehr als 150 Bienen-Messstationen in Deutschland und seit Kurzem auch zwei in Sibirien. Gemessen werden Temperatur, Gewicht und Luftfeuchtigkeit der Stöcke.

Am liebsten würde Kluß Bienen auf der ganzen Welt verkabeln: „Um das Insektensterben zu verstehen. Bisher weiß niemand genau, was da auf welche Weise zusammenwirkt.“ Er spricht von Klimaveränderungen, Pestiziden und Nahrungsknappheit. Um herauszufinden, welches Ausmaß das Insektensterben hat und in Zukunft haben wird, seien weitere Daten notwendig.

Seit 2006 ist das Phänomen Bienensterben in den USA und Europa bekannt. Honigbienen werden anders als Wildbienen nicht aussterben, solange es Imker gibt, die sich um sie kümmern. Trotzdem starb im Winter 2018/19 in Deutschland jedes siebte Honigbienenvolk. Das teilte das Fachzentrum Bienen und Imkerei in Mayen, Rheinland-Pfalz, im Frühjahr mit. Der Wert der verlorenen Völker lag demnach bei bis zu 25 Millionen Euro. Als Hauptgrund für das Bienensterben gilt Parasitenbefall. Geht ein Bienenstock mit einem zu hohen Milbenbefall in den Winter, sei er dem Tod geweiht, heißt es auch bei den Bremer Imkern. Deshalb lernen wir Anfänger im Herbst im Grundlehrgang, die Völker mit Oxalsäure zu behandeln, einem ätzenden Mittel, das auch die Bienen angreift.

„Man muss als Imker ein kleiner Bienendoktor sein“, sagt Referent Marcus Bräunlich, während wir das Mittel auf die Waben spritzen. Neben Futtermangel schwächten auch Viren die Völker. Und die Amerikanische Faulbrut. Es ist kompliziert, kranke Völker zu retten. In Bremen mussten nach Informationen unserer Zeitung mehrere Völker abgetötet werden. Das Gesundheitsressort nimmt dazu auf Anfrage derzeit keine Stellung.

Thorsten Kluß und sein Team haben auch eines meiner Völker verkabelt. Doch die Datenübertragung funktioniert noch nicht, und so erlebe ich kurz vor dem Jahreswechsel eine böse Überraschung.

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