Kämpfer gegen das Vergessen

Antifaschist und Ortspolitiker Raimund Gaebelein gestorben

45 Jahre lang hat sich Raimund Gaebelein bei der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten engagiert und war seit 2003 im Beirat aktiv. Nun ist er überraschend gestorben.
01.07.2020, 05:00
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Antifaschist und Ortspolitiker Raimund Gaebelein gestorben
Von Anne Gerling
Antifaschist und Ortspolitiker Raimund Gaebelein gestorben

Seit 2003 arbeitete Raimund Gaebelein im Gröpelinger Beirat mit.

Roland Scheitz

Viele Jahre hat er Interessierte dazu eingeladen, sich mit ihm auf die Spuren jüdischen Lebens in Bremen zu begeben. Er klärte seine Zuhörer über den Faschismus und dessen Ursachen auf, knüpfte und pflegte freundschaftliche Kontakte zu ehemaligen Zwangsarbeitern und deren Familien und setzte sich unermüdlich dafür ein, die Erinnerung an NS-Opfer und Widerstandskämpfer lebendig zu halten.

Von jetzt an müssen Stolpersteine ohne ihn verlegt, Mahnwachen ohne ihn abgehalten, muss der Protest ohne ihn auf die Straße gebracht werden. Raimund Gaebelein, langjähriger Bremer Landesvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) und stellvertretender Gröpelinger Beiratssprecher (Die Linke), ist am vergangenen Sonntag überraschend gestorben.

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Gaebelein wurde am 10. Oktober 1947 in Marburg an der Lahn geboren. Als er im Mai 1967 das Abitur machte, polarisierte gerade der Vietnamkrieg auch die deutsche Gesellschaft, und die kurz zuvor gegründete rechtsextreme NPD zog in mehrere Landtage ein. In diesem Klima entschied sich Gaebelein, Geschichte, Politik und Philosophie auf Lehramt zu studieren.

Verdecktes Berufsverbot

Schon als Student organisierte er sich gewerkschaftlich. Das zweite Staatsexamen 1977 führte ihn allerdings nicht in den Schuldienst: Gaebelein wurde offenbar auf einer „Schwarzen Liste“ des Verfassungsschutzes geführt und durch ein verdecktes Berufsverbot vom Schuldienst ausgeschlossen. So unterrichtete er fortan bei Wohlfahrtsverbänden und Beschäftigungsträgern oder auch in Sprachschulen. 14 Monate lang leitete er in den Jahren 1977/78 im Rahmen eines freiwilligen Sozialdienstes im nordirischen Derry ein Obdachlosenasyl, und nach seiner Rückkehr arbeitete er bis 1983 als Lehrer und Sozialbetreuer für geflüchtete Menschen in der Wohnungshilfe.

Er war in der Beratungsstelle für Menschen ohne festen Wohnsitz und als Geschäftsführer des Vereins türkischer Arbeitnehmer tätig. Nach einer Umschulung zum Lernprogrammentwickler begleitete er Deutschkurse für Aussiedler, war Sozialbetreuer bei den Arbeits- und Jugendwerkstätten, unterrichtete beim Verein Bras und gab Deutschkurse – auch nachdem er 2007 in Rente gegangen war.

Als Referendar zur VVN

Als Referendar war Gaebelein der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes beigetreten. Er engagierte sich seit 1979 im Bremer VVN-Landesvorstand, dessen Vorsitzender er seit dem Jahr 1994 war. Gaebelein baute die Zeitzeugengruppe „Kinder des Krieges“ auf, die regelmäßig in Schulen ging. Engagiert begleitete er das Stolperstein-Projekt des Künstlers Gunter Demnig und dokumentierte die Biografien früherer Zwangsarbeiter und KZ-Überlebender, mit denen oder mit deren Angehörigen er Freundschaft schloss. Und er setzte sich für eine würdige Erinnerung an die Häftlinge der Bremer Außenlager des KZ Neuengamme ein.

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Unermüdlich war der Gröpelinger auch für den VVN-Bundesverband aktiv und blieb trotz der Abgründe, in die er dabei immer wieder blickte, stets freundlich, zuversichtlich und bescheiden. Aber wachsam und entschlossen: Wo auch immer ihm Missstände auffielen, machte Gaebelein sie öffentlich.

Vier Tage vor seinem Tod hatte er noch in der Sitzung des Gröpelinger Beirats angesichts des gewaltsamen Todes von George Floyd in den USA und der auch in Deutschland geführten Rassismus-Debatte seine Zuhörer gemahnt, für Menschenrechte einzutreten: „Wir werden noch einen langen Weg der Aufarbeitung unserer Geschichte vor uns haben. Sie ist aber Voraussetzung, um die Hintergründe für die strukturelle Gewalt gegen Minderheiten zu erkennen und dagegen gewappnet zu sein, sie immer aufs Neue zu wiederholen.“

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