Geschäftsmann Rainer Gramke im Porträt Mit Schirm und Charme

Der 81-jährige Rainer Gramke ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Schirm Oertel ist in Bremen, aber auch in der Welt bekannt, denn Gramke verkauft seine Ware an das Bundeskanzleramt oder das Weiße Haus.
16.12.2020, 11:15
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Mit Schirm und Charme
Von Patricia Friedek

Wenn der Regen auf das gespannte Dach trommelt und er geschützt unter seinem Schirm stehen kann, fühlt sich Rainer Gramke am wohlsten. Das glaubt man ihm sofort, denn seine Augen leuchten, ja sein ganzes Gesicht strahlt, wenn er davon erzählt. „Das ist wie beim Camping, wenn man in einem Zelt schläft und es draußen regnet. Einfach ein wunderbares Geräusch“, sagt er. Welcher Beruf könnte besser zu so jemandem passen, als der eines Schirmhändlers?

Mode ist für ihn ein Thema, das ist bei Gramkes Kleidungsstil schwer zu übersehen. Adrett trägt er ein kariertes Hemd unter seinem Pullover und selbst in der Wohnung hat er Schnürschuhe von Lloyd an. „Leute, die sich um einen guten Schirm kümmern, die kümmern sich auch um ihre Schuhe“, das sei ein Satz, den Gramke fast immer für wahr befunden habe.

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Regenschirme sind für ihn daher genauso Accessoire wie Mittel zum Zweck. Die Qualität sei ihm sehr wichtig, seine Schirme könnten sich bei Wind gar nicht überschlagen, sagt der gebürtige Hamburger. Und wenn er an dem Stoff zurrt und am Gestell rüttelt, kann das seinen wertvollen Stücken nichts anhaben. Meist liegt der Preis um 200 Euro herum; ein Schirm mit Griff aus Sterlingsilber kann auch mehr als 800 Euro kosten.

„Ich habe mit Schirmen erstmal gar nichts zu tun gehabt“, sagt Gramke, der seit 1984 gemeinsam mit seiner Frau Dorrit das Schirmgeschäft Schirm Oertel betreibt. Nach der Schule machte Gramke eine Ausbildung in der Herrenabteilung bei Karstadt, war Abteilungsleiter in Essen, Düsseldorf oder Hannover. Schon damals zeichnete sich ab, was später ein großer Teil von Gramkes Leben werden sollte: Er kam viel herum. Über einen Freund seines Stiefvaters ging es für ihn 1967 zur größten Schirmfabrik Deutschlands, die später zur größten Produktionsstätte der Welt wurde.

Internationalität und Hochwertigkeit

Bis 2007 gab es das Ladengeschäft von Schirm Oertel in Bremen, erst in der Obernstraße, später in der Sögestraße. Doch als der Mietvertrag auslief, entschied sich das Ehepaar, ihre Produkte nur noch online zu verkaufen. Produziert werden die Schirme in Italien. Heute sagt Gramke: „Das war das Beste, was wir tun konnten.“ So setzte Schirm Oertel nach eigenen Angaben auf Internationalität und auf Hochwertigkeit, kooperierte mit Designermarken wie Armani oder Hugo Boss.

Rainer Gramke hält einen durchweg schwarzen Schirm hoch, am Griff findet sich ein kleiner Bremer Schlüssel in Silber, dazu die Aufschrift „Schirm Oertel“. „Davon hat Barack Obama vier Stück gekauft, sogar mit seiner privaten Kreditkarte“, erzählt Gramke mit ein wenig Stolz in der Stimme. Aber dass Schirm Oertel Prominenz in der ganzen Welt zur Kundschaft zählt, ist für den 81-Jährigen gewöhnlich. Der Papst, die Bundeskanzlerin, der Bundespräsident oder die Königin der Niederlande gehören zu seinen Kunden. Besonders im kalifornischen San Diego seien die Schirme beliebt. „Warum, ist uns immer noch ein Rätsel.”

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Schirm Oertel mit der Internetseite www.regenschirme.de gab es bereits, bevor die Suchmaschine Google existierte. Gramkes Sohn richtete sie damals ein. „Ich kann mich noch erinnern, als wir vor dem Computer saßen und gewartet haben, bis die Internetadressen vergeben wurden“, erzählt Rainer Gramke. Der Computer steht immer noch im Büro: ein uralter Apple-PC, in den man noch Disketten einführte. Für Elektronik kann Gramke sich begeistern, für seine Enkel baut er elektrische Eisenbahnen.

Obwohl Gramke über Telefon und E-Mail noch immer sehr engen Kontakt zu seinen Kunden hat, fehle ihm das persönliche Gespräch im Geschäft. „Wir haben jeden Kunden bedient, jeden Kunden zur Tür gebracht – selbst, wenn der Laden voll war.” Wenn ein Käufer sein Portemonnaie offen im Geschäft liegen ließ, habe man ihm gesagt, er möge es in seine Tasche stecken und den Reißverschluss zumachen.

Verkäufer und Designer

Aber Gramke war und ist nicht nur Verkäufer seiner Schirme, er designt sie auch. Mit Kollektionen und Stoffen hatte er sich schon Jahre, bevor er das Geschäft mit seiner Frau übernahm, auseinandergesetzt. Manchmal, erinnert sich der 81-Jährige, hat er so sehr an seinen Stücken gehangen, dass sogar die Kunden gefragt hätten: „Sie wollen ihn gar nicht verkaufen, nicht wahr?“

Auch jetzt sagten Kunden zu ihm am Telefon: „Man merkt richtig, wie Sie Ihre Ware lieben.“ Fragt man Gramke nach den Designs, die er bevorzugt, sagt er, das Design sei ihm nicht so wichtig. Viel mehr die Farben: orange, Blautöne, olivgrün. Zu Gramkes liebsten Schirmen gehört ein bunt gestreifter, den er für Armani gemacht hat.

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Der Schirmständer im Flur des Hauses Gramke ist voll, wie sollte es auch anders sein? Langschirme und Taschenschirme, aber auch Spazierstöcke quillen aus dem Ständer. Rainer Gramke holt ein Exemplar aus Bambus heraus, es ist federleicht. Natürlich benutzt er den Schirm nicht, um sich darauf abzustützen, sondern er trägt ihn als Modeaccessoire. Taschenschirme verwendet er nie.

Wassersport und Reisen

Die Leidenschaft zum Wasser lebt Gramke nicht nur unter den Regenschirmen aus, sondern auch auf seinem Boot. Wassersport sei immer sein großes Hobby gewesen, erzählt er, genau wie das Reisen. Obwohl Gramke ständig in der Welt unterwegs ist, fährt er mit seiner Familie gerne weg von zu Hause, „manchmal ohne zu wissen, wohin es geht."

Die meisten Menschen in Gramkes Alter sind bereits im Ruhestand. Auch er habe darüber nachgedacht, spätestens mit 50 aufzuhören und ein Jahr mit dem Boot um Europa herum zu fahren. Wenn man ihn jetzt fragt, wie lange er das noch machen will, zuckt Gramke mit den Schultern. „Seit meine Frau und ich Anfang 60 waren, ist Aufhören nie eine Frage gewesen.“

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