Landesvorstandssprecher der Bremer Grünen

Ralph Saxe tritt zurück

Ralph Saxe, Sprecher des Landesvorstands der Bremer Grünen, tritt zurück. Es sei "kein guter, aber ein richtiger Zeitpunkt", sagt er.
27.08.2018, 09:58
Lesedauer: 4 Min
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Von Nina Willborn

Es gibt Momente, meist sind sie nicht schön, in denen man auf sein Leben schaut und merkt: So geht es nicht weiter, ich muss die Mischung aus Arbeit, Privatleben und sonstigem Alltag verändern, ich muss andere Prioritäten setzen. Auch Ralph Saxe steckt in so einer Lebenssituation. Er hat deshalb vor einer Woche für sich eine Entscheidung getroffen und sie am Montag in einer E-Mail öffentlich gemacht. Der Grünen-Politiker gibt seinen Posten als Parteivorstand auf.

Es sind für einen Politiker sehr offene Worte, mit denen Saxe seinen Rückzug aus dem Führungsgremium der Grünen begründet. Der 59-Jährige schreibt: „Durch eine anstehende Scheidung ist für mich ein enormer zusätzlicher Druck entstanden. Es gilt jetzt, sorgfältig und achtsam zu ordnen.“ Und weiter: „Meine tollen Kinder brauchen meine empathische Zuwendung, damit sie in dieser Situation stark bleiben.“

Seit Ende 2013 war der in Bremerhaven geborene Saxe Teil der Bremer Grünen-Doppelspitze, zuerst mit Henrike Müller, ab 2016 mit Kai Wargalla und seit Dezember 2017 mit Alexandra Werwath. „Eine respektable Zeit“, sagt Saxe. Als Abgeordneter der Bürgerschaft ist er unter anderem Sprecher der Fraktion für Verkehr und darüber hinaus ehrenamtlich als Vorsitzender der Vereine „Der Elefant“ und „Autofreier Stadtraum“ unterwegs. Hinzu kommt sein Weinhandel mit zwei Filialen in Bremen und Hamburg und Großhandel – das ist zusammengenommen nicht wenig, um es zusammen mit vier Kindern in einem normalen Leben unterzubringen. Ralph Saxe ist, so sagt es nicht nur seine Vorstandskollegin Werwath, ein „Vollblutpolitiker“, vor allem, wenn es um originäre Themen der Grünen wie Umwelt und neue Wege der Verkehrspolitik geht. Entsprechend „schmerzt mich die Entscheidung auch“, sagt Saxe. „In der Politik steckt mein Herzblut und es tut weh, dass ich im Moment für sie nicht die Power aufbringen kann, die die Leute erwarten. Aber ich kann in der Rolle so nicht weitermachen.“

Weiter Politik machen für die Grünen will Saxe schon, nur eben künftig als normaler Abgeordneter – wobei der Verzicht auf den Vorstand eben womöglich auch die Aufgabe seines eigentlich sicheren Listenplatzes für die Bürgerschaftswahl im Mai 2019 bedeutet.

Den Zeitpunkt seiner Entscheidung nennt Saxe „nicht gut, aber richtig“. Und er weiß, dass er auch Fragen aufwirft. Vor allem die nach einem Zusammenhang zu dem Hickhack, das es zuletzt innerhalb der Partei um die Spitzenkandidatur gegeben hatte. Der Vorstand war Mitte April damit vorgeprescht, mit Finanzsenatorin Karoline Linnert, Sozialsenatorin Anja Stahmann und der Fraktionsvorsitzdenden Maike Schaefer an der Spitze anzutreten. Die Landesmitgliederversammlung wollte sich im Juni auf diese Festlegung allerdings nicht einlassen, es gab viel Kritik am Vorgehen des Vorstands. Stattdessen läuft nun bis zum 16. September eine Urwahl, bei der die etwa 720 Parteimitglieder per Brief für Linnert oder Schäfer stimmen können, Stahmann war nicht angetreten.

„Die Urwahl hat keine Rolle in meiner Entscheidungsfindung gespielt, wirklich null Komma null Prozent“, sagt Saxe und verweist zur Bekräftigung auf den Zeitpunkt. „Ich hätte ja dann direkt nach der Landesmitgliederversammlung zurücktreten müssen und nicht zwei Monate danach.“ Hört man sich innerhalb der Grünen um, bekommt man Saxes Argumentation bestätigt. Bildungsexperte Matthias Güldner etwa, einer der Gegner des Vorstandsplans mit der Dreierspitze, sagt: „Es ist kein leichter Schritt, über private Themen zu sprechen. Ich finde die Erklärung von Ralph Saxe glaubhaft, so etwas würde man nicht vorschieben.“

Schwierig bleibt der Zeitpunkt trotzdem, weil die Grünen jetzt nicht nur ihre Top-Kandidatin suchen, sondern auch einen neuen Parteivorsitzenden. Dem oder der Neuen bleibt wenig Zeit zur Einarbeitung, erst der Wahlkampf und danach mögliche Koalitionsverhandlungen bedeuten viel Arbeit. Hermann Kuhn, zuletzt im Dezember bei der Vorstandswahl Herausforderer von Saxe und knapp unterlegen, wäre möglicherweise ein Kandidat. „Ich denke darüber nach“, sagte der 73-Jährige. Bis er sich sicher sei, ob er antrete, würden aber noch ein oder zwei Tage vergehen. „Die Frage ist ja auch immer, was das Beste für den Landesverband ist.“

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Darüber werden auch Saxe und Alexandra Werwath zuletzt öfter gesprochen haben – der Politiker hatte bei seinen Überlegungen auch seine junge Kollegin mit ins Vertrauen gezogen. „Als Kind einer alleinerziehenden Mutter weiß ich, wie wichtig es sein kann, dass Eltern in solchen Situationen da sind und Verantwortung übernehmen“, sagt Werwath. „Ich habe viel Respekt und Sympathie für seine Entscheidung, die uns in der Partei aber wehtut. Wir wünschen ihm Kraft.“

Das Prozedere wird voraussichtlich nun so aussehen, dass auf der nächsten Mitgliederversammlung am 14. September Saxes Nachfolger gewählt wird. Eigentlich war sie für die Vorbereitung auf die Europawahl gedacht, nun soll sie thematisch erweitert werden.

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