Bremer Lehrerverband fordert Vorgaben

Ramadan: Wenn Kinder fasten

Was tun, wenn Schüler im Ramadan fasten? Die Bremer Bildungsbehörde lässt den Pädagogen dabei weitgehend freie Hand. Das stößt nicht bei allen Lehrern auf Zustimmung.
22.06.2017, 15:21
Lesedauer: 4 Min
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Von Elke Hoesmann
Ramadan: Wenn Kinder fasten

Muslimische Kinder begehen den Ramadan auf der ganzen Welt, wie hier auf dem Bild im Gazastreifen.

APA

Am Sonnabend ist erst einmal Schluss mit Fasten, dann beenden gläubige Muslime den Ramadan. Wer bei der Bildungsbehörde nachfragt, hört wenig über eventuelle Konflikte an Schulen im Umgang mit fastenden Kindern und Jugendlichen. „Ramadan wird von Bremer Schulen nicht als Problem wahrgenommen“, sagt Sprecherin Annette Kemp.

Die Behörde hat nur unverbindliche Leitlinien formuliert. Sie überlässt es weitgehend den Schulen, wie sie mit Fastenden umgehen. Heiko Frerichs gefällt das nicht. „Muss man als Lehrer alles selbst herausfinden?“, fragt der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Er wünscht sich klare Vorgaben.

Fasten in der fünften Klasse

Frerichs unterrichtet in der Sekundarstufe 1 und sieht im Ramadan immer wieder muslimische Schüler, „die nicht gut zuwege sind“, wie er berichtet. Sie hätten Bauchschmerzen, könnten sich schlecht konzentrieren, einige blieben zu Hause. Das Fasten beginne an seiner Schule schon in der fünften Klasse, sagt der Pädagoge. Der Ramadan ist auch für ihn eine schwierige Zeit.

Er wisse um dessen hohe Bedeutung für Muslime, der Fastenmonat sei ja ein Grundpfeiler des Islam, und Kinder und Jugendliche müssten am religiösen Leben ihrer Familien teilhaben können. Aber Lehrer hätten auch eine Fürsorgepflicht ihren Schülern gegenüber. „Wir haben die Torte im Auge“, sagt Frerichs. Sie müssten entscheiden, ob sie erschöpfte Schüler nach Hause schickten, vom Sportfest befreiten, die Eltern verständigten.

Auch Grundschüler haben in Bremen gefastet, obwohl der Islam sie davon vor der Pubertät entbindet. In den meisten Fällen sei das jedoch kein regelmäßiger Verzicht auf Essen und Trinken, erzählt die Lehrerin einer Grundschule im Bremer Osten. „Und wenn wir sehen, dass es Schülern schlecht geht, dringen wir darauf, dass sie nur am Wochenende fasten.“ Die Kinder erhielten dann einen Brief an ihre Eltern.

Viele Kinder überfordern sich

„Je jünger ein Kind ist, desto problematischer ist Fasten“, warnt Stefan Trapp, Landesvorsitzender der Kinder- und Jugendärzte in Bremen. Wenn Ramadan wie diesmal in die warme Jahreszeit fällt, seien Kinder, die tagsüber nichts trinken, besonders gefährdet. Aber auch Trapp weiß nur von wenigen fastenden Grundschülern. „Mit denen muss man reden, die überfordern sich.“

Der Bundesverband der Kinderärzte hat dieses Jahr erneut an muslimische Eltern appelliert, sie mögen doch auf ausreichendes Trinken bei ihren Kindern zu achten. Präsident Thomas Fischbach kritisierte öffentlich, Kinder würden vom muslimischen Umfeld ermutigt, so viele Tage zu fasten, wie sie könnten. Zudem kämen viele übermüdet in die Schulen, weil sie nach Sonnenuntergang mit der Familie aufwendig gegessen hätten. „Wir raten vom Ramadan-Fasten für Kinder ab“, so Fischbach.

Ramadan und Schule sind durchaus vereinbar, versichert die Schura – Islamische Religionsgemeinschaft Bremen. Haben Schüler gesundheitliche Probleme, stehen sie vor Prüfungen oder Sportwettkämpfen, könnten sie das Fasten unterbrechen und später nachholen, erklärt ein Sprecher des Dachverbands. Die Religion erlaube dies, eine allgemeine Befreiung der Schüler vom Fasten sei nicht nötig. Und vor der Pubertät müsse ohnehin kein Muslim fasten.

Fasten bis mittags

In „Einzelfällen“ wollten auch Grundschüler nichts essen und trinken, räumt der Schura-Sprecher ein. Das machten die Kinder aber meist aus eigenem Antrieb, weil sie sich erwachsen fühlen möchten. Um den Kindern „eine Freude zu bereiten“, aber auch, um sie auf ihre Pflicht nach der Pubertät einzustimmen, komme es vor, dass Eltern ihnen das Fasten bis mittags erlaubten.

Sabine Jacobsen leitet eine Oberschule im Bremer Westen. 60 bis 70 Prozent ihrer Schüler seien Muslime, sagt sie. Ab Klasse 8 fingen die Jugendlichen mit dem Fasten an. „Das fällt nicht weiter auf, wir wissen, damit umzugehen.“ Ihr ist wichtig, dass Pädagogen „nicht unwirsch“ reagierten, sondern Respekt und Verständnis für die Fastenden zeigten.

Vorgaben der Behörde seien nicht nötig. „Wir haben hier keine Konflikte.“ Es komme auch vor, dass Schüler das Fasten unterbrechen, wenn wichtige Termine anstehen. Die Schulleiterin ist überzeugt, dass viele Jugendliche aus freien Stücken auf Essen und Trinken verzichten. Die Eltern wüssten davon oft nichts – das sei eine „Profilierungsgeschichte“ unter Schülern.

Neue „Handreichung“ zu religiösen Fragen

Wie die Lehrergewerkschaft GEW sagt auch Behördensprecherin Kemp, dass sich der Umgang mit fastenden Schülern in Bremen normalisiert habe. Fasten werde akzeptiert, an Prüfungen und am Sportunterricht müssten die Jugendlichen aber teilnehmen, von Klassenarbeiten würden sie auch nicht befreit. Kemp hat eine neue „Handreichung“ zu religiösen Fragen in der Schule angekündigt: Das Landesinstitut für Schule bringt eine rund 20 Jahre alte Informationsschrift für Pädagogen auf den neuesten Stand. In etwa zwei Wochen soll sie vorliegen – wenn der Ramadan vorbei ist.

Unklar ist, welches Ausmaß das Fasten von Kindern und Jugendlichen in Bremen hat. Belastbare Zahlen gibt es nicht. Ebenso wenig weiß man, ob ihre Zahl zugenommen hat, etwa wegen der Zuwanderung muslimischer Flüchtlinge. Während die Bildungsbehörde davon ausgeht, dass die Zahlen nicht gestiegen sind, glaubt VBE-Sprecher Frerichs, an den Schulen werde heute mehr gefastet als noch vor einigen Jahren. Und das habe weniger mit den Geflüchteten zu tun als vielmehr mit einem „Trend von Muslimen zum religiösen Leben“. Es mag sein, sagt Frerichs, dass fastende Kinder es den Eltern gleichtun wollten, ohne dass diese das billigten. Aber seines Wissens stehe ein Teil der Eltern auch dahinter.

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