Randale nach der Relegation

Bremer Innensenator übt scharfe Kritik an Werder-Fans

Nach dem gewonnenen Relegationsspiel zwischen Werder Bremen und dem FC Heidenheim kam es im Viertel zu Auseinandersetzungen zwischen Feierenden und der Polizei. Innensenator Ulrich Mäurer übt Kritik.
08.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christoph Sonnenberg und Nina Willborn
Bremer Innensenator übt scharfe Kritik an Werder-Fans

Fans feiern im Viertel den Klassenerhalt von Werder Bremen. Dann kommt es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Sina Schuldt /dpa

An der Randale im Viertel rund um Werders Relegationsrückspiel gegen Heidenheim hat Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) scharfe Kritik geübt. „Kein noch so knappes Fußballergebnis rechtfertigt, dass alle Bedenken in Sache Corona so hemmungslos über Bord geworfen und zudem Polizeibeamte ohne Skrupel attackiert werden“, sagte Mäurer dem WESER-KURIER. Er lobte die Strategie der Beamten, zunächst auf Dialogbereitschaft gesetzt zu haben. „Wenn es aber zu Gewalt kommt und zu Pyrotechnik und Flaschenwürfen, muss die Polizei eingreifen. Wir können unserer Linie nur so lange treu bleiben, wie keine Straftaten passieren. Dann muss gehandelt werden.“

Die spontanen Feierlichkeiten des Klassenerhalts von Werder waren in der Nacht zu Dienstag eskaliert. Rund um die Sielwallkreuzung versammelten sich nach dem Spiel nach Polizeiangaben etwa 700 Menschen, um die erfolgreiche Relegation zu bejubeln. Die anfangs positive und friedliche Stimmung kippte laut Polizei gegen Mitternacht. Die Einsatzkräfte wurden mit Flaschen und Knallkörpern beworfen, als sie ein Fußballspiel auf der Kreuzung beenden wollten. Mehrfach wurde Pyrotechnik gezündet. Die Einhaltung des Mindestabstands, zu der per Lautsprecherdurchsagen aufgerufen wurde, wurde missachtet. Laut Polizei versuchten einige der Feiernden, eine Polizeikette zu durchbrechen. Die Beamten setzten Reizgas ein.

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Als Grund für die Randale nach dem Spiel zum Klassenerhalt gibt die Polizei in einer Stellungnahme „eine Kombination von großer Menschenmenge, übermäßigem Alkoholkonsum zu einer mit fortschreitender Zeit immer mehr enthemmten Stimmung und einer damit einhergehenden Gruppendynamik“ an. Je später der Abend, desto betrunkener seien die Randalierer gewesen. „Die Maßnahme der taktischen Kommunikation, die vorher noch zu teilweisen Erfolgen geführt hatte, traf bei alkoholisierten Personen auf keine Resonanz“, teilte die Polizei mit.

Es kam zu Strafanzeigen, die Polizei erteilte außerdem Platzverweise. Gegen wie viele Menschen ermittelt wird, gab die Polizei noch nicht bekannt, die Ermittlungen laufen. Die Beamten seien dabei, die Aufnahmen von Überwachungskameras auszuwerten, sagte Polizeisprecherin Franka Haedke auf Nachfrage: „Es ist möglich, dass wir so noch zusätzliche Tatverdächtige ermitteln. Es wird aber noch dauern, bis die Auswertungen abgeschlossen sind.“

Festnahmen wegen Körperverletzung oder Landfriedensbruchs

In der Nacht zum Dienstag hatten die Beamten sieben Personen vorläufig fest- oder in Gewahrsam genommen und Strafanzeigen gestellt. Deren Anzahl liege im zweistelligen Bereich – es gab Festnahmen unter anderem wegen Körperverletzung, Landfriedensbruchs, Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte und des Versuchs, Festgenommene zu befreien. Verletzt wurden mindestens ein Passant, der von einer Flasche am Kopf getroffen und im Krankenhaus behandelt wurde, sowie ein Polizeibeamter. „Der Kollege konnte seinen Dienst aber noch beenden“, sagte Franka Haedke.

Die große Anzahl von Fans, die in Bremen auf jegliche Abstandsregeln verzichteten, rückt den Fußball wieder in den Fokus der ­Behörden. Innensenator Mäurer war vor dem Wiederbeginn der Bundesliga Mitte Mai ein Kritiker der Geisterspiele. Er befürchtete, dass sich trotz Versammlungsverbots massenhaft Menschen rund um die Stadien einfinden würden.

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Einen Polizeieinsatz, um Menschenmengen aufzulösen, schloss Ulrich Mäurer damals aus: „Ich werde nie und nimmer Hunderte von Polizeikräften in einen solchen Einsatz schicken und die Gesundheit meiner Mitarbeiter gefährden, nur um eine Demonstration von Fans aufzulösen.“

Kein Zusammenhang zwischen Vorfällen im Viertel und in Heidenheim

Genau das ist jetzt passiert. Einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen im Viertel und dem Werder-Spiel in Heidenheim sieht Mäurer nicht. Sie seien anders zu bewerten: „Sie sind eine Fortsetzung dessen, was wir schon seit mehreren Wochen beobachten: eine sorglose, bierselige Stimmung, eine mit steigendem Alkoholkonsum zunehmende Unbelehrbarkeit und Aggressivität und damit einhergehend massive Verstöße gegen die Corona-Verordnung.“

Die Entscheidung für Geisterspiele sieht der Innensenator hingegen positiv: „Es war richtig, die Spiele ohne Zuschauerinnen und ­Zuschauer stattfinden zu lassen. Die Gefahr einer Ausbreitung des Virus war einfach zu hoch.“ Eine Prognose, ob kommende Saison, die Mitte September starten soll, wieder ­Zuschauer ins Stadion gelassen werden können, hält er für verfrüht: „Die Entwicklung dieser Pandemie ist nicht berechenbar. Die Lage kann sich von heute auf morgen ver­ändern. Schon jetzt so weit nach vorne zu schauen und Entscheidungen zu treffen, wäre zu spekulativ.“

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