Rot-Grün bringt Bauplanung auf den Weg

Rangeln um die Rennbahn

Die Baudeputation hat gegen den Willen von Opposition und Beirat für den Wohnungsbau auf der Galopprennbahn gestimmt. Gleichzeitig hat Rot-Grün dem Rennverein ein Hintertürchen offen gehalten.
24.11.2016, 21:23
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Rangeln um die Rennbahn
Von Jürgen Hinrichs
Rangeln um die Rennbahn

"Der Rennverein hat lange Zeit staatliche Kohle bekommen": Bei der SPD weint man dem Galoppsport keine Träne nach.

Frank Thomas Koch

Die Baudeputation hat gegen den Willen von Opposition und Beirat für den Wohnungsbau auf der Galopprennbahn gestimmt. Gleichzeitig hat Rot-Grün dem Rennverein ein Hintertürchen offen gehalten.

Für den Bausenator gibt es bei diesem Projekt kein Wenn und Aber: „Wir können es uns nicht leisten, ein so großes Areal mitten in der Stadt weitgehend ungenutzt liegen zu lassen, nur damit dort ab und zu Pferdchen im Kreis herumlaufen.“ Joachim Lohse (Grüne) meint die Galopprennbahn, die in Hemelingen liegt, seit Jahr und Tag aber der Vahr zugeschlagen wird. Auf dem 36 Hektar großen Gelände sollen unter anderem Wohnungen entstehen, die Rede ist von 1000 Einheiten. Beschlossen hat das am Donnerstag die Baudeputation.

Es gibt Kritik an diesen Plänen. Sie entzündet sich vor allem daran, dass nicht genügend informiert und diskutiert worden sei und nun Fakten geschaffen würden. Der Beirat Hemelingen zum Beispiel stellt sich mit Vehemenz quer. Es gibt auch eine Bürgerinitiative, die protestiert. Lohse räumt in der Deputation ein, dass man es besser hätte machen können: „Es gab Stockfehler in der Kommunikation.“ Trotzdem sei es reiner Populismus, wenn die Opposition sich die Kritik des Beirats und der Anwohner zu eigen mache, gleichzeitig aber betone, dass in Bremen dringend neue Wohnungen benötigt würden.

Jürgen Pohlmann (SPD) bläst ins gleiche Horn: „Wir sitzen alle im Bündnis für Wohnen, wenn es aber konkret wird, gibt es sofort wieder Widerstand.“ Die Frage sei für ihn nicht, ob auf dem Rennbahngelände gebaut werde, sondern wie das geschehe. Dem Galoppsport trauert Pohlmann keine Träne nach: „Der Rennverein hat lange Zeit staatliche Knete bekommen.“ Außerdem seien die Rennen beim Publikum nicht mehr so gefragt wie früher. Das sei in Bremen nicht anders als auf den übrigen Galoppbahnen in der Republik.

Vertrag mit Golf Range läuft bis 2034

Die Linke will an diesem Punkt auf keinen Fall missverstanden werden: „Uns liegen Pferde und Golf nicht unbedingt am Herzen“, betont die Abgeordnete Claudia Bernhard. Und natürlich brauche Bremen Wohnungen, vor allem bezahlbare. Aber dafür hätte man den Stadtteil besser einbinden müssen. Bernhard: „Das ist von Anfang an versemmelt worden.“

In Gang gebracht hat die Pläne vor knapp einem Jahr Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD). Sein Ressort verpachtet die Fläche und ist später auch für die Vermarktung zuständig. Ein Hindernis hat Günthner noch nicht aus dem Weg geräumt. Dem Rennverein kann er zwar kündigen, geschehen wird das voraussichtlich noch in diesem Jahr, sodass Ende 2017 eigentlich Schluss wäre mit der 140-jährigen Tradition des Galopprennsports in Bremen. Anders ist es aber mit dem Golfklub auf dem Gelände. Sein Vertrag läuft noch bis zum Jahr 2034.

Mit dem Rennverein war damals vereinbart, dass die Stadt ein Sonderkündigungsrecht hat, wenn sie für das Areal an der Ludwig-Roselius-Allee eine andere Nutzung plant und dafür konkrete Schritte unternimmt. Das ist am Donnerstag mit dem Beschluss, einen Bebauungsplan aufzustellen, passiert.

Dieses Recht gilt gegenüber dem Golfklub nicht. Betreiber der Anlage ist das Unternehmen Golf-Range mit Sitz in München. Auf Nachfrage unserer Zeitung hat der Geschäftsführer mehrfach betont, an dem Standort festhalten zu wollen. Er könnte es tun, die Stadt hätte keine Handhabe. Möglicherweise ist es letztlich aber eine Frage des Preises. Senator Günthner hatte angekündigt, Golf-Range aus dem Vertrag herauskaufen zu wollen. Das Geld dafür nehme er aus den Erlösen beim Verkauf der Grundstücke.

CDU und FDP monieren, dass mit dem Golfplatz-Betreiber offenbar noch nicht einmal gesprochen worden sei. Das Unternehmen hatte das in der Vergangenheit mehrfach bestätigt und seine Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht. „Insgesamt wird hier der zweite Schritt vor dem ersten gemacht“, sagt die CDU-Abgeordnete Silvia Neumeyer. Es gebe eine Unzahl drängender Fragen zu klären, dazu sollten alle Beteiligten ausführlich gehört werden. „Der Beschluss heute dient doch einzig und allein dazu, dem Rennverein zu kündigen. Das können wir doch getrost um ein Jahr verschieben“, so Neumeyer.

Rennverein als Zwischennutzer?

Ein Vertreter der Wirtschaftsbehörde deutet in der Deputationssitzung an, dass es faktisch so kommen könnte: „Wir sprechen die Kündigung aus, haben dadurch einen Zugriff auf das Gelände, könnten aber eine Zwischennutzung organisieren, und warum soll das nicht der Rennverein sein?“, sagt Dirk Kühling, Abteilungsleiter in dem Ressort.

Der Verein würde sich dem nicht verschließen. „Wir können uns alles vorstellen, auch das“, betont am Donnerstag auf Nachfrage Vorstandssprecher Frank Lenk. Zunächst wolle man jetzt aber die Kündigung abwarten. Lenk hatte früh klar gemacht, dass sein Verein alles unternehmen werde, um bleiben zu können.

Geht es nach den Grünen, sind die Galopper eher heute als morgen von ihrem Geläuf verschwunden. „Das ist klar, alles andere noch offen: Es wird dort keine Rennbahn mehr geben“, erklärt Ralph Saxe, Abgeordneter und Vorsitzender seiner Partei. Saxe verspricht sich einen neuen Impuls: „Was hat der Stadtteil denn gehabt von der Rennbahn, wo waren die Funktion und die Chance? Das kommt erst jetzt mit der neuen Entwicklung.“

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