Scheidender Blumenthaler Revierleiter Wolfgang Reimer über die Veränderung der Kriminalität in Bremen-Nord "Raub ist heute ja schon beinahe Alltag"

Blumenthal. Das Zusammenschlagen des 14-jährigen Schülers mit anschließendem Handyraub in Farge Unterm Berg war gerade erst. Immer noch bewegen im Stadtteil die Schüsse im Freizi Lüssum die Gemüter. Geschäftsleute beklagen eine Einbruchsserie in Blumenthal. Nicht mehr Kneipenschlägereien und Trunkenheitsfahrten sind die Delikte Nummer eins, letztere beschäftigten den Blumenthaler Revierleiter Wolfgang Reimer, als er vor 40 Jahren bei der Polizei anfing.
03.03.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Robert Goldberg

Blumenthal. Das Zusammenschlagen des 14-jährigen Schülers mit anschließendem Handyraub in Farge Unterm Berg war gerade erst. Immer noch bewegen im Stadtteil die Schüsse im Freizi Lüssum die Gemüter. Geschäftsleute beklagen eine Einbruchsserie in Blumenthal. Nicht mehr Kneipenschlägereien und Trunkenheitsfahrten sind die Delikte Nummer eins, letztere beschäftigten den Blumenthaler Revierleiter Wolfgang Reimer, als er vor 40 Jahren bei der Polizei anfing.

Nun geht er zum 31. März in den Ruhestand. Nach seiner "Lehrzeit" in verschiedenen Stadtbremer-Bezirken war er seit 1983 in Bremen-Nord eingesetzt - kennt den Stadtnorden, dessen Kriminalität und die Hauptdarsteller, wie kaum ein anderer.

Während der Beiratssitzung wurde Reimer erst zum Blumenthaler des Monats ernannt, eigentlich ist der in Neuenkirchen wohnende Blumenthaler der vergangenen 14 Jahre: So lange ist der Hauptkommissar schon in "seinem Revier". Zunächst stellvertretender Revierleiter, seit nunmehr sechs Jahren leitet er die Wache am Heidbleek mit seinen 13 Beamten.

"Ich habe als Streifenbeamter begonnen, war in nahezu allen Bremer Stadtteilen: zunächst Oslebshausen, Walle, lange Zeit in der Steintor-Wache." Dort, wo sich Drogenabhängige, Autonome, Werder-Anhänger und Szene-Leute ein Stelldichein geben.

"Lehrzeit auf der Steintor-Wache

Das war in den 70er Jahren, die hat Reimer gut in Erinnerung: "Das war die Zeit der großen Demos, da gab es den KBW noch (Kommunistischer Bund Westdeutschland, die Redaktion). Da hatten wir viele Einsätze, vor allem im Steintor. Auch bei Werder-Spielen war ich oft eingesetzt, wir mussten die Fanblöcke auseinanderhalten." Politische Demonstrationen, Rauschgift-Delikte (vor allem Kfz-Aufbrüche und Beschaffungskriminalität mit Einbrüchen), so hat sich für den heutigen Revierleiter die Kriminalität als junger Streifenbeamter dargestellt.

Vor allem an einen bösen Abend mit Autonomen vor der "Strandlust" erinnert er sich genau: "Es gab keine Einschätzung vorher, aber plötzlich waren Leib und Leben bedroht.Wir waren nicht mehr Herr der Lage. Da habe ich einfach einen Warnschuss Tränengas in die Luft abgegeben. Mit einem Male waren alle Demonstranten weg. Die Tränengas-Munition landete in einem Restaurant-Keller gegenüber dem KITO. Die Restaurantgäste flohen mit tränenden Augen, wir mussten später Schadensersatz an den Wirt zahlen."

Doch irgendwie war alles ruhiger: "Wenn in Oslebshausen ein Raub über Funk ging, dann war das schon eine ganz große Sache, ein Wahnsinnsdelikt. Heute ist das ja schon beinahe Alltag." Kneipenschlägereien und Trunkenheitsfahrten waren das Schwarzbrot für die Polizisten in den 70-er Jahren: "Das war in Oslebshausen, in Gröpelingen und auch am Vegesacker Hafen gang und gäbe. Aber wenn wir als Streife in die Kneipe kamen, war meist schnell Schluss, eigentlich war das auch ganz friedlich", erinnert sich Wolfgang Reimer mit einem Schmunzeln.

Mit der Werftenkrise in Bremen-Nord (AG Weser, Bremer Vulkan) änderte sich vieles. Arbeitslosigkeit wurde ein großes Thema. Statt der integrierten italienischen und spanischen Werft- und BWK-Arbeiter hatten die Polizisten es jetzt mit der desillusionierten, hoffnungslosen zweiten Generation der vor allem türkischen "Gastarbeiter" zu tun. "Ich war ja selber dabei, als der Bremer Vulkan kaputtging (15. August 1997 wurde das letzte Schiff ausgeliefert, die Redaktion). Wir hatten die Demo abzusichern, den Verkehr zu stoppen. Das war alles friedlich. Und wir kannten die Leute ja, ich wäre am liebsten mitmarschiert. Und mir war klar: Jetzt ändert sich ganz viel."

Vulkan-Demos gesichert

Wenn Reimer auch nicht einen direkten Zusammenhang zwischen der sich verändernden Kriminalität in Bremen-Nord und dem Strukturwandel sieht, so weiß er doch aus Erfahrung, dass die Kriminalität von früher nicht mehr mit der heutigen zu vergleichen ist. Reimer kann sich noch erinnern, dass er als Jugendlicher selbst an Prügeleien teilnahm: "Doch wir wären nie auf die Idee gekommen, brutal auf Wehrlose einzuschlagen, gar Waffen zu benutzen." Und der erfahrene Polizist ist fest überzeugt: Die Zunahme der Gewalt stehe in Zusammenhang mit den PC-Ballerspielen der Jugendlichen, mit dem Medienkonsum.

Beispiel Lüssum. "Seit den 2000er-Jahren gibt es neue Entwicklungen bei den Jugendlichen, und es sind vor allem überwiegend Migrationsjugendliche, das muss und darf ich an dieser Stelle mal sagen. Die haben versucht, die Straße für sich zu beanspruchen. Die haben schlicht und einfach gesagt: Die Straße gehört uns, ihr von der Polizei habt hier nichts zu suchen."

Wenn sich dann doch einmal ein Streifenwagen nach Lüssum heraustraute, war er meist umringt von 10 bis 15 Jugendlichen, die den Streifenbeamten an den Kragen wollten. "Die waren in arger Bedrängnis. Dann haben wir ab und zu einen Mannschaftswagen rausgeschickt, irgendwann änderte sich dann etwas."

Heute arbeite man vernetzt und behördenübergreifend zusammen, um die Probleme im Stadtteil anzugehen. Mit Schulleitern, Wohnungsbaugesellschaften, Initiativen vor Ort wie das Haus der Zukunft. Überwiegend mit Erfolg - mitunter aber auch mit Rückschlägen wie beim Vorfall Freizi Lüssum. Während der scheidende Revierleiter das erzählt, blinkt auf seinem Besprechungstisch ein kleines, rotes Miniatur-Schlagzeug. "Ja, das ist mein Traum. Wenn ich im Ruhestand bin, möchte ich Schlagzeug spielen, in einer Band."

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